Inhalt - Fachkräfte im Sozialbereich: Vielfältige Ausstiegsgründe – grosses Potenzial bei Müttern (08/18)

Fachkräfte im Sozialbereich: Vielfältige Ausstiegsgründe – grosses Potenzial bei Müttern

06.08.2018/stl

 



© Carola Reimann/Flickr

Mangelnde Karrierechancen, tiefe Löhne, unregelmässige Arbeitszeiten, fehlende Personalressourcen – die Gründe, weshalb Angestellte aus dem Sozialbereich aussteigen, sind vielfältig. Es besteht aber durchaus Potenzial, ausgestiegene Fachkräfte wieder für das Erwerbsleben zurückzugewinnen – gerade bei Müttern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung im Auftrag von SAVOIRSOCIAL durchgeführt hat.

Die Kita-Leiterin, der Betreuer im Altersheim, die Betreuerin im Wohnheim für Menschen mit einer Beeinträchtigung oder auch der Sozialarbeiter – sie alle nehmen Aufgaben wahr, die typisch sind für den Sozialbereich und zentral für die Integration aller Bevölkerungsschichten in unsere Gesellschaft. So wichtig diese Berufe auch sind, die Fluktuation im Sozialbereich ist gross, der Mangel an Fachkräften seit Jahren ein Thema. Um diesem Mangel entgegenwirken zu können, ist ein vertieftes Wissen über die Ausstiegsgründe notwendig.

Diese sind vielfältig und nicht zuletzt von Alter, Geschlecht und Bildungsstand abhängig. Zu diesem Schluss kommt die kürzlich publizierte Studie „Abgewandert aus dem Sozialbereich“, die das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) im Auftrag von SAVOIRSOCIAL durchgeführt hat. So nannten Männer und Frauen ohne Kinder oftmals die eigenen beruflichen Entwicklungswünsche als Ausstiegsgrund, während bei Eltern die hohe berufliche Belastung und die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Vordergrund standen. Mangelnder Lohn, fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und geringe Anerkennung waren indes für Angestellte ohne tertiäre Ausbildung Gründe, den Sozialbereich zu verlassen. Die gesundheitliche Belastung führte insbesondere bei Eltern und bei 30- bis 49-Jährigen zum Ausstieg aus dem Sozialbereich. Den Ausstieg allerdings an einem einzigen Faktor festmachen zu wollen, wäre indes zu einfach. Die Autorinnen und Autoren zeigen auf, dass häufig komplexe Zusammenhänge zwischen einzelnen Ausstiegsgründen und persönlichen Motiven bestehen.

Ressourcenknappheit als Konstante

So unterschiedlich die individuellen Beweggründe auch sein mögen, bei fast allen berufsbedingten Ausstiegen gibt es eine Konstante: knappe Personal- und Zeitressourcen. Dies kann sich verschiedentlich äussern. So nannten die Befragten beispielsweise die berufliche Belastung, die stetig anstieg, was zu einer Überforderung bis hin zur Erschöpfung führen könne. Erwähnt wurde im Zusammenhang mit den Ressourcen aber auch ein schlechtes Arbeitsklima und problematische Teamkonstellationen. Letztere werden insbesondere dann als problematisch erlebt, wenn die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Quereinsteigerinnen oder Praktikanten unzureichend geregelt ist. Dies passiere insbesondere dann, so die Autorinnen und Autoren, wenn die Führung und Organisation mangelhaft sind. Knappe Ressourcen wurden ausserdem als Ursache für mangelnde Fachgerechte Betreuung genannt. Für viele der Befragten war auch dies für den Ausstieg ausschlaggebend.

Grosses Potenzial bei den Müttern

Etliche der Befragten nannte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, respektive Privatleben als Grund für den Ausstieg. Während ein Teil in eine andere Branche wechselt, steigen andere ganz aus dem Erwerbsleben aus. Dies betrifft vorwiegend Mütter, die nach der Geburt der Kinder aus dem Beruf aussteigen. Hier ist interessant, dass ein Grossteil von ihnen auch nach dem Ausstieg im Sozialbereich tätig ist, einfach ohne dafür Geld zu erhalten. Diese Frauen engagieren sich beispielsweise in freiwilligen Projekten, um ihr soziales Engagement weiterhin ausleben zu können. Die Studienautorinnen und –autoren folgern daraus, dass für den Sozialbereich durchaus ein Potenzial besteht, weibliche Fachkräfte zurückzugewinnen. Dafür sei es wichtig, dass bei der Anstellung individuelle Lösungen gefunden würden, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet ist.

Der letzte Teil einer dreijährigen Studie

Die Studie „Abgewandert aus dem Sozialbereich“ ist der dritte Teil einer Laufbahnstudie, mit dem SAVOIRSOCIAL das EHB beauftragt hat. Während sich der dritte Teil mit den Aussteigern befasst, wurden in den ersten beiden Teilen die Situation von Lernenden und Studierenden, respektive die Perspektive der Arbeitnehmenden unter die Lupe genommen. Für den dritten Teil der Studie wurden zwischen Juni und November 2017 162 Personen befragt, die einst in den Arbeitsfeldern Unterstützung von Kindern und Jugendlichen (44 Prozent), Betreuung von Menschen im Alter (23 Prozent), Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigungen (23 Prozent) und gesetzliche Sozialhilfe (10 Prozent) tätig waren. 19 Personen wurden zu einem späteren Zeitpunkt zu vertiefenden Gruppeninterviews eingeladen. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Studie nicht als repräsentativ für den Sozialbereich eingestuft werden könne. Trotzdem ermöglichten es die Resultate, verschiedene Ausstiegsgründe aufzuzeigen. Die Ergebnisse der Studie sollen in der Branche als Diskussionsgrundlagen dienen und dabei helfen, dem Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken.

Hier finden Sie die ganze Studie


03. August, 2018 - SAVOIRSOCIAL Schweizerische Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales
Abgewandert aus dem Sozialbereich

Teil der Studie zu den Ausbildungs- und Erwerbsverläufen von verschiedenen Berufsgruppen der Sozialen Arbeit in ausgewählten Berufsfeldern des Sozialbereiches 

Weitere Studien

Dass im Sozialbereich Fachkräftemangel herrscht, ist nicht neu. Das Thema wurde bereits in verschiedenen Studien und Artikeln aufgenommen. Eine Auswahl finden Sie unter den folgenden Links:

Weitere Studien zum Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit


03. August, 2018 - BSV
Beschäftigung und Produktivität im Sozialbereich (2016; Berichtnummer 16/16)

Die Studie bestätigt das stark überdurchschnittliche Beschäftigungswachstum im Sozialbereich in den vergangenen Jahren, wie dies im Ausland zu beobachten ist. Für die nächsten 15 Jahre ist weiterhin mit einem solchen Wachstum zu rechnen. Die Herausforderungen sind somit gross, umso mehr als neben dem zusätzlichen Personalbedarf insbesondere natürliche Fluktuationen aufgrund von Pensionierungen aufgefangen werden müssen.



03. August, 2018 - SAVOIRSOCIAL Schweizerische Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales
Fachkräfte- und Bildungsbedarf für soziale Berufe in ausgewählten Arbeitsfeldern des Sozialbereichs

Zur Sicherung der längerfristigen Fachkräfteressourcen engagiert sich die nationale Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales seit ihrer Gründung im Jahr 2004 für die Weiterentwicklung der Berufsbildung im Sozialbereich. Dabei zeigt sich immer wieder von Neuem, dass eine differenzierte Datenlage zur Bestimmung zentraler Handlungsfelder, Zielsetzungen und Umsetzungsmassnamen unerlässlich ist. Aus diesem Grunde liess SAVOIRSOCIAL bereits 2011 von der Firma B, S, S. die Fachkräftesituation im Sozialbereich analysieren . Diese Analyse gelangte zum Schluss, dass es bei verschiedenen Sozialberufen Hinweise auf einen Fachkräftemangel gibt. Die vom SECO im Jahr 2014 publizierte Studie zum Fachkräftemangel in der Schweiz bestätigte diese Erkenntnis.



03. August, 2018 - AvenirSocial Schweiz
Fachkräftemangel: Die Soziale Arbeit ist gefordert

Das Berufsfeld der Sozialen Arbeit ist von einem beträchtlichen Fachkräftemangel betroffen. Dies wird sowohl durch die von SAVOIRSOCIAL in Auftrag gegebene Studie «Fachkräftesituation im Sozialbereich» aus dem Jahre 2011 als auch durch die im April 2014 publizierte Studie des SECO zum Fachkräftemangel in der Schweiz belegt. Zu den Hintergründen dieser Entwicklung und den künftigen Herausforderungen.


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