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Soziale Arbeit als politische Praxis

08.01.2026 - 12 Min. Lesezeit

Portrait von Martin Heiniger

Martin Heiniger

Fachredaktion | Sozialinfo

Sozialarbeitende diskutieren in der Kaffeepause

Die Praxis Sozialer Arbeit ist stark durch gesellschaftliche und politische Umstände und Entwicklungen geprägt. Ob sie sich wirksam entfalten kann, hängt zudem davon ab, unter welchen Rahmenbedingungen sie ihre Handlungen vollzieht. Dieser Fokusartikel zeigt auf, wie Sozialarbeitende in der Praxis auf diese Systemumwelten Einfluss nehmen können.

Dreiteilige Serie zu Handlungsspielräumen der Sozialen Arbeit

Der erste Teil unserer Serie widmete sich der Frage nach Handlungsmöglichkeiten bei der «Arbeit im System». Im zweiten Teil befassten wir uns mit der «Arbeit am System».

In diesem dritten und abschliessenden Teil fragen wir nach Handlungsspielräumen der Sozialen Arbeit bei der Mitgestaltung politischer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und ziehen ein Fazit aus unseren Erkenntnissen.

Der 2025 zum zweiten Mal durchgeführte Trendmonitor von Zürich Sozial bestätigte bereits bekannte Haupttrends wie steigende Wohnungsnot und –preise und zunehmende psychische Probleme, v.a. bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Aber zwischen den Zeilen klang ein Thema an, das die Soziale Arbeit immer wieder umtreibt: Sozialarbeitende und soziale Organisationen werden in ihrer täglichen Arbeit immer wieder mit den Grenzen ihres Einflusses und ihrer Handlungsmöglichkeiten konfrontiert. Dies gehört zur Sozialen Arbeit. So gibt es etwa nie eine Garantie, dass eine bestimmte sozialarbeiterische Intervention zu einem gewünschten Resultat führt, sei sie noch so gut begründet und folgerichtig. Die Autonomie von Klient*innen zu respektieren, auch wenn sie sich nicht wie gewünscht verhalten, kann anspruchsvoll sein und es gehört zur Sozialen Arbeit, mit allenfalls damit verbunden Frustrations- oder Ohnmachtsgefühlen einen Umgang zu finden. Gleichzeitig ist die Soziale Arbeit stark von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, Trends und Umständen geprägt, die sich auf die Lebensrealitäten ihrer Klient*innen, aber auch auf die Arbeitsbedingungen der Sozialen Arbeit selbst auswirken.

Trendmonitor

Mit «Zürich Sozial» hat das Departement Soziale Arbeit der ZHAW eine Plattform entwickelt, die Trends im Sozialbereich sichtbar macht und aufzeigt, wo Handlungs- und Entwicklungsbedarf besteht.

Beispiele dafür sind etwa mangelnde Ressourcen oder strukturelle Hürden, welche Massnahmen erfordern würden, die ausserhalb der Sozialen Arbeit liegen, etwa in Sozialplanung, Sozial- oder Gesellschaftspolitik. So können etwa an manchen Orten auch die sorgfältigsten Bemühungen um gute Allokation den grundlegenden Mangel an bezahlbarem Wohnraum nicht aufheben. Oder die neuen Erkenntnisse und Ansätze aus der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit können ihre Wirkung nicht optimal entfalten, wenn die politischen Entscheidungsträger*innen die Sozialberatung in Spitälern kürzen.

In den Gesprächen mit Peter Streckeisen (ZHAW) und Tobias Kindler (OST) sind wir der Frage nachgegangen, welche Einflussmöglichkeiten die Sozialen Arbeit überhaupt hat, um auf die Rahmenbedingungen ihres Handelns Einfluss zu nehmen und welche Grenzen sie zu akzeptieren hat. Die Interviews wurden einzeln geführt.

Politisierung in der Alltagspraxis

Sozialinfo/Martin Heiniger: Wie kann sich Soziale Arbeit einbringen, um Politik und Gesellschaft mitzugestalten?

Peter Streckeisen: Soziale Arbeit ist sehr divers und in den verschiedenen Praxisfeldern sind die Herausforderungen oder Handlungsmöglichkeiten unterschiedlich. Es ist daher schwierig, auf diese Frage eine allgemeine Antwort zu geben. Aber es hilft, sich zu überlegen, was die gemeinsamen Nenner sind. Ein erster Punkt wäre zu sagen, dass Soziale Arbeit immer politisch ist. Sei es in der Jugendarbeit, Quartierarbeit, Arbeit in einem Heim oder auch in der wirtschaftlichen Sozialhilfe: wenn Sozialarbeitende mit den vorhandenen Gestaltungsspielräumen reflektiert umgehen, dann ist das eine Art und Weise, im Kleinen Politik zu machen. Ich würde deshalb Begriffe wie «Politisierung» oder «Repolitisierung» nicht nur in Grossbuchstaben schreiben, in dem Sinne, dass alle sich in einer Partei organisieren oder auf Barrikaden gehen müssen, sondern finde es wichtig, Politisierung auch im Kleinen oder in der Alltagspraxis zu sehen. Das entspricht den Analysen von Michael Lipsky zur «Street-Level-Bureaucracy».

Portrait Peter Streckeisen

Peter Streckeisen

Dozent

ZHAW Soziale Arbeit; Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe

Tobias Kindler: Ob sie sich um Mitgestaltung bemüht oder nicht: indem sie politische Entscheide implementiert, gestaltet sie immer mit. Dadurch unterstützt sie den vorherrschenden Kurs, selbst wenn sie sich nicht explizit positioniert. Auf einer weiteren Ebene könnten wir sagen, Soziale Arbeit ist eine Form eines sozialpolitischen Programms. Sie hat sich auf die individualisierte Bearbeitung sozialer Probleme spezialisiert, nämlich dort, wo generalisierte Massnahmen der Sozialpolitik nicht mehr greifen. In dem Verständnis gestaltet Soziale Arbeit nicht nur, sondern ist Sozialpolitik.

Im Alltag können Sozialarbeitende jedoch oft nur Symptome bekämpfen.

Tobias: Symptome zu bekämpfen ist ein wichtiger Teil der Sozialen Arbeit. In der Schweiz kennen wir dafür den schönen Begriff der «Pflästerlipolitik». Gleichzeitig geht es, wenn wir unsere Arbeit ernst nehmen, nicht hauptsächlich um individuelle, sondern um soziale Probleme. Das sind gesamtgesellschaftliche Probleme, deren nachhaltige Bearbeitung und Überwindung zwingend eine berufs- und fachpolitische Positionierung erfordert. Dabei ist es aber wichtig, Symptombekämpfung und politische Arbeit nicht gegeneinander auszuspielen. Wenn eine Person ein Pflaster braucht, ist es richtig und wichtig, ihr eines zu geben.

Portrait von Tobias Kindler

Tobias Kindler

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

OST - Ostschweizer Fachhochschule; Institut für Soziale Arbeit und Räume (IFSAR)

Was heisst das für die oder den individuellen Sozialarbeitenden?

Tobias: Ein Schlüssel zum Nachdenken über Handlungsspielräume ist meines Erachtens die Unterscheidung zwischen privatem und beruflichem Handeln. Privates Engagement, sich etwa in ein politisches Amt wählen zu lassen oder sich aktivistisch zu beteiligen, ist zwar sehr wichtig, das sagt auch der Berufskodex. Jedoch kann es auch zur Überforderung führen, wenn man von Fachpersonen verlangt, neben ihrer oft belastenden Arbeit und den vielen Fällen sich auch noch politisch zu engagieren. Daneben gibt es aber noch das professionelle politische Handeln.

Was ist damit gemeint?

Tobias: Damit ist gemeint, dass sich Sozialarbeitende während ihrer bezahlten Arbeitstätigkeit politisch einbringen. Dazu gibt es, grob gesagt, vier Möglichkeiten. Im Rahmen der beruflichen Tätigkeit können alle Sozialarbeitenden kleinere und grössere Akte politischen Handelns ausführen – im Fachdiskurs wird das Policy Practice genannt. Auf der akademischen Ebene können sich Professorinnen an der Hochschule, aber auch Studierende mit Abschlussarbeiten politisch einbringen. Dann gibt es die Ebene der Fach- und Berufsverbände, die einerseits ihre Mitglieder motivieren können, bei Aktionen mitzumachen, oder sie agieren stellvertretend für ihre Mitglieder, da diesen oft die Kapazitäten fehlen.

« Sozialarbeitende setzen in ihrem Arbeitsalltag ständig Politik um und können dabei Spielräume nutzen und weiterentwickeln. »

Portrait von Tobias Kindler

Tobias Kindler

Und die vierte Möglichkeit?

Tobias: Das ist die bereits erwähnte Politik-Implementation im Arbeitsalltag. Sozialarbeitende sind ein Paradebeispiel für «Street-Level-Bureaucrats» im Sinne Michael Lipskys, die in ihrem Arbeitsalltag ständig Politik umsetzen und dabei Spielräume nutzen und weiterentwickeln können. Vermeintlich eindeutige Regeln müssen im Einzelfall zumeist interpretiert werden – etwa bei der Frage, aufgrund welcher Kriterien jemand als «renitent», «nicht kooperativ» und somit «sanktionswürdig» gelabelt wird. Ich plädiere dafür, solche Spielräume aktiv zu nutzten.

Wie können das Sozialarbeitende konkret umsetzen?

Tobias: Wir könnten beginnen, schon viel kleinere Möglichkeit des Handelns in ihrem politischen Gehalt wahrzunehmen. Dabei unterscheide ich gerne zwischen internem und externem politischem Handeln. Intern bedeutet, dass man schon innerhalb der Organisation Strukturen gestaltet, etwa die Hausregeln in einem Jugendheim. Das ist Politik im Kleinen, die man verändern kann. Externes politisches Handeln beinhaltete dann alles, was auf der formalpolitischen Ebene passiert, sei es lokal, kantonal, national oder international.

Organisationskultur mitgestalten

Welche Rolle spielen dabei die Organisationen als Arbeitgebende für das politische Handeln der einzelnen Fachpersonen?

Peter: Da gibt es viele Aspekte, etwa dass überhaupt Spielräume zur Gestaltung ermöglicht werden, oder dass Organisationen Diskursräume zum fachlichen Austausch schaffen. Das ist nicht selbstverständlich und passiert nicht automatisch.

Ist es eine Führungsaufgabe, politisches Engagement zu unterstützen?

Peter: Es wäre natürlich wünschenswert, dass Leitungspersonen von sozialen Organisationen eine solche Kultur fördern. Aber es kann auch Bottom-up eingefordert und erkämpft werden. Nur weil etwas von der Führung nicht vorgesehen ist, bedeutet das nicht, dass es nicht stattfinden kann. Eine Organisation funktioniert nicht nur so, wie es im Organigramm steht, sondern es gibt auch informelle Räume und Nischen wie zum Beispiel Kaffeepausen. Oder eine Auseinandersetzung entzündet sich an einem Konflikt. In solch konkreten Situationen kann eine Person Möglichkeiten ergreifen, wenn sie die Auseinandersetzung nicht scheut.

« Nur weil etwas von der Führung nicht vorgesehen ist, bedeutet das nicht, dass es nicht stattfinden kann. »

Portrait Peter Streckeisen

Peter Streckeisen

Tobias: Es gibt Organisationen, die sich ganz bewusst als politische Einrichtungen verstehen und politisches Handeln ihrer Mitarbeitenden aktiv unterstützen. Strukturelle Arbeit kann dabei sogar Teil des Jobbeschriebs sein. Es wäre spannend, Stellenausschreibungen zu durchforsten, um zu sehen, wie viele politische Elemente in den Jobbeschrieben drinstecken. Das können explizite Elemente wie interne Weiterbildungen sein, aber auch implizite Sachen wie etwa, ob politisches Bewusstsein Teil der Organisationskultur ist. Es gibt aber auch viele Organisationen, die sich nicht politisch einbringen, etwa weil sie – teils berechtigterweise – Angst vor finanziellen Kürzungen haben oder sich dezidiert als politisch neutrale Umsetzerinnen sozialpolitischer Massnahmen verstehen.

Müssten soziale Organisationen unabhängiger agieren können?

Peter: Soziale Arbeit findet heute zu grossen Teilen entweder direkt in staatlichen Einrichtungen oder mit staatlichem Auftrag statt. Es gibt das Selbstverständnis, dass es gut sei, einen staatlichen Auftrag zu haben und dass der Staat die Finanzierung übernimmt. Diese Verantwortung einzufordern, finde ich gut. Aber andererseits braucht eine Profession auch Autonomie gegenüber staatlichen Instanzen. Diese ist nicht einfach ein- für allemal gegeben, sondern muss immer wieder von Neuem erkämpft werden. Vielleicht müssten wir kritisch überlegen, was an der gegenwärtigen engen Verzahnung zwischen Sozialer Arbeit und staatlichen Aufträgen und Instanzen problematisch sein könnte.

Wo siehst du die Ansatzpunkte?

Peter: Etwa bei der Frage, ob es grundsätzlich mehr Distanz zum Staat bräuchte, oder welche alternativen Finanzierungsquellen einzelne Organisationen erschliessen könnten, um unabhängiger von staatlichen Aufträgen zu werden. Dazu gehört auch die Frage, wie soziale Organisationen Bündnisse schmieden können, um gemeinsame Interessen gegenüber staatlichen Instanzen zu vertreten, anstatt als Einzelne zu kämpfen. Dabei ist zu bedenken, dass der Staat nicht etwas Einheitliches ist. Innerhalb und auch zwischen verschiedenen staatlichen Einrichtungen finden Auseinandersetzungen um bestimmte Werte und um gesetzliche Grundlagen statt. Bei Bourdieu gibt es dafür die Metapher der linken und der rechten Hand des Staates. Dadurch entstehen auch wieder Handlungsspielräume.

Politisierung als steter Prozess

Um ihre eigene Werteagenda zu verwirklichen, muss Soziale Arbeit also immer wieder in eine Spannung zu übergeordneten Instanzen gehen?

Peter: Ja sicher. In diesem Ringen um professionelle Autonomie könnte es spannend sein zu schauen, wie das andere Professionen wie etwa die Ärzt*innen oder das Pflegepersonal machen. Oder wie das in anderen Ländern oder nur schon in anderen Sprachregionen in der Schweiz läuft. Die Soziale Arbeit ist beispielsweise in der Romandie anders organisiert als in der Deutschschweiz. Es gibt auch Teilbereiche der Sozialen Arbeit, etwa die Soziokulturellen Animator*innen, die eigene Professionsverbände haben, die stark politisch engagiert sind. Dabei geht es nicht darum, dass wir es in Zürich gleich machen wie in Genf. Aber durch Erfahrungsaustausch könnten wir voneinander lernen.

Welche Legitimation hat die Soziale Arbeit, die Gesellschaft mitzugestalten?

Tobias: Soziale Arbeit charakterisiert sich stark durch ihre berufsethischen Grundwerte. Die internationale Definition der Sozialen Arbeit beschreibt genau, was die Praxis der Sozialen Arbeit alles umfasst. Politikgestaltung ist dabei wortwörtlich erwähnt. Auch der Berufskodex der Schweizer Sozialen Arbeit fordert, dass wir nicht nur als Fachpersonen politisch handeln, sondern uns auch mit den staatsbürgerlichen Mitteln für eine gerechte Gesellschaft einsetzen sollen. Für mich ist deshalb ganz klar, dass wir auf der Basis unserer Berufsethik einen politischen Auftrag haben.

Wie schätzt ihr die Forderung ein, die Soziale Arbeit müsse politischer werden, die man zuweilen hört?

Peter: Ich finde es schwierig zu beurteilen, ob die Soziale Arbeit zu wenig politisch ist oder nicht. Repolitisierung zu fordern heisst für mich nicht unbedingt, dass wir im Moment zu wenig politisch sind, sondern dass wir uns immer wieder von Neuem mit Politisierung auseinandersetzen müssen, weil sich Gesellschaft und Politik laufend verändern. Heute haben wir neue Herausforderungen wie etwa die neuen rechten Bewegungen, Auseinandersetzungen um Geschlechtsidentitäten oder die postmigrantische Gesellschaft. Dadurch werden neue Erwartungen an die Soziale Arbeit herangetragen. Manche Formen von Politisierung funktionieren nicht mehr. Repolitisierung muss deshalb immer wieder neu und anders stattfinden, dafür gibt es kein Rezept.

« Wir müssen uns immer wieder von Neuem mit Politisierung auseinandersetzen. »

Portrait Peter Streckeisen

Peter Streckeisen

Tobias: In einer aktuellen Studie, in der wir Sozialarbeitende aus Deutschland und der Schweiz zu ihrem politischen Handeln befragt haben, zeigte sich eine überwältigende Zustimmung zum politischen Auftrag. Da waren rund 95% der Sozialarbeitenden der Meinung, dass sich Soziale Arbeit politisch einbringen müsse. Wenn man nachher aber sieht, wie viele sich tatsächlich engagieren, dann sind das bedeutend weniger. Ich würde daher sagen, theoretisch muss sie nicht repolitisiert werden, praktisch aber schon.

Engagement für eigene Arbeitsbedingungen

Inwiefern geht es dabei auch darum, die Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit mitzugestalten?

Tobias: Ob ich mich für bessere Lebensbedingungen von Adressat*innen oder für bessere Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit einsetze ist ein Unterschied. Es gibt aber eine grosse Schnittmenge. Wenn ich eine angemessene Arbeitsumgebung habe, kann ich auch bessere Beratungsarbeit leisten. Zudem hat jede arbeitnehmende Person das Recht, sich für gute Rahmenbedingungen ihrer Arbeit einsetzen. Das gilt für Soziale Arbeit genauso wie für andere Berufe und Professionen. Dabei könnte sich der Sozialbereich von Branchen wie dem öffentlichen Verkehr, die einen enorm hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad haben, noch eine Scheibe abschneiden. Wenn es aber nur darum geht, den eigenen Status oder den der Profession zu erhöhen, ist das nicht im Sinne der Grundwerte Sozialer Arbeit wie soziale Gerechtigkeit oder die Einhaltung der Menschenrechte.

Peter: Es braucht beides, und ich glaube nicht, dass das eine mehr oder weniger politisch ist als das andere. Ein Knackpunkt dabei ist, dass in der Sozialen Arbeit der Einsatz für die Interessen der Profession manchmal mit dem Einsatz für die Interessen von Adressat*innen verwechselt wird. Wenn Sozialarbeitende sagen, es sei wichtig, dass wir unsere Arbeit gut machen, weil das wichtig für die Adressat*innen sei, ist das ein Kurzschluss. Die diversen Interessen verschiedener Adressat*innengruppen der Sozialen Arbeit zu vertreten, ist eine eigenständige Ebene von politischer Arbeit; die Organisation der Sozialarbeitenden als Angehörige einer Profession ist eine andere. Soziale Arbeit soll für ihre Interessen als Profession hinstehen, die natürlich wichtig sind, um gute Arbeit machen zu können. Das sollte aber nicht vermischt oder verwechselt werden mit Interessen von Adressat*innen, denn von dort ist es ein kleiner Schritt zu einer Form von politischer Instrumentalisierung.

« Jede arbeitnehmende Person hat das Recht, sich für gute Rahmenbedingungen ihrer Arbeit einsetzen. Das gilt auch für die Soziale Arbeit. »

Portrait von Tobias Kindler

Tobias Kindler

Selbstorganisation auch für Adressat*innen

Wie kann Soziale Arbeit diese Gefahr vermeiden?

Peter: Heute werden Selbstbestimmung und Partizipation immer wichtiger. Da stellt sich die Frage, wie die Soziale Arbeit für mehr Möglichkeiten sorgen kann, damit Adressat*innen über ihre Angebote mitbestimmen können. Das öffnet ein weites Feld, das sehr politisch ist. In dieses Feld gehört auch die Förderung der Selbstorganisation und eigenständigen Interessenvertretung von Adressat*innen der Sozialen Arbeit.

Tobias: Statt dass die Sozialarbeitenden stellvertretend für Adressat*innen handeln, könnte man auch verstärkt gemeinsam handeln oder Adressat*innen dazu befähigen, für sich selbst einzustehen.

Das hiesse, das Mandat gegenüber den Zielgruppen aufzuwerten?

Peter: Genau, und damit stellt sich die Frage, wie diese Bedürfnisse überhaupt artikuliert werden können. Für die Stadt Zürich führen wir zurzeit ein Projekt durch, bei dem wir die Zugänglichkeit und Qualität von städtischen Dienstleistungen für Bevölkerungsgruppen mit bestimmten Barrieren überprüfen. Die verschiedenen Verwaltungsabteilungen der Stadt können bei uns Tests in Auftrag geben, etwa um herauszufinden, woran es liegt, dass gewisse Zielgruppen nicht erreicht werden. Das ist ein Beispiel, wie Adressat*innen in die Weiterentwicklung von Angeboten einbezogen werden können.

Wie gross ist die Bereitschaft der Abteilungen, aus solchen Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen, auch wenn sie vielleicht unbequem sind?

Peter: Wenn eine Dienststelle uns für so einen Test anfragt, ist die Bereitschaft sicher vorhanden, etwas anzupassen oder zu verbessern. Was sie innerhalb ihrer Rahmenbedingungen machen können und was nicht, muss sich dann natürlich zeigen. Was jedoch immer stattfindet, ist Reflexion über Aspekte, die ihnen vorher teilweise nicht bewusst waren und bereits das kann eine Relevanz haben. Nur schon die Sensibilisierung dafür, wie Menschen angesprochen werden, welche Begriffe verwendet werden, kann für die Zielgruppe eine grosse Bedeutung haben.

Konkrete Kompetenzen erhöhen Engagement

Was braucht es nebst einem politischen Bewusstsein, damit Sozialarbeitende politisch aktiv werden?

Tobias: Aus der Forschung kennen wir zwei Hauptgründe, weshalb sich Sozialarbeitende politisch einbringen. Zum einen bringt man sich umso stärker ein, je mehr politische Fähigkeiten man sich selbst zuschreibt. Zum andern ist ein ebenso starker Faktor, inwiefern die Organisation, bei der ich angestellt bin, mein politisches Handeln unterstützt oder begrenzt.

Welche Rolle spielt die Ausbildung?

Tobias: In der angesprochenen Studie sind wir davon ausgegangen, dass sich Sozialarbeitende stärker politisch engagieren, je mehr sie im Rahmen ihres Studiums zu politischem Handeln gelernt haben. Diese Hypothese mussten wir verwerfen. Was aber, als Mediationseffekt, wichtig ist, sind die vermittelten Kompetenzen. Je mehr Sozialarbeitende das Gefühl haben, die notwendigen Fähigkeiten zu besitzen, desto stärker sind sie engagiert. Das bedeutet, dass Ausbildungsprogramme und Hochschulen verstärkt darauf abzielen sollten, nicht nur Theorie, sondern konkrete politische Kompetenzen zu vermitteln, beispielsweise die Einübung rhetorischer Strategien oder das Kennenlernen politischer Analysetools.

Peter: Ich finde, Hochschulleitungen, einzelne Departemente oder Institute könnten durchaus öffentlich Stellung nehmen oder eine Arena für politische Auseinandersetzungen bieten. Sie sollten auch für Studierende und Mitarbeitende Möglichkeiten schaffen, sich politisch zu äussern. Zudem fragt sich, was es im Curriculum braucht. Es gibt beispielsweise Module zu politischer Arbeit oder Agenda Setting und das finde ich auch gut. Gleichzeitig wäre es auch da wieder wichtig zu zeigen, dass nicht nur das explizite Engagement in Bewegungen oder Parteien politisch relevant ist. Wenn in der alltäglichen Praxis politisch gedacht wird, bewirkt das vielleicht nicht weniger und beides ist wichtig.

« Wenn wir akademisches Handeln als spezifische Form politischen Handelns auffassen, dürfen bzw. müssen wir mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit treten. »

Portrait von Tobias Kindler

Tobias Kindler

Fachhochschulen sind auch auf öffentliche Gelder angewiesen. Ist das ein Faktor, der eine explizite politische Positionierung erschwert?

Tobias: Das ist etwas, was mich umtreibt. Auf mich wirken die Fachhochschulen tatsächlich ängstlich und sie versuchen oft, eine Art Pseudoneutralität aufrechtzuerhalten. Wenn wir aber akademisches Handeln als spezifische Form politischen Handelns auffassen, dürfen bzw. müssen wir sogar mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit treten. Bei Forschungsprojekten, die von öffentlichen Geldergebenden wie beispielsweise dem Schweizerischen Nationalfonds gefördert sind, sind wir sogar oftmals dazu verpflichtet, Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen. Und wenn wir zum Beispiel aufzeigen können, welche Integrationsmassnahmen wirken und welche nicht, ist das in meinem Verständnis klar eine Form politischen Handelns. Es liegt in der Natur der Sache, dass manche politischen Parteien an solchen Ergebnissen dann mehr Freude haben als andere. Aber ich bin sehr klar dafür, dass uns das nicht davon abhalten sollte, unsere Erkenntnisse fachpolitisch einzubringen.

Peter: Die Entwicklung der Fachhochschulen hat vielleicht schon zu einer Entpolitisierung der Profession beigetragen. Aber ich glaube, das ist keine zwangsläufige Entwicklung. Es kommt immer darauf an, wie Ausbildungseinrichtungen gestaltet werden und wie sie sich selbst sehen, und da sehe ich auch Unterschiede zwischen den einzelnen Fachhochschulen für Soziale Arbeit in der Schweiz. Grundsätzlich würde ich mir ein stärkeres Selbstverständnis wünschen, dass wir als öffentliche Hochschulen Orte sind, wo öffentliche fachliche, aber auch politische Diskurse geführt werden. Da erlebe ich Fachhochschulleitungen zum Teil eher defensiv.

Besseres Verständnis von Emotionen

Zwischen den Zeilen ist beim Trendmonitor «Ohnmacht» angeklungen. Was ist die Bedeutung von Gefühlen wie Ohnmacht in der Sozialen Arbeit?

Peter: Es ist nicht ganz einfach, systematisch darauf zu antworten. Ich glaube, Ohnmachtsgefühle können entstehen, wenn sich Sozialarbeitende in schwierigen Situationen allein gelassen fühlen. Ein ähnliches Thema ist die Scham. In der Sozialen Arbeit gibt es die Vorstellung von hilfsbedürftigen Adressat*innen, die sich schämen und darum zum Beispiel auf Leistungen verzichten. Aber was ist mit Sozialarbeitenden, die sich schämen, zum Beispiel dafür, dass sie ihre Ziele nicht erreichen können und sich deshalb ohnmächtig fühlen? Oder dafür, dass sie nicht den hohen Ansprüchen gerecht werden, die die Profession an sie stellt? Natürlich verschwinden solche Gefühle durch den Austausch mit anderen nicht, aber es hilft dabei, einen gemeinsamen Umgang damit zu finden.

« Mehr über Emotionen zu sprechen wäre auch eine Form von Politisierung. »

Portrait Peter Streckeisen

Peter Streckeisen

Wird die Bedeutung von Emotionen für das Handeln oder auch das Denken grundsätzlich unterbewertet?

Peter: Wie wir mit eigenen Emotionen und denen des Gegenübers umgehen, sei es Ohnmacht, Scham oder auch Wut, ist ein wichtiges Feld, und ich bin nicht sicher, ob im beruflichen Alltag oder auch in der Ausbildung genug darüber gesprochen wird. Als Ressourcen für Solidarität und Aktion haben Emotionen auch eine politische Dimension. Mehr darüber zu sprechen wäre daher auch eine Form von Politisierung. Dasselbe gilt, wenn es darum geht zu verstehen, was gesellschaftliche Entwicklungen wie die neuen rechten Bewegungen angeht. Die Analysen dazu sind meist sehr akademisch und intellektuell. Ich bin aber überzeugt, dass wir viel systematischer versuchen müssten, die Emotionen zu verstehen, die dahinterstehen. Das würde uns auch wieder neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

Fazit

Gehört Ohnmacht zur Sozialen Arbeit? Diese Frage geriet durch den Trendmonitor von Zürich Sozial ins Blickfeld. Zwar wurde sie nicht explizit genannt, erschien jedoch implizit, zwischen den Zeilen. Im Austausch mit meinen Kolleg*innen, aber auch mit den Verantwortlichen des Trendmonitors ergab sich daraus die positiv gewendete Frage nach den Handlungsspielräumen in der Sozialen Arbeit. Natürlich hätten wir auch das Gegenstück von Ohnmacht, nämlich Macht, thematisieren können. Die Diskussion über Soziale Arbeit als machterlebende, aber auch machtausübende Instanz ist sehr relevant und stellt auch normative Fragen nach der Legitimität verschiedener Ausprägungen von Macht.1 In der Frage nach Handlungsspielräumen, über die wir mit verschiedenen Fachpersonen gesprochen haben, klingen diese Dimensionen natürlich an. Wir haben uns aber erlaubt, den Fokus auf die Soziale Arbeit als machterlebende Instanz zu legen. Dabei haben wir - analog zur gängigen Unterscheidung von Mikro-, Meso- und Makroebene - drei Bereiche differenziert:

  • «Arbeit im System», d.h. in der täglichen Arbeit an der Problemlösung mit Klient*innen
  • «Arbeit am System», d.h. bei der Ausgestaltung organisationaler Strukturen
  • «Arbeit an der Systemumwelt», d.h. in der Mitgestaltung politischer Rahmenbedingungen

Wir fragten danach, welche Spielräume Fachpersonen und Organisationen auf diesen jeweiligen Ebenen haben, um gute Soziale Arbeit zugunsten ihrer Adressat*innen zu machen. Damit haben wir auch bereits vorausgesetzt, dass die Soziale Arbeit legitimiert ist, ihre Spielräume auf den jeweiligen Ebenen auszuloten und auszuschöpfen.

Eines der wichtigsten Statements ist, dass es wichtig sei, dabei im Kleinen anzufangen. Das bedeutet etwa, die Spielräume im alltäglichen Handeln mutig zu ergründen und kreativ zu nutzen, etwa indem man Regeln dehnt und Möglichkeiten sucht, diese zugunsten von Klient*innen auszulegen. Wichtig ist den Interviewten dabei, Symptom- und Ursachenbekämpfung nicht gegeneinander auszuspielen. Beides sei wichtig und die Arbeit mit Klient*innen dürfe nicht geringgeschätzt werden. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass viele Probleme auf mehreren oder allen drei Ebenen bearbeitet werden müssten. So ist beispielsweise Wohnungsnot ein Problem, das sowohl individuell als auch auf organisatorischer und politischer Ebene bearbeitet werden muss. Weitere übergreifende Themen sind etwa Selbstorganisation und Autonomie. Diese gelte es nicht nur bei Klient*innen zu fördern. Auch soziale Organisationen, ja die Soziale Arbeit an sich müsste ihre Autonomie immer wieder von Neuem erkämpfen und sicherstellen. Als letztes sei ein möglicherweise selbstverständlicher Punkt hervorgehoben: wie wichtig es sei, ein - auch politisches - Bewusstsein für die eigenen Handlungen zu entwickeln. Die Bedeutung des Austauschs, ob innerhalb einer Organisation, innerhalb der Profession und darüber hinaus, sei dabei kaum zu überschätzen.

Davon ist auch Zürich Sozial überzeugt. Ausgehend von den Resultaten des Trendmonitors organisieren die Verantwortlichen der ZHAW jeweils «Reallabors». Dieses interdisziplinäre Format ermöglicht einen praxisnahen Austausch zwischen Hochschule, Praxisorganisationen sowie kantonalen und kommunalen Behörden, um im Kleinen damit anzufangen, möglichst konkrete Lösungen zu entwickeln. Projektleiterin Fiona Gisler: «Das ist eines unser Mittel gegen die Ohnmacht».

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