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KI im Sozialbereich: Verantwortung übernehmen und Kompetenz entwickeln

22.01.2026 - 7 Min. Lesezeit

Portrait von Martin Heiniger

Martin Heiniger

Fachredaktion | Sozialinfo

Mehrere Personen arbeiten an einem Workshop zusammen.

Im Umgang mit KI in Organisationen des Sozialbereichs ist Umsicht und Reflexion gefragt. Ein strukturiertes Vorgehen, etwa mithilfe einer KI-Strategie, hilft, sich über Ziele klar zu werden und die nötigen Kompetenzen aufzubauen.

Seit KI-Sprachmodelle vor gut drei Jahren allgemein zugänglich wurden, hat eine unüberschaubare Entwicklung von Anwendungen und Nutzung Künstlicher Intelligenz eingesetzt. So wie die ganze Gesellschaft ist auch der Sozialbereich mit der Aufgabe konfrontiert, sich sowohl mit den neuen Möglichkeiten als auch den Gefahren auseinanderzusetzen. Dabei ist «KI» ein weiter Begriff, dessen oft metaphorischer Gehalt auch von der Verwendung abhängt. Die rasante Geschwindigkeit der Entwicklung erzeugt Handlungsdruck: soziale Organisationen müssen Orientierung finden und Kompetenz im Umgang mit KI erwerben, um keine wichtigen Entwicklungen zu verpassen.

Wie andere Organisationen sind auch wir bei Sozialinfo konfrontiert mit der rasenden Geschwindigkeit, mit der KI-Anwendungen unseren Alltag verändern. Wir nehmen dies zum Anlass, uns intensiv mit den Chancen und Möglichkeiten von KI, aber auch mit deren Risiken auseinanderzusetzen. Unser Ziel ist, Organisationen des Sozialbereichs in dieser Auseinandersetzung zu begleiten, ihnen Fachwissen zu vermitteln und sie beim Aufbau von Kompetenz im Umgang mit KI zu unterstützen.

Dazu wollen wir unsere eigene Auseinandersetzung mit KI transparent machen und unser Ringen um Positionierung diskutierbar machen. Im Gespräch teilen Sabine Muff, KI-Strategin, und Thomas Brunner, Geschäftsleiter bei Sozialinfo, ihre Erfahrungen im Umgang mit den Herausforderungen, die KI insbesondere für die Soziale Arbeit mit sich bringt.

« KI zu ignorieren war keine sinnvolle Möglichkeit. »

Portrait von Sabine Muff, Sozialinfo.

Sabine Muff

Portrait von Sabine Muff, Sozialinfo.

Sabine Muff

Produktmanagement KI-Dienstleistungen

Sozialinfo

Martin Heiniger / Sozialinfo: Sabine, du hast bei Sozialinfo die Rolle der KI-Strategin inne. Was kann man sich darunter vorstellen und weshalb braucht es die Funktion?

Sabine: Bei Sozialinfo wurden wir, genau wie viele andere Organisationen, mit der rasanten Entwicklung und Einführung von KI-Tools konfrontiert und müssen damit einen konstruktiven Umgang finden. KI zu ignorieren war keine sinnvolle Möglichkeit. Die Grundsatzfrage war dann, ob wir uns einfach mittreiben lassen, oder ob wir versuchen, zu steuern. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden. Als Strategin habe ich die Aufgabe, unser Vorgehen zu strukturieren. Dazu gehört, eine interne KI-Strategie zu entwickeln und eine Vision zu formulieren, was wir mit dem Einsatz von KI erreichen möchten.

Wer bestimmt bei Sozialinfo über den Umgang mit KI?

Sabine: Aus unserer KI-Strategie haben wir «KI-Leitlinien» abgeleitet, die unsere interne Nutzung von KI-Tools regeln. Uns ist wichtig, eine gemeinsame Basis zu haben und unsere Positionen zu Fragen rund um KI gemeinsam zu entwickeln. Dazu dient uns das «KI-Lab». Dieses Format ermöglicht einen regelmässigen Austausch, indem es Delegierte aus jedem Kreis unserer Organisation zusammenbringt, um mögliche Anwendungsfälle von KI zu besprechen und sie in Bezug auf mögliche oder erwartbare Konsequenzen zu bewerten.

Portrait von Thomas Brunner

Thomas Brunner

Geschäftsführung

Sozialinfo

Was war bei Sozialinfo der Moment, wo ihr realisiert habt, dass KI mehr ist als bloss ein neues Gadget, das man auch ignorieren könnte?

Thomas: Mit den ersten Experimenten wurde klar, dass KI etwas Grosses ist, das nicht wieder gehen, sondern bleiben wird. Anwendungen zum Beispiel in der Optimierung von Texten haben gezeigt, wie mächtig KI-Tools sind. Einfach nur zu akzeptieren, dass da plötzlich ein Gast am Tisch sitzt, den wir gar nicht eingeladen hatten, war für mich deshalb keine Option. Für mich war es sehr wichtig zu verstehen, was dieser Gast ist und welche Macht er für uns oder über uns hat. Um entscheiden zu können, wo er mitdiskutieren soll und wo nicht, braucht es Grundlagen.

Was sind aus eurer Sicht die grössten Herausforderungen, die KI in die Welt gebracht hat?

Thomas: Wir alle, die uns aktiv mit dem Thema KI auseinandersetzen, benötigen eine Vorstellung von dessen Dimensionen. Mich von einem KI-Chatbot inspirieren zu lassen, was ich mit dem, was im Kühlschrank ist, kochen könnte, ist eine lustige und hilfreiche Sache. Aber welcher Grad des Einbezugs von KI ist nötig, damit sie effektiven Nutzen erzeugt - was sie unbestritten kann - und wo liegen in beiden Richtungen die Grenzen davon? Sich davon ein Bild machen zu können, ohne vor der schieren Grösse des Themas zu kapitulieren, ist eine riesige Aufgabe.

« Sich von KI ein Bild machen zu können, ohne vor der schieren Grösse des Themas zu kapitulieren, ist eine riesige Aufgabe. »

Portrait von Thomas Brunner

Thomas Brunner

Sabine: Für mich persönlich ist das Tempo der Entwicklung die grösste Herausforderung. Das erschwert es, eine gute Balance zu finden und sich einerseits auf die Entwicklung einzulassen, sich anderseits aber auch genug Zeit zur Reflexion zu nehmen. Denn schlussendlich ist KI nach wie vor etwas Unbekanntes - wir wissen noch nicht, was durch sie alles verändert und wie sie uns als Gesellschaft beeinflussen wird. Dabei geht es auch darum zu erfassen, was alles zu KI gehört. Es ist ja mehr als das, was auf dem Bildschirm erscheint. Dahinter stehen Themen wie Macht oder Zugang, oder auch Diskriminierung, wie etwa die Diskussionen um «KI-Bias» zeigen. Für die generelle Haltung gegenüber KI ist mir wichtig, dass wir dabei die Perspektive der Sozialen Arbeit einnehmen. Das bedeutet, das Thema KI einerseits klar in Beziehung zu den Herausforderungen des Sozialbereichs zu setzen, andererseits aber auch zu schauen, was KI für unsere Profession heisst und welche Themen in dem Kontext besonders zu beachten sind.

Ist Soziale Arbeit denn besonders oder auf eine andere Art herausgefordert als andere Bereiche der Gesellschaft oder Professionen?

Sabine: Im Kontakt mit Organisationen des Sozialbereichs haben wir festgestellt, dass das Thema KI zunehmend beschäftigt und viele sich unter Druck fühlen. Teilweise besteht die Sorge, ins Hintertreffen zu geraten, wenn sie nicht sofort auf den KI-Zug aufspringen. Das kann dazu führen, dass sie zu schnell und zu wenig strukturiert handeln. Ich erhoffe mir, dass die Soziale Arbeit die Chance nutzt, sich gut zu überlegen, was Soziale Arbeit in dem Kontext bedeutet und das auch als Gelegenheit nutzt, sich mit ihren Werten zu positionieren. Konkret heisst das zum Beispiel auch, sich zuerst zu überlegen, welches die Ziele eines Einsatzes von KI sind und ob damit ein wirklicher Mehrwert für die Klient*innen entsteht, etwa einfachere Zugänge oder bessere Möglichkeiten, ihr Leben autonom zu gestalten. Oft erhoffen sich Organisationen durch KI eine grosse Effizienzsteigerung. Hier müssen wir darüber diskutieren, was wir mit der gesparten Zeit machen und ob wir allenfalls zwar effizienter, aber nicht unbedingt effektiver sind. Wenn wir zum Schluss kommen, dass wir bestimmte Funktionen einer Maschine überlassen können, stellen sich weitere Fragen, etwa zum Datenschutz oder wie weit man rechtlich Verantwortung überhaupt an eine Maschine abgeben kann. Dabei wird es wohl weniger darum gehen, dass entweder Mensch oder Maschine entscheidet, sondern darum, die Expertise einer Fachperson mit einer technisch erzeugten Einschätzung zusammenzuführen.

Thomas: In den vergangenen zwei Jahren haben wir viel darüber gesprochen, was es für die Soziale Arbeit bedeutet, dass Maschinen sozialarbeiterische Aufgaben übernehmen, und was daran allenfalls problematisch ist. Für die Soziale Arbeit ist es dabei wichtig, sich so weiterzuentwickeln, dass sie sich nicht in Kämpfen verliert. Ihre Aufgabe ist, die Menschen zu stärken, selbstbestimmt zu existieren. Dazu ist es nötig, mit den Schattenseiten von KI umgehen zu lernen, statt sie grundsätzlich in Frage zu stellen. Diverse Studien zeigen zum Beispiel, dass die uneingeschränkte Verfügbarkeit einer KI-Instanz als Gesprächspartner von Nutzenden als hilfreich erlebt wird. Wenn sie es als hilfreich erleben, nutzen sie es auch, egal ob wir das gut finden oder nicht. Auf der anderen Seite ist es auch für die Soziale Arbeit eine Herausforderung, den Verlockungen der KI nicht zu erliegen. Zum Beispiel ist bei von uns allen als schwierig erlebten Aufgaben, wie etwa der Risikoeinschätzungen im Kindesschutz, die Versuchung gross, die Verantwortung an die Maschine abzugeben.

« Manche Menschen lassen sich lieber von einem Chatbot als von einem Menschen beraten. Da stellt sich die Frage, was der Mehrwert eines menschlichen Beziehungsangebots ist. »

Portrait von Sabine Muff, Sozialinfo.

Sabine Muff

Wenn Menschen zunehmend KI als Gegenüber akzeptieren, besteht die Gefahr, dass der Unterschied zwischen einem menschlichen und einem künstlichen Gegenüber letztlich eingeebnet und von manchen Menschen als irrelevant erlebt wird. Ist das für die Soziale Arbeit, die auf menschlichen Beziehungen basiert, eine Gefahr?

Sabine: Ich glaube schon. Aus Studien weiss man, dass sich manche Menschen zu unterschiedlichsten Themen lieber von einem Chatbot als von einem Menschen beraten lassen. Da stellt sich die Frage, was der Mehrwert eines menschlichen Beziehungsangebots ist, wie es die Soziale Arbeit macht. Was kann ich bieten, was eine KI nicht kann? Dazu muss man auch die Lebenswelten der Adressat*innen beachten und fragen, warum sie zum Teil sehr bewusst einen anonymen Chat wählen und eben nicht einen Menschen. Das kann auch ein Hinweis darauf sein, dass bei uns die Zugangshürden zu hoch sind, dass sie sich eben nicht an Menschen wenden. Dass sie sich autonom und eigenständig anderweitige Hilfe holen, die ihnen in dem Moment guttut, ist ja an sich im Sinn der Sozialen Arbeit.

Thomas: Nehmen wir das Beispiel niederschwellige Erstberatung. Einer ihrer Wirkfaktoren ist die hohe Verfügbarkeit rund um die Uhr und von überall her. Ein zweiter ist, dass Ratsuchende nichts von sich preisgeben müssen, sondern einfach sagen können, was sie brauchen, eine Frage stellen oder einen Auftrag geben können. Da gibt es keine Gründe für Scham, kein Vorher und kein Nachher, kein Outing, nur das, was ich gerade besprechen will. Beide Faktoren kann KI perfekt abdecken – und bei ihr gibt’s noch nicht mal eine Warteschleife. Es gibt also nachvollziehbare Gründe für Menschen, sich mit einer KI-Instanz, statt mit einer realen Beratungsperson auszutauschen. Wir dürfen dabei nicht unterschätzen, dass wir als Gesellschaft es begünstigen, dass eine KI-Instanz als künstliches Vis-à-Vis überhaupt in Frage kommt. So ist etwa die gefühlte Einsamkeit bei Jugendlichen oder auch anderen Zielgruppen in der Schweiz sehr verbreitet, oft obschon sie in Strukturen wie Schule oder Fussballclub eingebettet sind. Diese Menschen fühlen sich einsam, weil sie den Zugang zu ihren Mitmenschen nicht finden. Wenn dann plötzlich eine Maschine da ist, die permanent verfügbar ist, immer adäquate Antworten gibt und dich nie hinterfragt, tut das einem nachvollziehbar gut. Die Soziale Arbeit hat das zu akzeptieren, auch wenn wir uns vor fünf Jahren eine Technologie, die das kann, noch nicht hätten vorstellen können.

Was habt ihr bei Sozialinfo an konkreten Aktionen und Angeboten geplant? Welche Visionen sind mit der Auseinandersetzung mit KI verbunden?

Thomas: Intern geht es uns darum, mögliche Anwendungsfälle zu definieren und zu überprüfen. Unsere Leitbilder und Konzepte sind kein Selbstzweck. Wir wollen damit die Gründe klären, wieso wir für bestimmte Zwecke KI nutzen und für andere nicht. Wenn jemand eine Chance sieht, mit einer Anwendung von KI Wert zu generieren, dann überprüfen wir, ob die Idee standhält und wenn es so ist, machen wir es. In manchen Bereichen, wie etwa der Unterstützung von Softwareentwicklung durch KI, ist das unproblematisch, wenn wir von der ökologischen Problematik absehen, die mit KI generell verbunden ist. Gegen aussen stellen wir unsere Erfahrungen und unsere Kompetenz im Beantworten der Frage, wann der Einsatz von KI sinnvoll ist und wann nicht, anderen zur Verfügung. Wir lassen sie teilhaben an unserem Weg und auch an Produkten, die ihren Weg unterstützen. Diese Kompetenz aufbauen zu helfen ist unsere Mission. Und dann gibt es ein weiteres grosses Thema, bei dem wir mitdiskutieren wollen: die Entwicklung einer KI, die so gut als möglich auf Bedingungen und Bedürfnisse des Sozialbereichs zugeschnitten ist. Dies ist ein grosses und spannungsgeladenes Vorhaben.

« Organisationen wissen, dass ihre Mitarbeitenden KI ganz selbstverständlich nutzen. Das zu akzeptieren führt logischerweise zum Schritt, Kompetenz in der Organisation aufzubauen »

Portrait von Thomas Brunner

Thomas Brunner

KI ist ein kontroverses Thema. Wie geht Sozialinfo mit unterschiedlichen Meinungen, Vorbehalten und Ängsten um?

Sabine: Unsere Organisation deckt ein ziemliches breites Spektrum an Meinungen ab. Zwischen Vorbehalten gegenüber KI und Kritik gegenüber Einschränkungen ist bei uns so ziemlich alles vertreten. Das hat sicher auch mit den unterschiedlichen Rollen und Aufgaben zu tun. Die Mischung aus verschiedenen Personen und Disziplinen im Team ist wertvoll, weil damit ganz unterschiedliche Aspekte in die Diskussion reinkommen. In unserem Austauschgefäss, dem KI-Lab, geht es daher oft darum, Kompromisse auszuhandeln. Dabei ist uns bewusst, dass diese Diskussionen nicht abschliessend geführt werden können, sondern es ist so eine rasante Entwicklung, dass wir immer wieder Grund zum Diskutieren haben werden.

Konkrete Abschlussfrage: Welchen heissen Tipp gebt ihr sozialen Organisationen, die sich mit KI auseinandersetzen wollen? Wo sollen sie beginnen, um einen Einstieg zu finden?

Sabine: Den Weg mit einer Strategie zu beginnen hat sich für uns sehr gelohnt. Das kann ich allen Organisationen empfehlen. Dabei geht es weniger um das Produkt, das man am Schluss hat, sondern darum, das Thema strukturiert anzugehen und die Bedürfnisse der Organisation zu reflektieren. Das ist eine gute Grundlage, auf der man aufbauen kann.

Thomas: Mein heisser Tipp an Organisationen ist, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Sie wissen, dass die meisten ihrer Mitarbeitenden KI ganz selbstverständlich nutzen. Das zu akzeptieren führt logischerweise zum Schritt, genügend Kompetenz in der Organisation aufzubauen, um entscheiden zu können, welche KI wofür einbezogen werden soll und wofür nicht.

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