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Interkulturelles Dolmetschen: Und plötzlich wird alles einfacher

29.08.2014 / Gastbeitrag von Michael Müller, INTERPRET



Verständigung ist die Grundvoraussetzung für jegliche Zusammenarbeit im Sozialbereich. Verstehen und Verstanden werden schafft aber auch Vertrauen und fördert die Kooperationsbereitschaft. Mit der zunehmenden Diversität der Anspruchsgruppen gewinnt das interkulturelle Dolmetschen als professionelle Dienstleistung auch im Sozialwesen an Bedeutung.

Was ist interkulturelles Dolmetschen?

INTERPRET, die Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln, definiert das interkulturelle Dolmetschen wie folgt:

Interkulturelles Dolmetschen bezeichnet die mündliche Übertragung (in der Regel Konsekutivdolmetschen) von Gesprächsbeiträgen von einer Sprache in eine andere unter Berücksichtigung des sozialen und kulturellen Hintergrunds der Gesprächsteilnehmenden. Es findet in einer Trialogsituation, einem „Dialog zu Dritt“ statt. Dabei kann die oder der interkulturell Dolmetschende physisch vor Ort sein oder via Telefon zugeschaltet werden.

Das Telefondolmetschen ist immer dann indiziert, wenn eine schnelle Verständigung notwendig ist, insbesondere bei kurzen und/oder nicht planbaren Gesprächen, in Notfällen oder in Situationen, in denen die Anonymität gewährleistet sein muss. Für die komplexen, oft emotionalen Gespräche im Sozialbereich ist das interkulturelle Dolmetschen vor Ort mit der physischen Anwesenheit der dolmetschenden Person tendenziell besser geeignet. 

Wann und wo findet interkulturelles Dolmetschen statt?

  • Interkulturell Dolmetschende sind vorwiegend im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich tätig und stellen die Verständigung zwischen Migrantinnen und Migranten sowie Fachpersonen sicher. 2013 wurden schweizweit rund 187‘000 Einsatzstunden in über 100 Sprachen geleistet.

    Die Situationen, in denen eine Zusammenarbeit mit interkulturell Dolmetschenden sinnvoll ist, sind vielfältig. Bei folgenden Gesprächsinhalten ist sie in besonderem Masse angezeigt:

    - Mitteilungen und Eröffnungen, die emotional belastend sein könnten
    - amtliche oder besonders komplexe Informationen
    - Mitteilungen, bei denen das rechtliche Gehör gewährleistet sein muss
    - Sachverhalte mit finanziellen Auswirkungen oder Folgen für die Lebensgestaltung und/oder die berufliche Laufbahn
    - Weisungen und Entscheiden, welche umgesetzt werden müssen
    - Vermittlung von Rechten und Pflichten
    - Themen, bei denen die Fachperson darauf angewiesen ist, die Situation bzw. die Sichtweisen und Vorstellungen ihres Gegenübers genau zu verstehen
    - Themen, die religiöse und/oder kulturelle Aspekte beinhalten

  • Zum Beispiel: Termin bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde:

    Die Eltern von Boris Kusmin sind von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde zu einem Gespräch eingeladen worden. Diese wurde aktiv, nachdem die Lehrperson von Boris bei der KESB eine Gefährdungsmeldung gemacht hat. Die Eltern von Boris kommen mit ihren Deutschkenntnissen im Alltag zwar gut zurecht, aber in komplexen Gesprächen oder belastenden Situationen stellt die Verständigung eine grosse Herausforderung dar. Aus Erfahrung weiss der Sozialarbeiter der KESB, dass bei emotionalen und schwierigen Gesprächssituationen der Beizug von interkulturell Dolmetschenden für die erfolgreiche Kommunikation entscheidend sein kann. Von der Lehrperson hat der Sozialarbeiter zudem den Namen der interkulturell Dolmetschenden erhalten, mit welcher die Lehrperson bereits im Rahmen eines Elterngesprächs zusammengearbeitet hat. Dank diesem Hinweis kann der Sozialarbeiter für das anstehende Gespräch bei der regionalen Vermittlungsstelle die gleiche interkulturell Dolmetschende beantragen. Herr und Frau Kusmin sind angenehm überrascht, als sie bei der Begrüssung die ihnen bekannte interkulturell Dolmetschende sehen, und fassen etwas Vertrauen und Zuversicht für das Gespräch.

Warum sich der Beizug einer/eines interkulturell Dolmetschenden lohnt

Ist die direkte Kommunikation aus sprachlichen und/oder kulturellen Gründen erschwert, sprechen zahlreiche Argumente für die Zusammenarbeit mit professionellen interkulturell Dolmetschenden: Neben ethischen (Chancengleichheit, Gleichbehandlung) und fachlichen Aspekten (Verständigung, Informationsfluss, Vertrauensaufbau,

  • Beratungsqualität, etc.) sind unter Umständen auch juristische Überlegungen (Diskriminierungsschutz, Aufklärungs- und Informationspflicht, rechtliches Gehör, etc.) zu berücksichtigen. Oft sprechen aber auch handfeste wirtschaftliche Überlegungen für den frühzeitigen Beizug professioneller interkulturell Dolmetschender: Ist die gegenseitige Verständigung von Beginn weg sichergestellt, können Missverständnisse, Leerläufe und Mehraufwände vermieden und die effiziente Erfüllung der Aufgaben sichergestellt werden.

  • „Wir sind in einer komfortablen Lage“

    Judith Müller zieht in ihrem Beratungsalltag als Schulsozialarbeiterin bei Bedarf interkulturelle DolmetscherInnen bei.

Zunehmende Verankerung

In allen Einsatzbereichen, insbesondere aber im Sozialbereich, zeigt sich eine zunehmende Verankerung und Institutionalisierung der Zusammenarbeit mit interkulturell Dolmetschenden. Dies ist zum einen auf positive Erfahrungen zurückzuführen: Fachpersonen, die einmal mit professionellen interkulturell Dolmetschenden zusammengearbeitet haben, möchten auf diese Dienstleistung nicht mehr verzichten. Zum andern ist eine zunehmende Verankerung der Thematik in übergeordneten Konzepten, Richtlinien und Handlungsempfehlungen festzustellen. Einen wichtigen Meilenstein stellen die „Empfehlungen zur Förderung von Interkulturellem Übersetzen und Vermitteln“ der Kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren SODK vom 2. Juli 2010 dar. Ein weiteres Beispiel ist die explizite Erwähnung professioneller interkultureller Übersetzungsleistungen und deren Finanzierung im „Handbuch Sozialhilfe im Kanton Bern“.

Das interkulturelle Dolmetschen ist aber auch fester, verpflichtender Bestandteil der zwischen Bund und Kantonen ausgehandelten kantonalen Integrationsprogramme KIP, welche seit 1. Januar 2014 einen gemeinsamen und verbindlichen Rahmen für die Integrationsförderung darstellen. Im sogenannten Pfeiler 3 verpflichten sich alle Kantone, ein „Vermittlungsangebot für qualitativ hochwertige Dienstleistungen im Bereich des interkulturellen Dolmetschens“ aufzubauen oder zu gewährleisten.

Wer sind die interkulturell Dolmetschenden?

Interkulturell Dolmetschende sind ExpertInnen für das (Konsekutiv-) Dolmetschen in Trialogsituationen. Sie verfügen über ausreichende Kenntnisse der örtlichen Amts- sowie der Dolmetschsprache, um eine korrekte und vollständige Übersetzung in beide Sprachen zu gewährleisten. Sie dolmetschen beidseitig, sinngenau und unter Berücksichtigung des sozialen, ethnischen, schichtspezifischen und kulturellen Hintergrunds der Gesprächsteilnehmenden.



  • „Die Bürokratisierung kam erst später – und mit ihr die Professionalisierung“

    Hawa Duale Fritsche ist seit 1993 als interkulturelle Dolmetscherin tätig.

  • Eigenheiten des schweizerischen und regionalen Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesens sind ihnen bekannt, sie kennen aber auch die entsprechenden Strukturen, Abläufe und Konzepte des Herkunftslandes aus eigener Erfahrung. Dieses Wissen sowie die dadurch gesteigerte Sensibilität für potentielle Schwierigkeiten und Missverständnisse sind Teil ihres beruflichen Profils.

    Die wesentlichen Aspekte der Grundhaltung, der Rechte und Pflichten sowie der beruflichen Kompetenzen (z.B. Schweigepflicht, Unparteilichkeit oder Transparenz) sind im Berufskodex für interkulturell Dolmetschende festgehalten.

Ausbildung und Qualifizierung der professionellen interkulturell Dolmetschenden

Das Ausbildungs- und Qualifizierungssystem für interkulturell Dolmetschende und Vermittelnde umfasst zwei Qualifizierungsniveaus: das Zertifikat INTERPRET sowie den eidgenössischen Fachausweis.

Inhaberinnen und Inhaber des Zertifikats INTERPRET sind in der Lage, sich sicher in der Rolle der interkulturell Dolmetschenden im Trialog-Setting zu bewegen und sinngetreu zwischen Fachpersonen des Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesens einerseits und Migrantinnen und Migranten andererseits zu dolmetschen.

Der eidgenössische Fachausweis für interkulturell Dolmetschende und Vermittelnde zeichnet Personen aus, die sich in einem breiteren fachlichen Umfeld und in unterschiedlichen Settings bewegen können und einen bewussten Umgang mit unterschiedlichen Rollen pflegen. Sie bewältigen anspruchsvolle Situationen und sind auch schwierigen und belastenden Einsätzen gewachsen. Sie verfügen über zusätzliche Kompetenzen, die es ihnen erlauben, ihre transkulturelle Kompetenz und ihre Kenntnis der verschiedenen «Lebenswelten» auch in der Informations- und Bildungsarbeit, bei der Beratung und Begleitung von Personen im Integrationsprozess oder bei der Mitarbeit in Projekten zur Geltung zu bringen.

Die Qualifizierung zum eidgenössischen Fachausweis baut auf dem Zertifikat INTERPRET auf und führt über gezielte Weiterbildungen zur eidgenössischen Berufsprüfung.

Die Vermittlungsstellen als wichtige Partner

Die rund 20 regionalen Vermittlungsstellen sind die wichtigsten Ansprechpartner der Fachpersonen: Sie nehmen die Aufträge entgegen, erledigen die gesamte Administration des Einsatzes (Rechnungsstellung, Entlöhnung der dolmetschenden Person, Spesenentschädigung, Versicherungen und Sozialleistungen, etc.) und garantieren einen reibungslosen Ablauf. Ihre Aufgabe ist es auch, die für den spezifischen Einsatz „richtige“ interkulturell dolmetschende Person zu finden. Über diese administrativen Aufgaben hinaus kommen den Vermittlungsstellen wichtige Aufgaben in der Qualitätssicherung zu. Sie stehen im direkten Kontakt mit den Nutzerinnen und Nutzern des interkulturellen Dolmetschens und nehmen Rückmeldungen zu den geleisteten Einsätzen entgegen. Den bei den Vermittlungsstellen unter Vertrag stehenden interkulturell Dolmetschenden werden regelmässig Weiterbildungen angeboten und Gefässe für Austausch, Beratung, Intervision und Supervision zur Verfügung gestellt.

Materialien und Hilfestellungen zur erfolgreichen Zusammenarbeit

Damit die Zusammenarbeit im Trialog gelingt, müssen sowohl die Fachperson als auch die/der interkulturell Dolmetschende über die entsprechenden Kompetenzen verfügen. INTERPRET stellt eine Reihe an Hilfsmitteln und didaktischen Materialien zur Verfügung. Seit kurzem steht die neue Lernplattform TRIALOG online. Herzstück der Lernplattform sind gefilmte Trialogszenen („Erfolgreiche Beispiele“ und „Beispiele misslungener Kommunikation“), welche alltägliche Gesprächssituationen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales zeigen. Die Trialog-Filme werden ergänzt durch Interviews mit den Darstellenden sowie durch zwei Reportagen, welche Einblick gewähren in die Ausbildung der interkulturell Dolmetschenden sowie in eine Supervision.

In der „Werkstatt“ können Userinnen und User mit thematisch geordneten Filmsequenzen und didaktischen Materialien arbeiten. Häufige Fragen und die wichtigsten Antworten, Transkriptionen und Kommentare zu den Filmen ergänzen das Angebot.

Ressourcen


03. September, 2014 - INTERPRET - Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln
INTERPRET

Kompetenzzentrum für interkulturelles Dolmetschen



03. September, 2014 - ,
Entscheidungshilfe zur Zusammenarbeit mit interkulturell Dolmetschenden: Wann ist das sinnvoll?

In dieser kurz gefassten Entscheidungshilfe finden Sie Hinweise, in welchen Situationen die Zusammenarbeit mit professionellen interkulturell Dolmetschenden angezeigt ist und nach welchen Kriterien Sie entscheiden können, ob Sie diese Hilfestellung in Anspruch nehmen wollen.



03. September, 2014 - INTERPRET - Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln
Interkulturelles Dolmetschen im Sozialbereich – eine lohnende Zusammenarbeit!

Argumentarium



03. September, 2014 - INTERPRET - Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln
Die regionalen Vermittlungsstellen



03. September, 2014 - INTERPRET - Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln
TRIALOG

Lernplattform für das interkulturelle Dolmetschen

Interkulturelles Dolmetschen bezeichnet die mündliche Übertragung (in der Regel Konsekutivdolmetschen) von Gesprächsbeiträgen von einer Sprache in eine andere unter Berücksichtigung des sozialen und kulturellen Hintergrunds der Gesprächsteilnehmenden.

Literatur


03. September, 2014 - INTERPRET - Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln
Berufskodex für interkulturell Dolmetschende

Der Berufskodex INTERPRET richtet sich an interkulturell Dolmetschende mit dem Zertifikat INTERPRET. Der Berufskodex schützt und regelt die Arbeit der interkulturell Dolmetschenden. 


28. August, 2014 - INTERPRET - Schweizerische Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen und Vermitteln, von Glutz, Barbara
Interkulturelles Übersetzen im Sozialbereich

Aktuelle Praxis und Handlungsempfehlungen anhand von

Die Empfehlungen dieser Studie zielen darauf ab, dem Einsatz des interkulturellen Übersetzens im Sozialbereich mittelfristig zu einer grösseren Vereinheitlichung und Professionalisierung zu verhelfen. Damit soll erreicht werden, dass die Zusammenarbeit von Fachpersonen mit interkulturell Übersetzenden, in Situationen wo dies angezeigt ist, sozusagen selbst-verständlich und unter Einhaltung der wichtigsten professionellen Standards erfolgt. Dies wiederum ist ein wichtiger Beitrag zu den Bestrebungen der aktuellen Integrationspolitik, der Migrationsbevölkerung in der Schweiz einen chancengleichen Zugang zu den Angeboten der Regelstrukturen zu ermöglichen.

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