Zwischenstand Bestandesaufnahme

März 2019

Im Auftrag des Vereins sozialinfo.ch führte ein Forschungsteam der Hochschule für Soziale Arbeit - Fachhochschule Nordwestschweiz HSA FHNW im Zeitraum von November 2018 bis Januar 2019 eine Befragung zur digitalen Transformation im Sozialbereich durch. Nachstehend die ersten Resultate.

Vorgehen bei der Erhebung

Im Zeitraum von Mitte November bis Mitte Januar 2018/19 wurden 100 Organisationen in der Deutschschweiz zum Thema digitale Transformation befragt.

Im Vorfeld wurde auf Grundlage eines Reifegrademodells zur digitalen Transformation (vgl. Berghaus und Back 2016) eine Adaption auf den Sozialbereich vorgenommen und damit ein Prototyp eines Reifegradmodells zur digitalen Transformation im Sozialbereich erstellt. Dieses bildete die theoretische Rahmung zur Erfassung des Reifegrads der befragten Organisationen.

Die Studie war quantitativ angelegt, das heisst es wurde ein Fragebogen erarbeitet, der die neun Dimensionen des erarbeiteten Modells umfasste. Sowohl der Verein sozialinfo.ch als auch die HSA FHNW verfassten einen Aufruf zur Studienteilnahme. Interessierte Organisationen konnten sich für die Teilnahme an der Befragung melden und es wurde ein Telefontermin für die Befragung vereinbart. Die Teilnahme war anonym und für alle Organisationen aus dem Sozialbereich in der Deutschschweiz möglich.

Bei diesem personell aufwändigen Vorgehen stand die Überlegung im Vordergrund, dass zahlreiche Begriffe im Kontext der Digitalisierung unterschiedlich belegt sind. Zudem bestätigte sich die Hypothese, dass einige Fragen je nach Handlungsfeld interpretationsbedürftig waren und somit eine Begleitung durch die Fragen ein valideres Resultat erzielen kann.

«Wer verteidigt die Werte der Zivilgesellschaft gegenüber der Marktwirtschaft, der Fortschrittsgläubigkeit und dem Technologiedenken? Wie können die Menschenrechte auf dem Hintergrund der technologischen Entwicklung bewahrt werden?»

Barbara Beringer, Geschäftsleiterin

Sowohl für die Auftraggebenden wie die Projektleitung war das Interesse von Fachpersonen und Institutionen an der Befragung sehr ermutigend. So führt Barbara Beringer, Geschäftsführerin des Verein sozialinfo.ch aus:  «Ich habe mich gefreut zu sehen, dass sich der Sozialbereich bereits heute vertieft mit den neuen Kommunikationsformen und der Automatisierung von Prozessen im Rahmen der dazu bestehenden Möglichkeiten auseinandersetzt. Offenbar wird dieses Thema in den Organisationen auf dem Hintergrund eines humanistischen Menschenbildes und entsprechender Wertehaltungen diskutiert. Diese Werte prägen ja auch unsere Bundesverfassung, unser demokratisches Verständnis, unser Zusammenleben - also unsere gesamte Zivilgesellschaft. Ich frage mich nun: Wer verteidigt diese Werte im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung gegenüber der Marktwirtschaft, der Fortschrittsgläubigkeit und dem Technologiedenken? Wie können die Menschenrechte auf dem Hintergrund der technologischen Entwicklung bewahrt werden?»

Und Christian Schweizer, Digitalisierungsexperte und Projektleiter führt aus: «Überrascht hat die grosse Offenheit für die Digitalisierung und die rasche und flexible Umsetzung von Projekten, die wir bei vielen Befragten gefunden haben. Das war so für den Sozialbereich nicht zu erwarten. Zudem zeigt sich eine traditionelle Stärke der Sozialarbeit - das Zusammenarbeiten der Organisationen - in der Digitalisierung nun als „topmoderne“ und breit genutzte Schlüsselkompetenz, auch um knappe Ressourcen gut zu nutzen. Das ist sehr erfreulich und verheisst Gutes für die Zukunft. Darauf können wir überlegt aufbauen.

Vorläufige Resultate aus der Datenerhebung

Die befragten Personen arbeiteten durchschnittlich 6-7 Jahre bei ihrem aktuellen Arbeitgeber.74% sind in der Leitung zu verorten, weitere 8% in der Team- oder Gruppenleitung, der Rest in anderen Funktionen.

Die Organisationen sind in unterschiedlichen Handlungsfeldern zu finden. So gaben 38 Personen an, mit physisch, psychisch oder geistig beeinträchtigten Personen zu arbeiten. Und 30 Personen gaben den arbeitsintegrativen Bereich/berufliche Massnahmen an.

Bei der Verortung der primären Zielgruppe konnte festgestellt werden, dass fast sämtliche klientenbezogenen Zielgruppen gut vertreten sind. Bei den primären Tätigkeiten verortet sich ein Grossteil der Personen in der Beratungs-, Coaching- und Supervisionstätigkeit wie auch in der Begleitung, Triage, Informationsvermittlung, Interessenvertretung und materiellen Ressourcenerschliessung.

Die Organisationsgrössen sind gut verteilt zwischen 1 und 100 Personen. Rund Dreiviertel der befragten Personen geben an, dass der Auftraggeber resp. der Leistungsfinanzierer für die Ausrichtung digitaler Angebote eine Relevanz aufweist. Davon holen 39 Personen ihr Feedback zu den erbrachten Leistungen proaktiv beim Auftraggeber ein.

87% der befragten Organisationen stellen neue Bedürfnisse bei ihren Klientinnen und Klienten aufgrund der digitalen Entwicklungen fest. Die Bedürfnisse existieren gleichermassen unabhängig der Handlungsfelder, Zielgruppen oder Tätigkeiten. Rund zwei Drittel erhebt Daten zur Angebotsnutzung der Klientschaft, aber nur ein Drittel verwendet diese auch für die Ausrichtung der digitalen Angebote. Eine wesentliche Veränderung wird durch den Gebrauch neuer Kommunikationskanäle wahrgenommen. Die Verwendung von Mails, Text- und Sprachnachrichten und sozialen Netzwerken haben eine Veränderung der Kommunikation mit dem Klienten/der Klientin bewirkt. In diesem Zusammenhang ist auch das Handy zu nennen, welches die Nutzung dieser Kanäle vereinfacht bzw. erst ermöglicht.

«Überrascht hat die grosse Offenheit für die Digitalisierung und die rasche und flexible Umsetzung von Projekten, die wir bei vielen Befragten gefunden haben. Das war so für den Sozialbereich nicht zu erwarten.»

Christian Schweizer

Es wurde gefragt, wo digitale Innovationen umgesetzt werden bzw. in Planung sind. Dabei waren Mehrfachantworten möglich. Es zeigte sich, dass die Zugangskanäle zur Klientschaft an erster Stelle stehen und die digitale Ergänzung von bestehenden Angeboten an zweiter Stelle, gefolgt von der digitalen Innovation in der direkten Arbeit mit dem Klienten/der Klientin und neuartige Angebote, Dienstleistungen oder Produkte auf Basis digitaler Technologien.

Die Einschätzung der Innovation wird gemäss der Befragung nicht von der Organisationsgrösse beeinflusst. Innovationen in den Handlungsfeldern „Altersarbeit“, „Arbeit mit kognitiven, psychischen oder physischen Beeinträchtigungen“, „Gesundheitsförderung/Prävention“, „offene Kinder- und Jugendarbeit“ erscheinen signifikant häufiger. Seltener sind Innovationen das Thema in den Bereichen „Kinder- und Erwachsenenschutz“ und im Bereich „Arbeitsmarktintegration/berufliche Massnahmen“. In Innovationen wird eher dort investiert, wo die Tätigkeiten nicht direkt klientenbezogen sind. Ein Zitat aus einem Erhebungsgespräch: «Wir arbeiten noch immer mit dem Menschen».

Bei der Umsetzung von Innovationen werden in der Praxis Mitarbeitende häufig miteinbezogen (Skala von 1-10, Mittelwert 6.99), Klientinnen und Klienten allerdings eher wenig (Skala von 1-10, Mittelwert 3.70). Ideen von Klientinnen und Klienten werden insbesondere im Bereich Gesundheitsförderung und –prävention erfragt.

Illustrierend dazu einige exemplarische Antworten

Weiter wurde danach gefragt, welchen Stellenwert die digitale Transformation in der Gesamtstrategie aufweist, wobei dieser auf einer Skala zwischen 1 und 10 (je höher die Zahl, desto höher der Stellenwert) eingestuft werden konnte. Es entstand dabei ein Mittelwert von 6.38. Ungefähr die Hälfte gibt an, dass der digitale Wandel in der Gesamtstrategie integriert ist. Rund zwei Drittel geben an, dass der Leistungsfinanzierer in die Entwicklung der digitalen Strategie mit eingebunden ist. Im Bereich der Sozialhilfe ist dies signifikant häufiger der Fall als in anderen Handlungsfeldern.

Es zeigt sich zudem, dass grössere Organisationen der digitalen Transformation keinen höheren Stellenwert einräumen, im Gegenteil: er nimmt bei sehr grossen Organisationen leicht ab. Zentraler Innovationstreiber ist die Geschäftsleitung, gefolgt von der Mitarbeiterschaft. Beide stehen klar über den Anregungen und Wünschen der Klientschaft.

Digitale Technologien werden oftmals genutzt, um die Effizienz oder Qualität der internen Abläufe zu steigern. Dies ist seltener der Fall bei der Arbeit mit Menschen mit psychischer oder physischer Beeinträchtigung sowie in der Gemeinwesensarbeit.

Bei rund 40% der befragten Organisationen wird die IT durch einen externen Dienstleister bereitgestellt. Die restlichen Organisationen haben intern Personen oder Abteilungen, welche sich um die IT-Infrastruktur kümmern. Und vereinzelt wurde angegeben, dass beides, ein externer Dienstleister als auch intern zuständige Personen, vorhanden seien.

Bei der Frage, als wie wichtig die Offenheit der Mitarbeitenden gegenüber dem Einsatz digitaler Technologien auf einer Skala von 1-10 eingeschätzt wird (je höher der Wert, desto wichtiger), wurde ein Mittelwert von 8 ermittelt. Rund 80% sind der Ansicht, dass ihre Mitarbeitenden diesem Anspruch gerecht werden. Für den Kompetenzaufbau wird in die Mitarbeitenden investiert. Dabei kommen gängige Gefässe wir Schulungen/Kurse/Workshops, Weiterbildungen, Tagungsbesuche, Arbeitsgruppen oder Angebote im E-Learning- oder Autodidaktik-Bereich zum Tragen. Allerdings ist es den meisten Organisationen wichtig, dass bereits Kompetenzen im digitalen Bereich bei Arbeitseintritt vorhanden sind. 

Planung weiteres Vorgehen

Aufbauend auf den Resultaten aus der Befragung werden im März 2019 zehn Organisationen von den Hundert für ein zusätzliches Interview angefragt. Primäres Ziel wird es sein, noch mehr über die förderlichen (und hinderlichen) Faktoren der digitalen Transformation im Sozialbereich in der Deutschschweiz zu erfahren. Auch geht es darum, noch offene Fragen aus der Datenerhebung zu klären oder zu verifizieren. Ziel des Auftrags ist die Entwicklung eines Tools, anhand dessen eine fachlich adäquate Beratung für die Digitalisierungsanforderungen im Sozialbereich erfolgen kann. 

Wir werden Sie zugegebener Zeit wieder über den Stand unserer Arbeiten ins Bild setzen.

Zuständig für Rückfragen sind:

Verein sozialinfo.ch: 
Barbara Beringer und Christian Schweizer
barbara.beringer@sozialinfo.ch und christian.schweizer@sozialinfo.ch 

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW: 
Sarah Bestgen
sarah.bestgen@fhnw.ch

5. März 2019: Medienmitteilung der Hochschule für Soziale Arbeit, Olten


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