Sucht: Auch im Alter problematisch

Oktober 2019

Betreuungsinstitutionen und Fachpersonen in der Altenpflege sind zunehmend mit Suchtproblemen konfrontiert. Der Bedarf an Haltungsdiskussionen und Handlungsstrategien ist hoch.

Ältere Menschen haben öfter einen risikoreichen Alkoholkonsum als jüngere. Auch nimmt diese Altersgruppe häufiger Schlaf- und Beruhigungsmittel ein. Ausserdem kommen zunehmend Konsument_innen von illegalen psychoaktiven Substanzen ins pflegebedürftige Alter. Schätzungen gehen davon aus, dass jede zehnte Person im Alter von über 65 Jahren von einer Form von Abhängigkeit betroffen ist. Die demographische Alterung führt dazu, dass die Anzahl Betroffener steigt. Institutionen und Fachpersonen in der Altenpflege spüren dies zunehmend als Herausforderung.

Berufsethisches Spannungsfeld

Der Konsum von Alkohol (oder anderen Substanzen) kann eine Coping-Strategie älterer Menschen sein, um mit kritischen Veränderungen und Lebensereignissen umzugehen, etwa mit dem Tod nahestehender Menschen, dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben oder mit Autonomieverlust. Diese Strategie kann jedoch gleichzeitig Probleme wie Isolation verstärken oder zu körperlichen oder psychischen Symptomen führen, die nicht immer sofort als Wirkungen des Substanzkonsums erkannt werden. Hinzu kommen mögliche Wechselwirkungen von Alkohol oder anderen Substanzen mit Medikamenten, welche ältere Menschen generell häufiger einnehmen. Um Menschen im Alter eine gute Lebensqualität zu ermöglichen, müssen sich Betreuungsinstitutionen und Fachleute deshalb darum bemühen, diese Probleme frühzeitig zu erkennen und zu thematisieren.

Aus berufsethischer Perspektive geht es im Kern um die Frage, wie das Recht auf Selbstbestimmung, das auch das Recht auf unangepasstes oder potenziell selbstschädigendes Verhalten umfasst, mit dem Recht auf Unterstützung und Betreuung in Einklang gebracht werden kann; Autonomie und Lebensqualität sollen gleichermassen gewahrt werden. Gerade bei mangelnden Ressourcen in der Betreuung besteht die Gefahr, dass solche Themen zu kurz kommen oder unter dem Vorwand der Selbstverantwortung und Höhergewichtung von Autonomie vernachlässigt werden.

Neue Konzepte sind gefragt

Aus den bereits genannten Gründen gehen Fachpersonen von einer Zunahme der Problematik in der nahen Zukunft aus. In Institutionen und bei Fachpersonen in der Altenpflege steigt denn auch die Sensibilität für das Thema, bislang fehlte es jedoch an Konzepten, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung markiert das Betreuungskonzept, welches das Wohn- und Pflegezentrum „Gustav Benz Haus“ in Basel in Zusammenarbeit mit dem Fachverband Sucht erarbeitet hat und das als Musterkonzept zur Verfügung steht. Im Zentrum steht dabei, institutionell eine Haltung zu entwickeln und zu verwirklichen, die interprofessionelle Kooperation von Pflege- und Suchtfachpersonen zu stärken und mehr Fachwissen zu entwickeln und institutionalisieren. Klar ist aber auch, dass es dazu Ressourcen braucht.



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