Sozialhilfe: Ein Blick nach vorne

Januar 2020

Wie soll die Sozialhilfe der Zukunft aussehen? Im aktuellen Sozialalmanach 2020 der Caritas Schweiz benennen Expertinnen und Experten aktuelle Probleme und suchen nach Lösungen.

In der Medienmitteilung zu ihrem Buch kritisiert die Caritas, dass es der Schweiz trotz guter Konjunktur und rekordtiefer Arbeitslosigkeit nicht gelinge, die Armut zu reduzieren. Im Gegenteil, die Zahl der Armutsbetroffenen nimmt seit fünf Jahren stetig zu. Nach wie vor belasten die Krankenkassenprämien die Haushalte stark. Sorge bereitet dem Hilfswerk auch, dass sich die Sozialhilferisiken verschieben. So steigt dieses nun bereits bei 46-Jährigen an. Prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu, was die Existenzsicherung aus eigener Kraft erschwert. Einkommensschwache Personen müssen immer öfter mehrere Arbeitsstellen annehmen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Fazit: Es zeigt sich immer mehr, dass das aktuelle System der Sozialhilfe zu wenig adäquat auf gegenwärtige Armutsrisiken reagieren kann. Der Reformbedarf ist allseits unbestritten. Wie müsste also eine Sozialhilfe der Zukunft aussehen? Der Caritas Sozialalmanach nimmt sich dieser Frage an, und beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten. 

Problembeschreibungen und Lösungsvorschläge

Der Almanach ist in drei Kapitel aufgeteilt. Im ersten Kapitel geht es um eine Verortung der Sozialhilfe im System der sozialen Sicherheit. So beschreibt zum Beispiel im ersten Artikel Véréna Keller, emeritierte Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit in Lausanne, wie Solidarität und Kontrolle in der Sozialhilfe zusammenspielen. Sie kommt zum Schluss, dass Sozialhilfebeziehende einen hohen Preis bezahlen, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen. Viele Menschen verzichteten auf Sozialhilfe, weil sie die starken Eingriffe in ihre Grundrechte nicht hinnehmen wollten. Carlo Knöpfel andererseits geht auf aktuelle Entwicklungen im Sozialstaat ein und begründet damit seine Forderungen nach einer Richtungsänderung in der Sozialhilfe. So müsse sie in einen nationalen oder zumindest in einen verbindlichen kantonalen Rahmen gestellt werden. Weiter solle die Sozialhilfe die gesellschaftliche Teilhabe und die berufliche Integration ihrer Klientel fördern, indem sie Massnahmen auf freiwilliger Basis ermögliche.

Die Artikel im zweiten Kapitel gehen darauf ein, wie sich die Verschärfungen in der Sozialhilfe für Armutsbetroffene konkret auswirken und was dies für die Menschenwürde der Betroffenen heisst. Zum Einen schildern ehemals Betroffene ihre persönlichen Erfahrungen. Zum Andern erläutern Rechtsanwalt Pierre Heusser von der Unabhängigen Fachstelle für Sozialhilferecht und Gülcan Akkaya, Dozentin an der Hochschule an der Hochschule Luzern, was die aktuellen Entwicklungen in der Sozialhilfe für die Grundrechte von Sozialhilfebeziehenden bedeuten. 

Das dritte Kapitel widmet sich der Zukunft der Sozialhilfe und fragt, wie diese besser im schweizerischen System der sozialen Sicherheit verankert werden kann. So schlägt Pascal Coullery, Professor für Sozialrecht an der Berner Fachhochschule, eine Lösung vor, die eine gesetzliche Harmonisierung der Sozialhilfe anstrebt, aber den Kantonen dennoch genügend Handlungsspielraum lässt. Abgeschlossen wird der Band von einer Synthese aller Beiträge durch Marianne Hochuli, Leiterin des Bereichs Grundlagen und Mitglied der Geschäftsleitung von Caritas Schweiz.
 

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