Inhalt - Geschlechtsvarianten (11/16)

Geschichte zum medizinischen Umgang mit dem dritten Geschlecht wird aufgearbeitet

Dossier, 2. November 2016/bac

 



© CCO Public Domain; johnhain/Pixabay

Im Oktober gab der Nationalfonds bekannt, dass er das Kinderspital Zürich bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung zur Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung unterstützt. In den 1950er Jahren war das "Kispi" eine der führenden Forschungs- und Behandlungsstätten für Intersex-Kinder. In westlichen Ländern wurden damals Kinder mit Geschlechtervarianten fast ausnahmslos operiert.

Es gibt Kinder, die bei der Geburt keine klarbestimmbaren Geschlechtermerkmale aufweisen und somit in ihrem Körper nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Früher sprach man von Intersexualität, heute wird empfohlen, von Varianten der Geschlechtsentwicklung oder Geschlechtsvarianten zu sprechen. Diese Kinder wurden oft schon als Baby operativ korrigiert. Auch dann, wenn kein medizinischer Notfall vorlag. Angenommen wurde nämlich, dass sich ein Mensch in eine bestimmte Geschlechterrichtung drängen lässt, sofern ein eindeutiges Geschlecht vorliegt. Es wurde etwas "in Ordnung gebracht" das letztlich so nicht in Ordnung zu bringen ist. "Operative Eingriffe zur Geschlechtszuordnung gibt es auch heute noch, auch bei Kleinkindern. Dies muss auf gesetzlicher Ebene verhindert werden", fordert Markus Bauer von Zwischengeschlecht in einem Interview dem Radio SRF.

Selbstbestimmung, nicht Fremdbestimmung – Selbstbestimmung nicht, Fremdbestimmung

In der Kindermedizin werden häufig Entscheide gefällt ohne Einverständnis der Patienten. Eine allgegenwärtige Spital-Realität, die nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Besonders heikel wird es, wenn das Geschlecht und die Geschlechtlichkeit betroffen sind. Denn die Intimsphäre gilt es zu schützen. Ist dem nicht so, kann die persönliche Stabilität enorm erschwert werden. Lange Zeit ging man davon aus, dass Menschen mit Geschlechtervarianten operativ "in Ordnung" zu bringen sind. Nämlich entweder in Form eines Knaben oder eines Mädchens. Ebenso ging man davon aus, dass dadurch das Kind zu einer eindeutigen Geschlechteridentität findet. Dass ein solches Vorgehen jedoch längerfristig einen weiteren Notfall erzeugt, blieb lange Zeit unbemerkt. Dank der Arbeit von Betroffenen und deren Angehörigen wird der Öffentlichkeit allmählich bewusst, wie es wirklich um die Leidtragenden steht. Viele Lebensläufe sind massiv durcheinandergekommen und lassen die Betroffenen mit dem Empfinden zurück, medizinisches Flickwerk oder Konstrukt zu sein.

Heutzutage wird erkannt, dass eine Geschlechteridentifizierung weder mit chirurgischen noch mit erzieherischen Massnahmen grundlegend beeinflusst werden kann und dass die schmerzhaften Eingriffe, ohne Einwilligung der Kinder, die persönliche Integrität massiv verletzt. Der Umgang mit Kindern mit Geschlechtervarianten ist ein dunkles Kapitel der Schweizer Medizingeschichte. Das Kinderspital Zürich geht dies nun offensiv an, was zu begrüssen ist.

Schweizerischer Nationalfonds: Die Behandlung von Varianten der Geschlechtsentwicklung wird aufgearbeitet

Im Oktober gab der Schweizerische Nationalfonds bekannt, dass er das Kinderspital Zürich bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechterentwicklung unterstützen wird. Das Kinderspital Zürich war seit den 1950er Jahren eine der führenden Forschungs- und Behandlungsstätten für Kinder mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung. Deshalb gelangten 2008 und 2012 Betroffene und deren Angehörige mit einem offenen Brief an das "Kispi". Sie verlangten sowohl ein fundamentales Überdenken der bisherigen Behandlungspraxis als wie auch eine historische Aufarbeitung der Genitalkorrekturen an intersexuellen Kindern, die in der Vergangenheit am Kinderspital Zürich durchgeführt wurden. Die Ergebnisse werden frühestens in zwei Jahren erwartet.

Varianten der Geschlechtsentwicklung


28. Oktober, 2016 - SNF
Die Behandlung von Varianten der Geschlechtsentwicklung wird aufgearbeitet

10.10.2016

Der SNF unterstützt das Universitäts-Kinderspital Zürich bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung.

Nationale Ethikkommission: Zum Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung

Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin veröffentlichte 2012 eine Stellungnahme zum Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung. Der bundesrätliche Auftrag lautete: Fragen aus der Beratung beziehungsweise der Eltern- und der Ärzteschaft klären und Schnittstellen zum Bereich der Sozialversicherung und zum Privatrecht ermitteln.

Umgang mit Geschlechtsvarianten


28. Oktober, 2016 - NEK-CNE
Zum Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung

Stellungnahme Nr. 20/2012

Ethische Fragen zur «Intersexualität»

Historische Evaluation der Behandlung von Patienten und Patientinnen mit Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung am Kinderspital Zürich

Im Zuge der verschiedenen Forderungen veröffentlichte 2014 das Kinderspital Zürich einen Kurzbericht, der sich auf die chirurgische Interventionen von Kindern mit Geschlechtervarianten bezieht. Mit dieser Evaluation soll deutlich gemacht werden, dass sich das Kinderspital der Vergangenheit stellt und sich erhofft, ein Vorbild für die Schweiz und andere europäische Länder zu sein.

Mamablog: Wie gehe ich mit einem intersexuellen Kind um?

Dank den Aktivitäten von Betroffenen wird das Thema sowohl national wie international nicht nur in Fachdiskussionen beachtet. Auch im gesellschaftlichen Umfeld nehmen die Sensibilisierung und das Wissen zu. Ende September wendete sich eine schwangere Frau an den Mamablog des Tages-Anzeigers. Autorin Andrea Burri, Sexualwissenschaftlerin, beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Der Beitrag wurde rege kommentiert. 

Medien / Blog


19. Dezember, 2016 - SRF
Einheitliche Praxis in Spitälern gefordert

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) gibt Empfehlungen für den Umgang mit Intersexualität. 


28. Oktober, 2016 - Tages-Anzeiger
Wie gehe ich mit einem intersexuellen Kind um?

Blog

Ich erwarte ein Baby und frage mich, was ich mache, wenn es intersexuell sein sollte. Was empfiehlt die Wissenschaft?



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