Der digitale Raum ist ein wichtiger Teil der Lebenswelt junger Menschen. Entsprechend verlagert sich die aufsuchende Soziale Arbeit teilweise in die Online-Welt. Das Projekt «digital Streetwork» leistet hier Pionierarbeit und zeigt, wie digitale Extremismusprävention konkret umgesetzt werden kann.
Die Idee zu digitalstreetwork.ch entstand vor rund vier Jahren. In der Zeit nach der Corona-Pandemie rückten die digitalen Lebenswelten von Jugendlichen stärker in den Fokus. Das Kinderdorf Pestalozzi nahm diese Entwicklung auf und stellte fest, dass sich gesellschaftliche Dynamiken und Radikalisierungsprozesse zunehmend in digitale Räume verlagern und gleichzeitig ein Bedarf nach niederschwelligen, digitalen Präventions- und Beziehungsangeboten besteht. In der Schweiz gab es zwar bereits verschiedene Fachpersonen und Angebote in diesen Bereichen der Jugendarbeit, jedoch kein schweizweites Projekt, das digital aufsuchende Jugendarbeit spezifisch im Bereich Extremismusprävention umsetzt.
Der Bereich Soziokultur des Kinderdorfs Pestalozzi entwickelte daraus die Idee, diese Lücke mit einem innovativen Modellprojekt zu schliessen. In der Folge wurde beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) ein Projektantrag eingereicht und weiterentwickelt. Mit der Zusage der Förderung durch das BSV konnte das Projekt schliesslich aufgebaut werden. Der offizielle Projektstart erfolgte im Januar 2025.
Sozialinfo: Vor ca. einem halben Jahr berichtete SRF in einer Sendung über die Anfänge von digitalstreetwork.ch. Wie hat sich das Projekt weiterentwickelt?
Laura: Es gab seither noch mal eine grosse Veränderung. In der Anfangsphase des Projekts haben wir uns einerseits auf die Primärprävention fokussiert und haben Social-Media-Content produziert. Gleichzeitig haben wir diese Zeit auch genutzt, um unseren Ansatz für die aufsuchende Arbeit zu entwickeln, um die Jugendlichen direkt ansprechen zu können. Wir hatten das Glück, dass einer unserer Digital Streetworker vertiefte Kenntnisse und jahrelange Berufserfahrung im Thema Extremismusprävention mitbrachte. Er hat uns interne Schulungen dazu gegeben, wie man aufsuchende Arbeit im digitalen Raum gestalten kann. Im Dezember und Januar haben wir dann so richtig mit der digital aufsuchenden Arbeit angefangen.

Laura
Digital Streetworkerin
Stiftung Kinderdorf Pestalozzi

Lea
Projektleiterin
Stiftung Kinderdorf Pestalozzi
Wie sieht euer Arbeitsalltag ganz konkret aus?
Laura: Jeder Arbeitstag ist ein bisschen anders. Ich bin zu 60 Prozent im Projekt angestellt. Einen Tag der Woche nutzen wir meistens für Besprechungen, wo wir uns über unsere Erfahrungen austauschen und Fragen klären. Die restliche Zeit, also ca. zwei Tage pro Woche, reserviere ich mir bewusst für die aufsuchende Arbeit. Da gehe ich dann gezielt in die Kommentarspalten. Aus Ressourcengründen fokussieren wir uns zurzeit auf eine Social-Media-Plattform und haben uns für Instagram entschieden. Am Anfang machten wir zudem viel Content-Produktion. Da wir darauf nicht so viel Resonanz erhalten haben, haben wir diesen Bereich zwischenzeitlich zurückgefahren und setzen den Fokus mehr auf die aufsuchende Arbeit.
Welche Themen bearbeitet ihr?
Laura: Inhaltlich fokussieren wir uns aktuell auf das Thema Rassismus. Es ist aber geplant, dass Lea künftig zusätzlich den Bereich Genderdiskriminierung und Manosphere abdecken wird, aber da sind wir jetzt gerade noch im Aufbau.
Wie geht ihr vor, um mit den Menschen in einen Austausch zu kommen?
Laura: Wir suchen Beiträge auf Newsportalen wie etwa 20 Minuten oder Blick, in denen bewusst Vorurteile geschürt werden und schauen uns da die Kommentarspalten an. Da treffen wir jeweils Menschen an, die sich rassistisch äussern und sich ihren Vorurteilen gegenseitig bestärken. Solche schreiben wir dann per Direktnachricht an. Dabei ist die Kommunikation teilweise zeitversetzt. Wenn ich zum Beispiel jemanden letzte Woche angeschrieben habe, kann es sein, dass er jetzt erst diese Woche antwortet und man dann in ein Gespräch kommt.
In den Kommentarspalten von Blick oder 20 Minuten sind ja sicher auch Erwachsene drin. Spielt das Alter für euch eine Rolle?
Laura: Unsere Zielgruppe sind 14- bis 25-Jährige, die in der Schweiz wohnen und wir versuchen grundsätzlich, uns auf diese Gruppe zu beschränken. Teilweise sind aber auch Personen über 25 dabei. Das lässt sich auf Social Media nicht immer unterscheiden, da viele Nutzende kein Profilbild haben, ihr Alter nicht angeben oder ihren Account auf privat gestellt haben. Zudem ist es auch oft schwierig zu identifizieren, ob jemand aus der Schweiz oder aus Deutschland oder Österreich kommt, wobei das schon leichter geht, weil viele auf Schweizerdeutsch kommentieren.
Ist es bei der Arbeit im digitalen Raum überhaupt noch sinnvoll, regionale Eingrenzungen zu machen, abgesehen von Sprachräumen?
Lea: Da wir digital arbeiten, spielen die geografischen Grenzen weniger eine Rolle. Wir versuchen uns zwar schon abzugrenzen, gleichzeitig profitieren wir von allen Erfahrungen. Wir verlieren nichts, wenn wir einen Dialog mit einer Person führen, die nicht in der Schweiz lebt.
« Auch Gesprächsangebote, die nicht zu Gesprächen führen, senden wichtige Präventionsimpulse. »
Wie reagieren die Personen, die ihr anschreibt?
Laura: Das ist unterschiedlich. Mittlerweile gehen jedoch ca. 20 Prozent auf unser Gesprächsangebot ein und lassen sich auf eine sachliche Diskussion ein, wo man sich als Gegenüber ernst nimmt. Aber bei manchen Personen stösst man natürlich auch auf totale Abwehr und erhält Reaktionen wie «Was willst du jetzt von mir du dumme Linke?» oder Ähnliches.
Lea: Aber auch Gesprächsangebote, die nicht zu Gesprächen führen, senden wichtige Präventionsimpulse, die vielleicht in der Zukunft Früchte bei der Person tragen werden.
Wenn jemand nicht gesprächsbereit ist, lasst ihr das so stehen oder hakt ihr nach?
Laura: Für die angeschriebenen Personen ist es natürlich freiwillig, ob sie uns antworten. Wenn uns jemand ignoriert, dann haken wir nicht noch mal nach. Wenn wir im Gespräch mit jemanden sind und die Person etwas Beleidigendes sagt, dann kommt es immer ganz drauf an, was genau gesagt wird.
Ihr sagt, ihr reagiert nur auf Personen, die einen Kommentar auf einen Beitrag schreiben. Weshalb nicht auf die oder den Autor*in des Beitrags?
Laura: Um kurz auszuholen: wir sind in der primären und sekundären Prävention unterwegs, also nicht in der Tertiärprävention. Das heisst, wir wollen keine Personen ansprechen, die bereits radikalisiert oder in extremistischen Gruppierungen drin sind. Da wäre uns auch das Gefahrenrisiko zu gross. Wir wollen Personen erreichen, die nach bestimmten Antworten suchen und sich erst im Prozess befinden, sich zu radikalisieren, sprich Anzeichen von Radikalisierung zeigen.
Erhaltet ihr trotzdem manchmal auch Reaktionen bereits radikalisierter Personen auf eure Arbeit?
Laura: Bei einer Akteurin, die wiederholt hetzerische Posts veröffentlicht hat, habe ich mehrfach Personen angeschrieben, die in den Kommentarspalten darauf reagiert haben. Diese Akteurin hat das mitbekommen und uns daraufhin blockiert. Das war bis jetzt die einzige Resonanz dieser Art, die ich erhalten habe.
« Bei manchen Menschen ecken wir mit unserer Arbeit an. »
Kannst du etwas über das Gefährdungspotenzial sagen: was sind die Risiken und wie schützt ihr euch?
Laura: Bei manchen Menschen ecken wir mit unserer Arbeit an und man weiss nie so genau, wer sein Gegenüber ist. Wenn jemand mit Gewalt droht oder sonst auf eine extreme Weise kommentiert, dann schreiben wir die Person gar nicht erst an. Mit der Zeit entwickelt man ein gewisses Feingefühl dafür, wer gesprächsbereit ist und wer nicht. Es ist aber oft ein schmaler Grat. Da wir uns aber nicht an die bereits radikalisierten Akteur*innen wenden, sind wir der Ansicht, dass wir es verantworten können, mit Namen und Profilbild aufzutreten. Digital Streetworker*innen aus Deutschland, mit denen wir in Kontakt sind, finden das krass, und an manchen Orten wäre das sicher zu gefährlich. Aber in der Schweiz ist das nicht ganz so riskant. Trotzdem ist eine gewisse Vorsicht geraten, deshalb haben wir zum Beispiel eine Auskunftssperre in der Gemeinde, damit niemand unsere Nachnamen oder den Wohnort erfragen kann. Zudem sind wir auch mit der Polizei im Austausch. Sie wissen von unserem Projekt und wir haben da auch eine Ansprechperson.
Das Konzept zu Digital Streetwork wurde ja in Deutschland bereits erprobt, ist aber bislang in der Schweiz einzigartig. Wie ist es euch gelungen, das Projekt erfolgreich zum Laufen zu bringen? Oft scheitern gute Ideen ja an der Umsetzung, etwa wenn die Finanzierung nicht gelingt.
Lea: Ja, wir sind schweizweit das erste Modellprojekt, das digital aufsuchende Arbeit in der Extremismusprävention macht. Im traditionellen Bereich gibt es die aufsuchende Arbeit ja schon lange. Wir haben das Konzept einfach auf den digitalen Raum übertragen. Dadurch ist es gelungen, das Projekt zu lancieren. Dabei ist natürlich, wie du sagst, die Finanzierung ein wichtiger Punkt. Das Kinderdorf Pestalozzi bietet dazu einen sehr guten Rahmen, sowohl was die Finanzierung als auch die humanitäre pädagogische Tradition betrifft, die wir mit unserem Projekt weiterentwickeln können.
Das wäre auch eine Antwort auf die interessante Frage, weshalb ein solches Pionierprojekt aus Trogen kommt, und nicht aus einem Zentrum wie Zürich, Bern oder Basel...
Lea: Das Kinderdorf hat sich immer für die gesellschaftlichen Veränderungen interessiert und Pionierarbeit geleistet. Die Geschäftsleitung war von der Idee von digitalstreetwork.ch überzeugt und ist bereit, in das Projekt zu investieren.
Stiftung Kinderdorf Pestalozzi
Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi feiert dieses Jahr Jubiläum: Es wurde vor 80 Jahren als weltweit erstes internationales Kinderdorf gegründet. Es entstand aus einer Initiative von Bürger*innen und engagiert sich dafür, dass sich Kinder selbstbestimmt entfalten können und ihre Chancen und Rechte wahrnehmen können. Die Stiftung bietet Projekte und Programme für Lehrpersonen, Schulklassen, Kinder und Jugendliche an.
Gerne bringen die Verantwortlichen von digitalstreetwork.ch ihr Wissen und ihre Erfahrungen in die Ausbildung der Sozialen Arbeit ein, um angehende Fachpersonen auf die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung vorzubereiten.
Kontakt: digitalstreetwork@pestalozzi.ch
Laura: Ich selbst bin erst seit kurzem im Projekt, spüre aber den Pioniergeist und die Wertschätzung, die dem Team vermittelt werden. Dadurch, dass wir im Kinderdorf eingebettet sind, profitieren wir auch von den internen Abteilungen für Kommunikation oder IT, die uns etwa bei der Webseite unterstützen.
Wie gelang die Übersetzung einer analogen Methode in den digitalen Raum?
Lea: Grundsätzlich gelten für uns dieselben Grundprinzipien der Sozialen Arbeit oder der Pädagogik wie in der traditionellen analogen Arbeit. Wir arbeiten auf der Beziehungsebene, setzen auf Vertrauen und Freiwilligkeit, arbeiten ressourcen- und lebensweltorientiert. Und die Lebenswelt findet jetzt in unserem Fall halt einfach digital statt. Dadurch ersetzen wir aber die traditionell aufsuchende Arbeit nicht, auf keinen Fall, sondern ergänzen sie, indem wir die jungen Menschen dort aufsuchen, wo sie sich aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen vermehrt aufhalten: online.
Wird diese Verlagerung der Arbeit in den digitalen Raum, die teilweise passiert, in der Ausbildung schon genug berücksichtigt?
Laura: Ich habe in Deutschland Kindheitspädagogik studiert und mein Eindruck ist, dass es sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz noch an Methoden oder Know-How fehlt, wie man in der Praxis der Tatsache gerecht werden kann, dass sich die Lebenswelt der Jugendlichen zunehmend in der digitalen Welt abspielt. Ich würde mir wünschen, dass es mehr solche Projekte in der Schweiz gäbe, sie noch etablierter wären und sich noch mehr Digital Streetworker*innen in der Extremismusprävention engagieren könnten.
Lea: Ich komme aus dem Bereich Digitalisierung in Arbeit und Gesellschaft. In meinem Studium in den Niederlanden habe ich mich mit den Veränderungen und Einwirkungen der Digitalisierung auf Menschen, inklusive junger Erwachsener und Jugendlicher befasst. Ich muss Laura Recht geben, dass die Schweiz und Deutschland vielleicht nicht ganz so fortgeschritten sind in dem Bereich. Wenn wir Fachpersonen auf die Lebensrealitäten junger Menschen vorbereiten wollen, muss Digitalisierung ein fester Bestandteil der Ausbildung werden. Was das Studium angeht, könnten wir uns in der Schweiz noch von anderen Ländern inspirieren lassen.
Autor*in

Martin Heiniger
Fachredaktion
Sozialinfo

)