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Lockdown: mehr psychischer Stress vor allem in vorbelasteten Familien

August 2020

Die Corona-Krise hat viele Familien stark beansprucht. Vor allem für Familien mit Vorbelastungen bestand erhebliche Gefahr, dass psychische Erkrankungen oder häusliche Gewalt zunehmen. Um sie zu unterstützen, ist es hilfreich zu wissen, wie deren Resilienz gestärkt werden kann.

Familiäre Bindungen sind für viele Menschen eine wichtige Stütze zur Bewältigung von Stress und schwierigen Lebenssituationen. Dabei spielt ein stabiles, wohlwollendes emotionales Klima innerhalb der Familie eine grosse Rolle.

Belastende Situationen wie der Corona-bedingte Lockdown können das emotionale Klima einer Familie stark belasten. Sogenannte „vulnerable“ Familien sind davon besonders betroffen, da sich emotionale Probleme innerhalb einer Familie verstärken können, die bereits vorher bestanden haben.

Resiliente vs.Vulnerable Familien

Als „resilient“ werden Familien bezeichnet, die schwierige Situationen und Umstände erfolgreich bewältigen können und als Familie daraus gestärkt hervorgehen.

„Vulnerabel“ hingegen sind Familien, die von einem vorbelasteten emotionalen Klima geprägt sind. Dabei spielen laut Bericht „High-Expressed-Emotions“ eine grosse Rolle. Der Begriff meint „aufdringliche und wiederholte Arten der Kontaktaufnahme innerhalb der Familie oder der unaufgeforderten und oft kritischen Rückmeldung sowie emotionale Reaktionen, die durch Ärger oder akuten Stress gekennzeichnet sind.“

Quelle: Centre LIVES; „Familiäre Vulnerabilität während des Lockdowns: Wie kann Resilienz gefördert werden?

Belastende Faktoren in Familien

Der Bericht „Familiäre Vulnerabilität während des Lockdowns: Wie kann Resilienz gefördert werden?“ des Centre LIVES beschreibt, wie sich diese spezielle Situation auf das emotionale Klima innerhalb von Familien auswirkt, und benennt verschiedene belastende Faktoren:

  • Sorge um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen
  • materielle Lebensbedingungen, zum Beispiel beengende Wohnverhältnisse und mangelnde Rückzugsmöglichkeiten
  • fehlende emotionale Entlastung durch Aussenkontakte
  • Angst vor Arbeitsplatzverlust bzw. generell um genügende sozioökonomische Ressourcen.

Diese Risikofaktoren begünstigen das Auftreten von psychischen Störungen oder Rückfälle in frühere Erkrankungen. Dies gilt besonders für vulnerable Familien, wobei „High-Expressed-Emotions“ je stärker wirksam werden, je mehr innerfamiliärer Kontakt besteht (siehe Kasten).

Häusliche Gewalt

Die Begrenzung der Bewegungsfreiheit im Lockdown schränkte die Möglichkeit stark ein, Emotionen durch Kontakte ausserhalb zu regulieren und dadurch Entspannung zu erfahren. Fachpersonen befürchteten eine Zunahme von häuslicher Gewalt. Bund und Kantone lancierten deshalb bereits Ende April die Taskforce gegen häusliche Gewalt

Obwohl es zurzeit noch keine erhärteten Befunde gibt, gibt es Anzeichen dafür, dass sich diese Befürchtungen bewahrheitet haben. So verzeichnet laut Telebasel die Opferhilfe beider Basel seit Aufhebung des Lockdowns eine deutliche Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt. Der „Bund“ berichtet etwa, dass sich die Gespräche der Täterberatung in Bern und Umgebung verdoppelt hätten. Die Fachstelle Häusliche Gewalt habe zwar während des Lockdowns nicht mehr Anfragen erhalten. Dies zeige aber womöglich nur, dass es durch den Lockdown für die Betroffenen schwieriger war, sich Hilfe zu holen, meint etwa Dirk Baier von der ZHAW im Bund-Interview. Auch Meldungen von Schulen oder Ärzt*innen seien in dieser Zeit weggefallen. Schulsozialarbeitende haben zwar etwa im Kanton Basel-Stadt regelmässig telefonischen Kontakt mit Schüler*innen aufgenommen, wie der Basler KESB-Leiter Patrick Fassbind berichtet, aber das sei nicht dasselbe, wie wenn die Schüler*innen vor Ort seien. Laut der Fachstelle für häusliche Gewalt Bern haben sich dafür mehr Drittpersonen wie z.B. Nachbar*innen oder auch Foodkuriere gemeldet.

Familiäre Resilienz fördern - auch digital

Dass die Förderung familiärer Resilienz bedeutsam ist für die Prävention häuslicher Gewalt und psychischer Probleme, dürfte für Fachpersonen der Sozialen Arbeit keine neue Erkenntnis darstellen. Trotzdem sind diese Befunde wichtig, gerade wenn es etwa darum geht, Bemühungen zur Gewaltprävention zu legitimieren, um beispielsweise dem politischen Sparwillen entgegen zu wirken.

Im LIVES-Bericht werden einige wichtige Punkte angesprochen, die Familien in belastenden Situationen helfen. Erwähnt wird etwa die Organisation der familiären Rollen. Eltern kommt die wichtige Aufgabe zu, die Kinder bei der Regulation ihrer Emotionen zu unterstützen. Dabei sind klare Regeln sowie Routinen und Rituale hilfreich, um schwierige Situation zu stabilisieren. Wenn die familieninterne Kommunikation beeinträchtigt ist, sind Aussenkontakte zu Bekannten und Freunden, aber auch zu Fachpersonen umso wichtiger.

Der Wert digitaler Kommunikationsmittel wurde dabei offenbar. Dank ihnen konnten Organisationen des Sozialwesens trotz Einschränkungen die Klientenkontakte aufrechterhalten und so einen Beitrag zur Entlastung von schwierigen Situationen leisten. Für die Zukunft stellt sich die Frage, ob und in welcher Art die digitalen Kommunikationsmittel für die Klientenarbeit genutzt werden können, ohne dass es bei der Qualität der Arbeitsbündnisse zu Einbussen kommt.


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