Inhalt - Pensionierte Dozenten geben ehrenamtlich Wissen weiter (11/15)

Pensionierte Dozenten geben ehrenamtlich ihr Wissen weiter

Erstellt am 02.11.2015/hem



Wenn erfahrene Fachleute pensioniert werden, geht wertvolles Wissen verloren. Zwei ehemalige Dozenten aus der Sozialen Arbeit haben sich dafür entschieden, Ihr Wissen und Ihre Kompetenzen ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen. Roland Woodtly und sein deutscher Kollege Manfred Neuffer bieten ihre Unterstützung in den Bereichen Organisationsentwicklung und Case Management an. Davon sollen gerade Organisationen profitieren, die sich dies sonst nicht leisten könnten.

 

 

Roland Woodtly; © privat

Manfred Neuffer; © privat

Roland Woodtly ist Dozent für Soziale Arbeit an der HSLU im Ruhestand. Zusammen mit seinem ebenfalls pensionierten Berufskollegen aus Hamburg, Manfred Neuffer will er sein Wissen und seine Erfahrung Organisationen im Sozialwesen anbieten, die knapp bei Kasse sind. Dies hat einen doppelten Nutzen: einerseits bleiben auf diese Weise Wissen und Kompetenzen im Spiel, die sonst durch den Ruhestand verloren gingen. Und andererseits profitieren davon Betriebe, denen sonst eine professionelle und kompetente Beratung verwehrt bliebe, da auch hier der Markt spielt und solche Angebote normalerweise nicht umsonst zu haben sind. Woodtly und Neuffer haben noch ein drittes Anliegen: Sie halten das Case Management als Verfahren für unterbewertet in der Sozialen Arbeit und sind überzeugt, dass es vor allem auch für die KlientInnen einen hohen Nutzen erzielen könnte. Wir hatten Gelegenheit, uns mit Herrn Woodtly zu unterhalten.

 

sozialinfo.ch: Herr Woodtly, Sie haben sich entschieden, Ihr Wissen auch nach der Pensionierung zur Verfügung zu stellen. Was ist Ihr Angebot?

Roland Woodtly: Herr Neuffer und ich stellen uns ehrenamtlich für Beratungs- und Unterstützungsarbeit zur Verfügung. Organisationen in der Sozialen Arbeit sind mit zunehmend komplexen Fallsituationen konfrontiert. Wir bieten an, sie bei der Überprüfung von Beratungsabläufen und Organisationsstrukturen, sowie bei allfälligen Anpassung oder Neuentwicklung von Beratungskonzepten zu unterstützen. Dabei richten wir uns an Organisationen, die sich das finanziell nicht leisten können.

Sie waren beide an Fachhochschulen tätig. Was sind Ihre Hintergründe?

Sowohl Herr Neuffer als auch ich kommen aus der Sozialen Arbeit. Ich war während fast 20 Jahren in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit tätig, bevor ich an die heutige Hochschule Luzern kam. In Luzern war ich vor allem in den Bereichen Weiterbildung, Dienstleistung und Forschung tätig. Das Case Management war immer eines meiner Hauptthemen. Manfred Neuffer hat in seiner aktiven Zeit das "Zentrum für Praxisentwicklung" (ZEPRA) der Fachhochschule Hamburg, jetzt Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit geleitet. Seine fachlichen Schwerpunkte waren Fachwissenschaft Soziale Arbeit, Case Management, Systemische Beratung, Mediation, Soziale Netzwerkarbeit.  

Wie kam Ihre Zusammenarbeit zustande?

Aus einem ursprünglich beruflichen Kontakt vor 15 Jahren hat sich eine Freundschaft entwickelt. Wir hatten aber auch weiterhin beruflich miteinander zu tun. Jetzt sind wir beide pensioniert und merkten, dass wir gerne etwas zusammen machen würden. So lag auf der Hand, einen Weg zu suchen um das, was uns beruflich verbindet und wo unsere Kompetenzen liegen weitergeben zu können. Da wir uns hiergegenseitig sehr gut ergänzen, kann man uns nur als Zweierpaket buchen.

Sie beziehen sich dabei vor allem auf das Case Management. Weshalb diese Gewichtung?

Case Management ist unser gemeinsamer fachlicher Hintergrund. Wir haben uns beide lange damit auseinandergesetzt, und teilen die Ansicht, dass dieses Verfahren in der Sozialen Arbeit noch zu wenig zur Anwendung kommt. Es gibt in der Sozialen Arbeit ein grosses Misstrauen gegenüber diesem Verfahren. Wir haben da etwas andere Überzeugungen, gehen aber davon aus, dass Case Management nicht wirksam umgesetzt wird, wenn nicht organisatorische Überlegungen mit einbezogen werden. Deshalb möchten wir das Case Management einerseits auf der methodischen Ebene fördern, auf der anderen Seite aber auch helfen, es konkret in Bezug auf organisatorische Fragestellungen umzusetzen.



  • Können sie begründen, woher diese Vorbehalte der Sozialen Arbeit kommen? Case Management hat ja starke Wurzeln im Versicherungsbereich.

    Das stimmt so nicht. Case Management entstand ursprünglich in den USA in einem sozialen Kontext. Im Rahmen der Deinstitutionalisierungsbewegung, als vor allem psychiatrische Kliniken stark überfüllt waren, entliess man die Leute nach Hause, worauf jedoch dann das ambulante System überfordert war. Die Suche nach einer effizienteren Methode, um diese Leute zu betreuen, war der Nährboden der Entwicklung des Case Management. In der Schweiz haben die Versicherungen haben das Modell quasi adaptiert. Die SUVA entdeckte das Modell für sich als Konzept für die Bearbeitung komplexer Personenschäden und löste damit einen Boom aus im Versicherungsbereich. Heute bieten praktisch alle Kranken- oder Unfallversicherungen Case Management in irgendeiner Form an. Dies trug wohl einiges dazu bei, dass die Soziale Arbeit noch misstrauischer wurde, als sie es sowieso schon war. Weiter befürchtete man auch eine zunehmende Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit.

  • Definition Case Management

    Case Management ist ein Handlungskonzept zur strukturierten und koordinierten Gestaltung von Unterstützungs- und Beratungsprozessen im Sozial-, Gesundheits- und Versicherungsbereich. In einem systematisch geführten, kooperativen Prozess werden Menschen in komplexen Problemlagen ressourcen- und lösungsorientiert unterstützt und auf den individuellen Bedarf abgestimmte Dienstleistungen erbracht. Die Erreichung gemeinsam vereinbarter Ziele wird angestrebt.

    Case Management will Grenzen von Organisationen und Professionen überwinden und eine organisationsübergreifende Steuerung des Unterstützungsprozesses gewährleisten. Dazu werden Netzwerke initiiert und gepflegt. Case Management respektiert die Autonomie der Klientinnen und Klienten, berücksichtigt die Anforderungen des Datenschutzes und nutzt und schont die Ressourcen im Klient- sowie im Unterstützungssystem. Die bedarfsbezogene Weiterentwicklung des Versorgungsangebotes wird gefördert. (Definition des Netzwerks CM Schweiz)

Können Sie diese Vorbehalte ausräumen?

Ich würde nie behaupten, dass man mit Case Management auf jeden Fall Geld spart, bis heute hat das noch niemand wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen. Es kann sein, dass dies ein Effekt ist, aber Fakt ist, dass das bei der Entwicklung des Konzeptes nicht das primäre Anliegen war, sondern es ging um eine Antwort auf ein überfordertes System. Die heutigen Angebote sind dezentralisiert und sehr heterogenen, und die Akteure handeln oft aus einer individuellen isolierten Perspektive heraus. Da liegt es auf der Hand, in komplexen Situationen mit mehreren Akteuren deren Leistungen zu koordinieren und eine gewisse Steuerung einzubauen. Dass das eine ökonomische Wirkung haben kann, ist höchstens eine nette Nebenerscheinung. Aber aus der Perspektive der Sozialen Arbeit steht das Interesse der Betroffenen im Zentrum. Die Versicherungen und anderweitige Organisationen, die sich auch für das Case Management zu interessieren begannen und bei der "Adoption" halfen, haben natürlich primär eine andere Motivation.

Die Anwendung des Case Management wurde damit von Akteuren mitgeprägt, die darin vor allem eine Möglichkeit sehen, um Geld zu sparen. Hat dies eine Rückwirkung auf die Methode selbst bewirkt?

In der Aus- und Weiterbildung haben wir uns uns immer sehr eng ans theoretische Konzept angelehnt und uns an Überzeugungen und Gedankengut der Sozialen Arbeit orientiert. Aber man kann nicht von der Hand weisen, dass in der Anwendung und Umsetzung eine gewisse Beliebigkeit entstanden ist. Da sehe ich auch eine gewisse Verantwortung der Ausbildungsstätten. Ich glaube, dass die Soziale Arbeit nicht mehr die fachliche Deutungshoheit hat in Bezug auf das Verfahren und die damit vermittelten Werte.

Zurück zu Ihrem Angebot. Konkurrenzieren Sie damit andere, marktorientierte Angebote?

Wir beabsichtigen nicht, andere Anbieter zu konkurrenzieren. Es handelt sich nicht um ein kommerzielles, sondern um ein ehrenamtliches Angebot, das sich an Organisationen richtet, die sich das sonst nicht leisten könnten. Damit bieten wir einer Organisation eine Möglichkeit, die sie sonst nicht hätte. Da kommerzielle Anbieter dies nicht kostengünstig oder gratis anbieten könnten, denke ich dass auch die Abgrenzung so funktioniert.

Haben Sie eine Handhabe, das zu überprüfen?

Wir haben einen Fragebogen, auf dem die Organisation unter anderem bestätigen kann, dass sie sich eine solche Beratung nicht leisten kann und was die Gründe dafür sind. Aber natürlich kennen wir die Landschaft genügend gut um einschätzen zu können, wie glaubhaft dies ist. Im Zweifelsfall würden wir gezielt nachfragen.

Bieten Sie Ihre Dienste auch Vereinen oder anderweitigen Organisationen an, die gemeinnützige Zwecke verfolgen?

Die Polizei käme eher nicht in die Kränze. Da müsste schon eine grosse Dringlichkeit erkennbar sein, und eine zu erwartende Wirkung ebenso (lacht). Wir sind hier noch sehr offen und würden ad hoc entscheiden. Grundsätzlich setzen wir keine engen Grenzen. Wenn jetzt eine Organisation, ein Verein, oder auch eine private Trägerschaft glaubhaft machen kann, dass es notwendig ist und Sinn macht, dann sind wir sehr offen.

Sehen Sie dies als generelle Möglichkeit, Wissen zu sichern, das durch Pensionierung verloren geht?

Ja das ist durchaus so. Das war natürlich auch einer unserer Grundgedanken, unsere langjährige Erfahrung weitergeben zu können. Aber dann nicht mehr unbedingt im vorherigen institutionellen Rahmen, sondern in einem loseren Rahmen, und v.a. losgelöst von kommerziellen Überlegungen.
 



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