Inhalt - Jugendsuizidprävention U25 (1/16)

Peer-Beratung in der Suizidprävention: "Jugendliche kommunizieren lieber mit Jugendlichen"

Erstellt am 06.01.2016/hem



v.l.n.r.: Raphael Wobmann, PeerberaterInnen Tanja, Dimi und Pascal; © [U25]

In der Schweiz ist Suizid eine der häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Männliche Jugendliche sind dabei stark überrepräsentiert. Mit geeigneten Massnahmen können jedoch viele suizidale Handlungen vermieden werden. Dabei ist es wichtig, die Betroffenen nicht zu pathologisieren, sondern sie in ihren jeweiligen Lebensumständen abzuholen und ihnen gute und hilfreiche Angebote zu machen. Bei solchen ressourcenorientierten Angeboten spielt die Soziale Arbeit eine wichtige Rolle. Mit der Peer-to-Peer-Beratung geht das Projekt [U25] neue Wege.



  • [U25] ist ein kostenloses, anonymes online-Beratungsangebot für Kinder und junge Erwachsene unter 25 Jahren, die suizidal gefährdet sind. Die Beratung verläuft schriftlich über ein Online-Beratungstool; Ratsuchende wenden sich damit an [U25] und erhalten innerhalb von 24 Stunden eine schriftliche Antwort. Im Unterschied zu anderen Angeboten der Jugendsuizidprävention arbeitet [U25] mit freiwilligen PeerberaterInnen. Das bedeutet, dass den Kindern und Jugendlichen, die sich melden, junge Personen zwischen 17 und 25 als BeraterInnen zur Verfügung stehen.

    Die PeerberaterInnen werden mit einem Kurs auf diese Funktion vorbereitet; alle zwei Wochen nehmen sie an einer Gruppen-Supervision teil, in der Fallbesprechungen gemacht und neueste Erkenntnisse besprochen werden. Die Beratungen selbst werden eng von den Projektverantwortlichen begleitet; beispielsweise wird jede Antwort-Mail vor dem Absenden gegengelesen.

    Das Konzept zu [U25] stammt aus Deutschland. In Freiburg, wo es entwickelt wurde, wird es seit ca. 15 Jahren erfolgreich durchgeführt. Zwischenzeitlich wird es in 8 deutschen Städten angeboten.

    Das Projekt [U25]Schweiz wurde vor gut zwei Jahren in Wil (SG) gestartet. Mittlerweile gibt es nach Wil und St. Gallen einen dritten Standort in Bern. Bisher hat [U25] in der Schweiz über 1500 Beratungen geleistet und im 2015 einen Zuwachs von 66% verzeichnet.

  • Dossier Jugendsuizidprävention

    Gründe für Suizidalität

    Der Impuls zum Suizid kann verschiedenste Gründe haben. Seit Emile Durkheim 1897 die erste systematische Studie zum Suizid veröffentlicht hat, haben verschiedene psychologische und soziologische Strömungen die Erklärungsansätze mit ihren je eigenen Sichtweisen erweitert. mehr...

    Suizidale Tendenzen bei Jugendlichen

    In der Schweiz werden 20% aller Jugendlichen psychische Auffälligkeiten zugeschrieben, wovon 10% als behandlungsbedürftig eingestuft werden. Das ist ernst zu nehmen.  mehr...

    Risiko- und Schutzfaktoren

    Als Ansatzpunkt für die Einschätzung individueller Suizidgefährdung wie auch für präventive Massnahmen gelten die Risiko- und die Schutzfaktoren. Dabei geht es um "Merkmal[e] der Person oder Umwelt (materiell, familiär, sozial)", die das Auftreten von suizidalen Handlungen erhöhen bzw. vermindern. mehr...

    Prävention

    Bei präventiven Massnahmen wird üblicherweise zwischen primärer-, sekundärer- und tertiärer Prävention unterschieden, sei dies nun im Gesundheits-, bei Sucht-, oder eben auch bei Suizidprävention. mehr...

Interview mit Raphael Wobmann, Projektleiter [U25]Schweiz

Sozialinfo.ch: Herr Wobmann, weshalb braucht es [U25] in der Schweiz?

Die Suizidprävention wird heute stark von der Medizin und der Psychologie mit ihren Ansätzen dominiert. Kinder und Jugendliche die sich bei uns melden, haben mit diesen oft schlechte Erfahrungen gemacht und bleiben deshalb mit ihren Suizidgedanken alleine - deshalb braucht es das niederschwellige Angebot von [U25] auch in der Schweiz. Neueste Entwicklungen zeigen, dass sich die Lage durch Einwirkungen der Neurowissenschaften langfristig verbessern wird, da diese - wie die Soziale Arbeit auch - ressourcenorientiert arbeitet. Was mich immer noch erstaunt ist, dass die Soziale Arbeit in diesem wichtigen Bereich wenig präsent ist, obwohl viele unserer Profession täglich mit der Thematik Suizid zu tun haben. Ich denke da an Schulsozialarbeiter oder Sozialarbeiter in Gefängnissen, Kinderheimen oder Kliniken. [U25] hat einen klar sozialarbeiterischen, ressourcenorientierten Ansatz und das wird gerade von Kindern und Jugendlichen in Notlagen geschätzt. [U25] ist meiner Meinung nach das beste, nachhaltigste Hilfsangebot, was es momentan in der Schweiz für diesen heiklen Bereich gibt.



  • Zur Person

    Raphael Wobmann, 32 Jahre

    Initiant von [U25]Schweiz; Gründer der Entwicklungsagentur SEIO und Social Investor beim SCSI swiss center of social invest in Genf

    Oekonom und Sozialarbeiter

    Mit der Firma SEIO social economics impact Organization hat Wobmann eine Firma gegründet, die sich auf die Lancierung als dringend notwendig erachteter Sozialer Innovationen spezialisiert hat - welche die Angebotslage für Klienten verbessern soll und dies wo möglich mit Einsparungen für die öffentliche Hand.

  • Das Konzept stammt aus Deutschland. Wie sind Sie darauf gekommen, das für die Schweiz zu übernehmen?

    Als erstes sah ich, dass in der Schweiz ein riesen Bedarf bei der Jugendsuizidprävention gibt, vor allem im nicht-medizinischen Bereich. Bei Marktforschungen im Jahre 2011 bin ich dann auf das [U25] Projekt von Freiburg gestossen. Ich war erst sehr kritisch, da ich diverse Risiken sah. Aber ich dachte, wenn das funktioniert, dann ist es genial. So bin ich nach Freiburg gefahren, durfte das Projekt kennen lernen und seit da erlebe ich, dass es sensationell funktioniert und wir damit nun auch Leben von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz retten können.

    Sind Sie mit den Projekten in Deutschland in Kontakt?

    Ja, es gibt eine sehr offene Zusammenarbeit. Wir haben drei Dinge vereinbart: erstens, dass wir Suizid nie als Krankheit betrachten; zweitens dass wir konfessionslos

und politisch neutral sind, und drittens dass wir nicht bloss als Triagestelle funktionieren und damit zum Wohle des Kindes unabhängig agieren. Die Zusammenarbeit ist so besprochen, dass wir uns in der Schweiz autonom entwickeln und uns über neue Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen.

Sie arbeiten mit sogenannten "PeerberaterInnen". Können Jugendliche andere Jugendliche bei einem so schwierigen Thema wie Suizid beraten?

Ich hatte diese Vorbehalte anfangs auch. Heute weiss ich, sie können es besser als Erwachsene. Einerseits haben die Peerberater selber schon Krisen durchlebt, was sie authentisch macht, anderseits ist die Adoleszenz noch nicht so weit entfernt wie bei uns Erwachsenen. Weiter ist es nur natürlich, dass Jugendliche lieber mit Jugendlichen kommunizieren. Deshalb funktioniert das auch so gut. Es sind eben Junge, die schreiben, und die haben ihren eigenen Slang - hatten wir im 2003 mit zwanzig Jahren ja auch als Begrüssungen wie "whats up" noch aktuell waren. Gerade bei der Sprache sind es die kleinen Annoncen, die wichtig sind um eine Vertauensbasis zu generieren. Und für uns ist die Vertrauensbasis neben den Peers die wichtigste Ressource. Ich habe einem Peer einmal zurückgemeldet, er habe am Ende seiner Help-Mail so komische Buchstaben, er solle das korrigieren. Der Peer sagte, das sei japanisch und heisse "Ich wünsche dir noch einen schönen Tag" und das mache man heute so. Ich habe die Buchstaben gegoogelt und danach kam ich mir sehr alt vor. (lacht)

Kann man sagen, Ihr öffnet einen Raum und schafft dadurch einen Bereich, wo die Tendenz zur Suizidalität zumindest für den Moment aufgeschoben ist?

Richtig. Ganz einfach erklärt, flüchten die Jugendlichen aus der analogen Welt in die digitale Welt - wohlgemerkt immer auf der Suche nach Hilfe, nach Besserung. Man weiss heute, dass ein suizidaler Mensch nicht sterben will - er will nur nicht so weiterleben wie bisher. In der digitalen Welt erreichen wir sie mit [U25] auf eine Art, wie sie heute in der analogen Welt leider nur sehr schwer zu finden ist. Es ist spannend, wenn eine Person, die negative Erfahrungen mit Institutionen gemacht hat, uns dann in einer ersten Help-Mail ganz offen schreibt, dass sie uns auch nicht vertraut und auch nicht glaubt, dass wir ihr helfen können. Wenn aber der Peerberater 3-4 Mal geantwortet hat, in seiner Art und mit seinen Ressourcen, ist das Vertauen bereits hergestellt. In diesem Moment hat man gewonnen. Eine unserer Rollen ist dann herauszufinden, was der Jugendliche überhaupt will und wenn er es noch nicht weiss, ihn zu stärken, damit er es herausfindet. Das ist ressourcenorientiert und nachhaltig. Manchmal bedeutet das auch bloss, dass wir bei der Suche nach einem geeigneten Therapeuten helfen, auch gab es Fälle wo wir die Therapie beim Psychologen gezahlt haben, da sich sonst niemand für zuständig erklärte. Wenn man im Nachhinein schaut, ist es dann oft nicht viel, was wir gemacht haben, nur ganz kleine Sachen, die aber wichtig sind, sich summieren und Leben retten. Es ist richtig, dass wir damit auch Lebenszeit gewinnen und die Suizidalität damit aufheben können.

Man weiss ja, dass es vielmehr männliche Jugendliche sind, die einen Suizidversuch machen bzw. einen Suizid verüben. Entspricht das auch der Verteilung derer, die sich bei [U25] melden?

Für mich ist das die Hauptfrage! 75% derjenigen, die Suizid begehen, sind männlich, während 80% derer, bei denen es beim Suizidversuch bleibt, weiblich sind. Das heisst pauschal, dass sich Frauen eher Hilfe suchen. Das sieht man auch bei den Suizidmethoden. Frauen nehmen eher Pillen, wo immer noch irgendwo eine kleine Hoffnung auf Rettung besteht, während sich ein Junge eher in den Kopf schiesst, nach dem Motto: wenigstens das will ich richtig hinkriegen. Wir haben aber viele Jungs die uns schreiben und die irgendwo die Kraft hernehmen, sich Hilfe zu organisieren. Bei den männlichen Jugendlichen die uns per dato geschrieben haben, sind ca. 10% homosexuell. Die Suizidraten sind bei Homosexuellen im Vergleich um 22% höher. Diese Personen leiten wir an www.du-bist-du.ch weiter, ein sensationelles und innovatives Peer-to-Peer-Projekt der Aids-Hilfe Zürich, die eine spezialisierte Online-Begleitung für Homosexuelle in Krisen und Hilfe beim Outing anbieten - neu auch für homosexuelle Mädchen. Dieses Angebot war meines Wissens das erste Peer-to-Peer Onlineprojekt in der Schweiz. Aber die Lösung für das Hauptproblem der globalen Suizidprävention haben auch wir noch nicht entdeckt. Wir arbeiten aber dran. Auch erreichen wir noch nicht alle Mädchen, da wir aus finanziellen Gründen noch nicht ausbauen können.

Das Hauptproblem ist es also, männliche Jugendliche zu erreichen, die in ihrer Suizidalität schon weit fortgeschritten sind. Diese erreichen Sie mit [25] ebenfalls nicht?

Ja, das ist richtig. In der globalen Suizidprävention ist es so: Jungen und Männer zu erreichen ist die höchste Kunst. Man weiss noch nicht wie man das machen soll, und rund um die Welt sind alle daran, genau das herauszufinden. Hierzu weiss in der Schweiz Prof. Konrad Michel, der mit seinem Team an der Universität Bern das Programm ASSIP entwickelt hat, am besten Bescheid.

Wo steht das Projekt [U25]Schweiz heute?

Das Ziel ist, das Projekt so schnell als möglich schweizweit zu installieren. Wir haben gute und interessierte Sozialarbeiter und Psychologen; wöchentlich Anfragen von Peers die sich engagieren wollen; viele Zuwendungen aus der Wirtschaft, von Stiftungen und Privatpersonen - was noch fehlt sind Fr. 150'000.-- für die fertige Installation. Ziel ist es, dass die [U25]-Standorte lokal verankert, vernetzt und national koordiniert werden können. Dazu suchen wir innovative Träger, die entweder staatlich verankert sind oder über die Finanzen verfügen, das Projekt in ihrer Region über drei Jahre zu finanzieren. Das ist uns bis heute erst im Toggenburg gelungen.

Weshalb ist die örtliche Verankerung überhaupt wichtig? Es ist ja ein online-Angebot.

Das ist richtig. Uns spielt es keine Rolle, woher ein Jugendlicher kommt der in Not ist. Für die Zuständigen der Kantone ist das aber sehr wichtig. Manche Kantone lehnen unser Angebot unter anderem ab, weil wir nicht gewährleisten wollen, dass nur Personen aus dem betreffenden Kanton mit ihren Geldern beraten werden. Für sie geht es nicht wenn beispielsweise luzerner Steuergelder für ein aargauer Kind in Not ausgegeben wird. Ausserdem haben die Kantone Mühe mit Parallelstrukturen, freiem Wettbewerb und Abgabe von Macht und Kontrolle. Sie denken von oben her entlang der Strukturen, wollen ihre neokoporatistischen Kooperationspartner nicht in Frage stellen und wollen sichere Partner. die auf ihre Bedürfnisse eingehen. Sie haben dieses Phänomen immer bei sozialen Innovationen. Entweder geben Sie das neue Projekt einer bestehenden Organisation oder Sie gehen unten durch. Davon ist auch [U25] noch betroffen. Ich ging auch auf die Kantone zu, allerdings wollen die per dato das Projekt nicht haben. Am Anfang dachte ich, sie erkennen den Wert von selbst und ich würde mit dem roten Teppich empfangen werden, aber das war nicht so (lacht).
Jetzt ist es aktuell so, dass ich, privat und über meine Firma, 140'000.- in das Projekt [U25]Schweiz investiert habe. Sonst würde es das gar nicht mehr geben. Das meine ich mit unten durch gehen. Eine örtliche Verankerung hilft deshalb als finanzielle Stütze, dient aber auch als Netzwerk für nahe Lösungsfindungen. Auch die WHO hat die Schweiz aufgefordert, regional verankerte Projekte für die Jugendsuizidprävention zu schaffen.

Wie läuft denn eine Beratung bei [U25] konkret ab?

Wenn ein Jugendlicher Kontakt aufnimmt, dann entscheidet der professionelle Peercoach in Absprache mit der Peergruppe über die Zuteilung an einen Peerberater oder eine Peerberaterin. Ein Berater darf maximal drei Kontakte haben, um die Qualität zu gewährleisten. Die Mails, die die Peerberater an die Anfragenden verfassen, werden immer von einer Fachperson gegengelesen und auch von der Fachperson gesendet - dies ist wichtig, da dadurch die Last der Verantwortung, die eine Antwort beinhalten kann, in professionellen Händen liegt. Wenn die Fachperson etwas problematisch findet, dann gibt es ein Feedback und damit eine direkte Weiterbildung für den Peerberater.

Hintergrundarbeiten wie etwa Vernetzung können ja die PeerberaterInnen nicht abdecken. Gibt es da ausgebildetes Personal im Hintergrund, das dann aktiv wird?

Ja, insgesamt arbeitet ein Team aus neun Personen direkt am Projekt mit. Weitere stehen beratend und für Spezialaufträge zur Seite.

Wie findet ihr die Peer-BeraterInnen?

Ich erhalte jede Woche mindestens 2 Anfragen von Jugendlichen, die sich engagieren wollen. Die erste Gruppe haben wir durch ein kleines Inserat in der 20min gefunden. An dem Tag haben sich alle gemeldet – vorher nicht und nachher nicht. In Bern haben wir es auf dieselbe Weise gemacht. Dann trifft man sich zum Gespräch.

Jugendliche sind ja selbst auch in der kritischen Lebensphase. Nach welchen Kriterien wählt ihr sie aus?

Grundsätzlich sind wir alle in einer kritischen Lebensphase, deshalb machen wir keine Vorstellungsgespräche im eigentlichen Sinn. Die Jugendlichen sitzen beim ersten Treffen immer gerade hin. Aber dann sage ich ihnen, du musst dich nicht beweisen, sondern es geht umgekehrt darum, dass ich dir das Projekt vorstelle und du dich entscheidest, ob das was für dich ist. In dem Moment entsteht eine grosse Offenheit. Es kam auch schon vor, dass jemand während dem Gespräch zu weinen begann, da ihm seine eigene Krise noch zu nah war. Da geht es nicht darum, dass ich dann sage, du bist noch nicht bereit für den Job, sondern das er es selber erfahren und reflektieren kann. Man muss herausfinden, bei welchen Themen jemand seine Grenzen hat. Eine Person kommt vielleicht an ihre Grenzen, wenn sie jemanden begleitet, der eine Missbrauchsgeschichte hat, wenn sie dies selbst auch erlebt hat. Es gibt aber auch den anderen Fall: bei einem Missbrauchsfall war für mich als Fachperson klar, dass die Klientin eine Anzeige machen sollte und wir ihr die Kontakte unserer Kinderrechtsanwälte geben. Aber die Peerberaterin, die selbst ein Missbrauch als Kind erlebt hatte, war anderer Meinung. Die Klientin wisse, dass ihr Unrecht getan wurde, das müsse ihr kein Richter bestätigen. Wichtig seien jetzt erstmals stabilisierende Massnahmen, in welcher die Klientin sich eine Anklage selbst überlegen kann. Ich als Fachperson lasse mich immer gerne belehren solange dies das Wohl des Kindes zur Folge hat. Ausserdem wird dadurch das Vertrauen der Peers in ihre Arbeit grösser, der Klient erhält nähere und damit bessere Hilfe. Das ist Peerarbeit.

Sie begleiten also die Peers im Hintergrund und haben diese Grenzen im Auge?

Ja, das ist richtig. Das Ganze ist so ausgerichtet, dass der Peer auch selber seine Grenzen merkt, sei es vom Thema her, aber auch vom Zeitlichen her, wenn jemand z.B. Prüfungen hat und sagt, ich muss jetzt einen Monat lang aussetzen. In dem Moment, wo der Peer merkt, hier ist eine Grenze, kann er entweder bewusst drüber gehen und das ausprobieren oder mitteilen das er das nicht möchte. Eine interne Triage ist jederzeit möglich und die Peers sind darauf geschult, ihre Grenzen bewusst wahrnehmen und mitzuteilen. Ausserdem hast Du als Peercoach einen sehr direkten Draht zu den Peers und weisst immer genau wie die Lage ist. Auch hier ist das A und O das Vertrauen zueinander.

Die Balance zwischen Nähe und Distanz ist ja in der Sozialen Arbeit wichtig. Wie bewahren Sie die Jugendlichen davor, sich zu tief in die Probleme anderer zu verstricken?

In der Onlineberatung ist eine physische Distanz bereits vorhanden zudem kann Nähe nur über technische Mittel hergestellt werden. Sie sehen also das dies ein grundsätzliches Thema bei uns ist. Die Peers sind alle reflektiert und gemeinschaftlich verbunden, trotzdem schaffen sie es Nähe zum Klienten herzustellen was viele Fachpersonen nicht können - und das wohlgemerkt über eine Tastatur.

Wie funktioniert die Supervision? 

Da trifft sich die ganze Gruppe. Das sind jeweils 10 Personen, die schon die Ausbildung zusammen gemacht haben die sich alle zwei Wochen treffen. Wir machen aber auch täglich Einzelfallbesprechungen zwischen den Supervisionssitzungen oder laden Fachexperten zu Inputreferaten und themenspezifischen Weiterbildungen ein. Ich habe zudem ein sehr grosses Netzwerk von nationalen und internationalen Experten im Hintergrund, das uns uneingeschränkt zu Verfügung steht - auch das ist sehr wichtig, da wir nur so Sicherheit weitergeben können, die direkt zum Klienten kommt.

Wie werden die Peers ausgebildet?

Das Konzept der Ausbildung konnten wir von Freiburg übernehmen. Da gibt es einen theoretischen Teil, zu selbstverletzendem Verhalten, zu Depressionen, wie man sie erkennt etc., Basics zum Schreiben von Help-Mails, Salutogenese, Prävention, Statistik und diverse Themen wie Trauma oder Konfliktmanagement. Der theoretische Block dauert zwischen 4 und 5 Monate, in denen man sich zweimal pro Woche trifft; Samstags den ganzen Tag und einmal unter der Woche abends. Nach dieser Ausbildung kommt der praktische Ausbildungsblock, indem man ein Jahr lang sehr eng während der Beratung begleitet wird, im Sinne von Learning by Doing. Es ist einfach nur bereichernd und sensationell, mit diesen jungen Menschen zu arbeiten; sie sind unglaublich motiviert und bei der Sache. Bei dieser Ausbildung ist es ganz wichtig, dass sich die Gruppe kennen und schätzen lernt, sich vertraut und eine gute Zusammenarbeitsbasis gewinnt.

Wie werden die Beratungen abgeschlossen?

Das geschieht im gegenseitigen Einverständnis mit dem Klienten. Meistens bedankt sich die anfragende Person, wenn es für sie gut ist. Wir informieren dann, dass sie jederzeit sich wieder an uns wenden kann. Nach Möglichkeit steht dann dieselbe Person als Peerberaterin zur Verfügung. Wenn wir merken, dass sich die Situation für jemanden stabilisiert hat, können auch wir die Beratung beenden, natürlich in gegenseitigem Einverständnis, und mit weiterhin offenen Türen. Zum Schutz der Peers gibt es drei Dinge, die verboten sind: man darf sich mit Klienten nicht persönlich treffen, man darf sich nicht per Facebook befreunden, und man darf keine Handy-Nummer austauschen.

Das sind jetzt die erfolgreichen Geschichten. Was macht ihr, wenn jemand trotz Beratung Selbstmord begeht?

In Deutschland, wo es jährlich ca. 21'000 Anfragen gibt, hat das [U25] in den ganzen bisherigen 15 Jahren von lediglich 3 Personen erfahren, dass sie Suizid begangen haben. Das ist sehr sehr wenig. Wir in der Schweiz hatten dies mit total 1500 Anfragen noch nicht. In einem solchen Fall würden wir ein Trauer-und Abschiedsritual in der Gruppe durchführen.

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