Inhalt - Arbeitsintegration älterer Arbeitnehmer (2/15)

Arbeitsintegration älterer Erwerbsloser: Verein fordert bessere Unterstützung statt Zwang

04.02.2015 / str 



© cl / pixelio.de

Um über 50-jährige Erwerbslose in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wären dringend Reformen bei den Arbeitsmarktbehörden und der Sozialhilfe notwendig. Aus- und Weiterbildungen sollten gefördert und Unternehmen stärker in die Pflicht genommen werden. Heidi Joos, Geschäftsleiterin des Vereins 50plus outIn work, erklärt im Interview, welche Unterstützung hilfreich wäre.

 

Geschäftsstelle sozialinfo.ch: Der Verein 50plus outIn work hat Ende November die Petition «Stopp der Zwangszuweisung in abeitsmarktliche Massnahmen» lanciert. Weshalb?

Heidi Joos: Wir haben immer wieder Klagen von älteren Versicherten erhalten, die wegen einer willkürlichen Zuweisung in eine Beschäftigungsmassnahme depressiv wurden. Vor allem bestandene Arbeitskräfte, die keine Mühe haben, sich selbst eine Tagesstruktur zu geben, empfinden es als Schikane, wenn sie gegen ihren Willen zu einem Einsatz im zweiten Arbeitsmarkt "verdonnert" werden, von dem sie sich keinen Nutzen versprechen. Gemäss Seco-Studien kommt es zudem bei vielen Programmen zum sogenannten "lock-in-Effekt". Das heisst, die Integration wird eher behindert als gefördert, weil es zu einem Verharren in der Arbeitslosigkeit führt. Ein Einspracherecht, wie wir es für Zuweisungen der Arbeitsmarktbehörde fordern, könnte willkürliche Behördeneingriffe in Persönlichkeitsrechte minimieren, es könnte aber auch als Teil eines Qualitätsmanagements mithelfen, Fehlzuweisungen zu verhindern und somit Kosten zu reduzieren.

  • Heidi Joos: Engagiert dank eigener Erfahrung

    © privat

    Heidi Joos leitet die Geschäfte des Vereins seit dessen Gründung ehrenamtlich. Sie war in einer Führungsfunktion bei der Arbeitsmarktbehörde Luzern tätig und Bereichsleiterin 50plus bei der Stiftung Speranza, welche Menschen bei der Integration ins Erwerbsleben unterstützt. Die heute 60-Jährige ist ausgebildete Sozialpädagogin, Verlagsmanagerin, Yogalehrerin, NLP-Trainerin und Coach. Sie hat selbst erfahren, was es bedeutet, als über 50-Jährige die Kündigung zu erhalten und sich beruflich neu orientieren zu müssen. Heute führt sie als Selbständig Erwerbende ein Consultingbüro und bietet für Einzelpersonen und Teams Beratungen und Workshops an.

  • Warum haben über 50-Jährige mehr Mühe, einen Job zu finden als Junge?
    Es sind verschiedene Faktoren, die eine Integration von älteren Arbeitnehmenden erschweren. Einerseits drängt die Globalisierung Unternehmen zur Minimierung der Kosten. In der Folge lagern sie Arbeitsplätze ins Ausland aus oder einfache Tätigkeiten werden durch Automatisierung verdrängt. Anderseits lässt die politische Lage es zu, junge und billige Arbeitskräfte aus dem Ausland zu holen, um ältere Mitarbeitende mit höheren Lohnkosten zu ersetzen. Der aktuelle OECD-Bericht spielt die höheren BVG-Arbeitgeberbeiträge für ältere Mitarbeitende als wichtigen Stolperstein für die Arbeitsmarktintegration aus unserer Sicht zu Unrecht herunter. Die Kosten sind ein zentraler Faktor bei der Personalselektion und benachteiligen Ältere nachweisbar. Viele ältere Erwerbslose finden nur noch ein Arbeitsverhältnis "auf Abruf", welches weder Versicherungsschutz bei Arbeitslosigkeit noch im Alter bietet. Dass die Langzeitarbeitslosigkeit von Älteren in der Schweiz über dem OECD-Durchschnitt liegt, muss uns nachdenklich stimmen.

Wie unterstützen die RAV's ältere Erwerbslose?
Wir nehmen die RAV's in erster Linie als Kontrollorgane wahr. Sie lösen weder den Anspruch der Vermittlung noch jenen der Beratung ein. Oft fehlt es an profunden Kenntnissen des Arbeits- und Bildungsmarktes. Ein Case-Management-Modell wie es die IV für die Früherfassung kennt, wäre zweckdienlicher. Das würde auch sicherstellen, dass die Beratenden Kontakt zu Arbeitgebern haben. Zudem ist das Konzept, bei arbeitsmarktlichen Massnahmen vor allem Kollektivmassnahmen zu verordnen, nicht mehr zeitgemäss. Die Praxis zeigt immer wieder Fälle, in denen die RAV's Versicherte in kollektive Kurse oder Programme zuweisen, einzig weil es noch freie, bereits eingekaufte Plätze hat. Die Anforderungen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt verlangen nach neuen Konzepten. Es braucht individuelle Massnahmen, die im konkreten Austausch mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen sowie Bildungsfachleuten geschaffen werden.

Wie sieht es in der Sozialhilfe aus?
In der Sozialhilfe erhalten ältere Jobsuchende nur in Einzelfällen ein begleitendes Coaching. Sie ermöglichen weder Weiterbildungen, noch finanzieren sie Massnahmen, um die Gesundheit zu fördern. Einzig den Druck auf die Betroffenen, sich weiterhin zu bewerben, erhalten sie aufrecht. Zusätzlich demütigt man ältere Jobsuchende, in dem man sie in Basisarbeitsprogramme steckt, die ihnen das Gefühl vermitteln, sie seien arbeitsscheu. Das kürzlich vom Verwaltungsgericht Zürich gefällte Urteil zur Einsprache einer 49-jährigen Sozialhilfe-Empfangenden lässt aufhorchen. Darin rechtfertigt das Gericht den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte mit dem Hinweis auf ein Recht der Sozialbehörden auf Gegenleistung. Letzteres Recht ist aber keineswegs verbrieft, im Gegensatz zu den Persönlichkeitsrechten. Das ist Stimmungsmache gegen Sozialhilfe-Beziehende. Damit wird verschleiert, dass der Arbeitsmarkt gar nicht bereit ist, diese Menschen zu beschäftigen.

 

 

  • Welche Unterstützung benötigen über 50-jährige Erwerbslose stattdessen?

    Die Tatsache, dass der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahren immer grösser wird, erfordert grundlegende Reformen in der Arbeitswelt, aber auch bei Arbeitsmarkt- und Sozialbehörden. Wir können es uns auf Dauer nicht leisten, immer mehr rüstige Arbeitnehmende aufs Abstellgleis zu stellen. Das bedingt entsprechende Öffentlichkeitskampagnen durch die Behörden, die auf die Vorteile der Einstellung von älteren Mitarbeitenden hinweisen. Die Behörden sollten Unternehmen vermehrt in die Pflicht nehmen und darauf drängen, dass diese auch ältere Arbeitnehmende einstellen.

  • "50plus outIn work": Lobby für ältere Erwerbslose

    Der Verein "50plus outIn work" ist im Herbst 2012 in Luzern aus einer Selbsthilfe-Initiative älterer erwerbsloser Personen entstanden. Seither engagiert sich der Verein für die Interessen der Generation 50plus und deren Integration in den Arbeitsmarkt. Er versteht sich als Ansprechpartner von Politik, Sozial- und Arbeitsmarktbehörden sowie Unternehmen. Auf politischer Ebene setzt er sich zum Beispiel für eine altersneutrale BVG-Lösung ein und bekämpft die Diskriminierung von älteren Personen auf dem Arbeitsmarkt. Zudem ist er Träger eines eigenen Angebots zur Arbeitsintegration. Dieses beinhaltet Standortbestimmungen und eine intensive Begleitung bei der Arbeitssuche.

Was heisst das konkret?
Ohne Inländervorrang und klarer Eindämmung der Rekrutierungsmöglichkeiten von billigen Arbeitskräften aus dem Ausland, einer altersneutralen BVG-Lösung sowie vermehrten Investitionen in die Weiterbildung auch von älteren Arbeitnehmenden, lässt sich das Problem nicht in den Griff bekommen. Es ist bedenklich, wenn Gemeinden sich aufgrund ihrer hohen Sozialkosten dazu verleiten lassen, Leistungskürzungen vorzunehmen statt in unterstützende Massnahmen zu investieren. Wir haben öfters erlebt, dass Sozialhilfe-Beziehende aufgrund der tiefen Mietzinsobergrenzen nebst der Arbeit auch noch ihre Wohnung verlieren. Die Leistungsgestaltung in der Sozialhilfe soll nicht nur in einem Rahmengesetz auf Bundesebene geregelt werden, sie soll bei der Leistungsgestaltung auch die besonderen Bedürfnisse des Alters in Bezug auf Gesundheit, Arbeit und Bildung berücksichtigen. Ausserdem sollte die Finanzierung auf eine solide, einheitliche Basis gestellt werden.

Was raten Sie jenen, die trotz allen Bemühungen keine Arbeit finden?
In solchen Fällen ist eine sorgfältige Begleitung und Trauerarbeit wichtig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass spirituelle Arbeit helfen kann, die Erfahrung von gesellschaftlicher Ausgrenzung besser zu verarbeiten. Alles andere als hilfreich sind Verunglimpfungen von Sozialhilfe-Beziehenden durch gewisse politische Kreise. Für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Betroffenen wäre es wohl besser, wenn wir ein "bedingungsloses Grundeinkommen" hätten. Das würde sie etwas vom sozialen Druck befreien, der viele krank macht.

 

 

Online-Petition: Stopp der Zwangszuweisungen in Arbeitsmarktliche Massnahmen

Ende November 2014 hat der Verein 50plus outIn work eine Petition lanciert. Sie verlangt vom Staatssekretariat für Wirtschaft und Arbeit (Seco), die Zuweisungen in arbeitsmarktliche Massnahmen in Form von einsprachefähigen Zwischenverfügungen abzufassen. Hintergrund der Petition ist die gängige Praxis der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), Erwerbslose zum Teil gegen deren Willen zur Teilnahme an arbeitsmarktlichen Massnahmen – meist sind das Arbeitsintegrationsprogramme – zu verpflichten. In einem Kreisschreiben des Seco steht zwar, dass die Teilnahme an einem Programm verweigert werden kann, wenn erhebliche Zweifel bestehen, «dass die Massnahme in Bezug auf die Vermittlungsfähigkeit der versicherten Person den gewünschten Nutzen bringt». Für die Betroffenen ist es jedoch schwierig, sich gegen eine Zuweisung zu wehren, weil sie erst eine Verfügung erhalten, wenn sie sich weigern, im Programm teilzunehmen und nicht schon bei der Zuweisung. Bei einer Weigerung muss das RAV eine Verfügung ausstellen, weil dies zu Taggeldkürzungen führt. Damit riskieren Erwerbslose in jedem Fall, dass sie durch das RAV sanktioniert werden. Ein Artikel im «Tages-Anzeiger» hat aufgezeigt, dass es sehr stark von der zuständigen Mitarbeiterin beim RAV und von den Vorgaben des Kantons abhängig ist, ob eine Weigerung eines Versicherten akzeptiert wird oder nicht.

Betroffenenorganisationen


30. Januar, 2015 - Avenir50Plus
Stopp der Zwangszuweisungen in Arbeitsmarktliche Massnahmen

Online-Petition

Wir bitten das Staatssekretariat für Wirtschaft und Arbeit (Seco), die Zuweisungen in Arbeitsmarktliche Massnahmen in Form von einsprachefähigen Zwischenverfügungen abzufassen. Damit soll dem schutzwürdigen Interesse der Erwerbslosen gegenüber Fehlentscheidungen der RAV-Behörden Rechnung getragen werden. Zudem lassen sich über die zu gewährende Einsprachemöglichkeit auch Fehlzuweisungen reduzieren und somit Kosten sparen.


30. Januar, 2015 - Avenir50Plus
Verein 50plus outIn work

Der Verein 50plus outIn work ist eine gemeinnützige Organisation. Wir kommen aus verschiedenen Richtungen und Berufen. Viele von uns haben erlebt, was es bedeutet, in der Mitte des Lebens erwerbslos zu werden und trotz beruflichen Qualifikationen vor verschlossenen Arbeitsmarkttüren zu stehen. Einige haben den Wiedereinstieg dank gegenseitiger Unterstützung geschafft oder wählten den steinigen Weg der Selbstständigkeit oder der Frühpensionierung, andere blieben ganz einfach ohne bezahlte Arbeit. In unserer Mitte finden sich aber auch Personen, die noch oder nicht mehr im Erwerbsleben stehen.

Unser Weg hat ein klares Ziel:Wir wollen als Generation 50plus Verantwortung übernehmen und engagieren uns für die Interessen der Generation 50plus rund um den Arbeitsmarkt.

Tagespresse


23. April, 2015 - Tages-Anzeiger
Rezept für Junge soll auch älteren Arbeitslosen helfen

Was gegen die Lehrstellenkrise nützte, müsste auch für ältere Menschen ohne Job gut sein. Der Bund lädt zu einer Konferenz für ältere Arbeitnehmende. Doch die Erwartungen gehen auseinander.


27. Februar, 2015 - BZ
SBB stellen die Weichen für ältere Mitarbeiter neu

Die Schweizer Wirtschaft will ältere Personen künftig länger im Arbeitsmarkt halten. Die SBB wollen eine Pionierrolle einnehmen und den Übergang ins Rentnerleben neu ordnen. Die einen können früher aufhören, die anderen bis 67 oder 68 weiterarbeiten. 


26. Februar, 2015 - Der Arbeitsmarkt
Gesundheitsförderung für Generation «50plus» erwartet

Die demografische Entwicklung erfordert bei Arbeitgebern ein Umdenken. So werden angesichts der Diskussion über die Erhöhung des Rentenalters spezifische gesundheitliche Massnahmen für die berufstätige Generation «50plus» erwartet, wie die Gesundheitsförderung Schweiz am Donnerstag mitteilte.


30. Januar, 2015 - Tages-Anzeiger
Entmündigung oder Hilfe zur Integration?

Beschäftigungsprogramme sollen die Wiedereingliederung von Arbeitslosen unterstützen. Für Kritiker sind sie ein Arbeitszwang. Die Kantone setzen das Instrument jedoch sehr unterschiedlich ein.


30. Januar, 2015 - PANORAMA.web
Integrationsinstrument oder Zwangsarbeit?

Arbeitsmarktliche Massnahmen

Programme zur vorübergehenden Beschäftigung (PvB) sollen die Vermittlungsfähigkeit von versicherten Personen verbessern. Kritiker sagen, dass dies nicht immer gelingt und Betrof­fene nicht überall adäquat eingesetzt werden. Sie sprechen von moderner Zwangsarbeit.


30. Januar, 2015 - Travail.Suisse
Ältere Arbeitnehmende: Erfreuliche Kampagne der Wirtschaft – weitere Massnahmen sind nötig

Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, erachtet es als erfreulich, dass sich die Wirtschaft dem Thema ältere Arbeitnehmende annehmen will. Insbesondere die Absicht, direkt auf dem Terrain mit den Unternehmen zusammen zu arbeiten, ist kurzfristig sicher am erfolgversprechendsten. Und das ist im Hinblick auf die Auswirkungen des neuen Frankenkurses dringend notwendig. Darüber hinaus braucht es aber ein Monitoring, das die Messbarkeit des Erfolgs garantiert, sowie weitere Massnahmen, die langfristig Früchte tragen.


30. Januar, 2015 - Der Bund
50+ und ohne Job – die Noten für die Schweiz

Was tut die Schweiz gegen die Arbeitslosigkeit der über 50-Jährigen? Die OECD sagt, wie das Land im internationalen Vergleich dasteht.


30. Januar, 2015 - NZZ Online
Selbstvertrauen statt Selbstmitleid

«Generation 50+»

Arbeitslosigkeit nagt am Selbstwertgefühl der Betroffenen und verursacht Existenzängste. Besonders schmerzhaft sind diese Erfahrungen für Ältere. Sie fürchten, gänzlich den Anschluss zu verlieren.


30. Januar, 2015 - Kanton Bern
Individuell beraten, einfach angemeldet, besser vermittelt

20. Juni 2013 – Medienmitteilung; Volkswirtschaftsdirektion

Seit Anfang Jahr arbeiten die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren im Kanton Bern nach einem neuen Konzept. Mit dem Projekt «BernTop!», wurde die Kundennähe der RAV gesteigert und die Qualität der Beratungsdienstleistungen für stellensuchende Personen optimiert. Die bisher gemachten Erfahrungen sind positiv. Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher und Marc Gilgen, Leiter Arbeitsvermittlung beco Berner Wirtschaft, standen den Medien in Biel nach fünf Monaten Erfahrung mit dem neuen System Rede und Antwort.

Kommentare

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld