Inhalt - Ältere Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt (12/14)

Ältere Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt: Erkenntnisse und Herausforderungen

05.12.2014 / hem



Die Schweizer Bevölkerung wird älter. Dass ältere Arbeitnehmende nicht frühzeitig aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, ist für die Schweiz aus wirtschaftlicher, aber auch aus sozialpolitischer Sicht von Bedeutung. Im Schweizerischen Arbeitsmarkt sind dazu Reformen nötig. Ein aktueller Bericht der OECD macht dazu Vorschläge.

© Andreas Willfahrt / PIXELIO'

Alterung der Bevölkerung

Wie in vielen anderen westlichen Ländern werden auch in der Schweiz die Menschen immer älter. Angehörige geburtenstarker Generationen treten ins Rentenalter ein. Die Geburtenrate hingegen ist relativ gering, deshalb vermochte in der Vergangenheit nur die Zuwanderung das Durchschnittsalter der schweizerischen Bevölkerung stabil zu halten. Es wird deshalb erwartet, dass die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative das Problem einer veränderten Altersstruktur, der sogenannten "Alterung", verschärfen wird.

Obwohl der erwerbstätige Teil der Bevölkerung an sich zugenommen hat, nimmt er im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ab. So steigt auch in der Schweiz durch die Alterung die Belastung der aktiven Arbeitsbevölkerung durch sozialstaatliche Kosten. Für die Schweizerische Sozialpolitik ist deshalb von Interesse, dass ältere Arbeitnehmende solange wie möglich im Arbeitsleben bleiben.

Gegensteuer geben: Die Empfehlungen der OECD

Der kürzlich von der OECD veröffentlichte Bericht "Alterung und Beschäftigungspolitik: Schweiz 2014" befasst sich mit der Frage, mit welchen Massnahmen und Reformen die Partizipation der älteren Arbeitnehmenden am Arbeitsmarkt verbessert werden könnte. Betroffen von einem vorzeitigen Ausscheiden sind gemäss Bericht hauptsächlich Männer über 60 Jahre, Frauen im Allgemeinen und Personen ohne Hochschulabschluss. Um den Verbleib dieser Personengruppen im Arbeitsleben zu fördern, sind Anreize sowohl auf der Seite der Arbeitnehmenden als auch seitens der Arbeitgeber zu schaffen. Der Bericht sieht folgende Ansatzpunkte dazu:

- "Stärkung der Anreize für längeres Arbeiten"
- "Beseitigung der Hindernisse für die Rekrutierung älterer Arbeitnehmender und ihrem Verbleib im Arbeitsmarkt"
- "Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von älteren Arbeitskräften"

Anreize für längeres Arbeiten

Der Bericht stellt fest, dass ältere Arbeitnehmenden aus den verschiedensten Gründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Demnach müssen auch die diesbezüglichen Strategien an verschiedenen Punkten ansetzen. Der Bericht fokussiert dazu auf die Ausgestaltung der Sozialversicherungen.

Altersvorsorge: Die OECD schlägt verschiedene Anpassungen bei der Ausgestaltung der Renten vor, die finanzielle Anreize schaffen, um die Attraktivität für einen längeren Verbleib im Erwerbsleben zu erhöhen. Dabei steht natürlich eine grundsätzliche Verlängerung des Erwerbslebens im Vordergrund.
Die vom Bundesrat erarbeitete Strategie "Altersvorsorge 2020" zielt bereits ein diese Richtung.

Invalidenversicherung: In der IV gilt heute der Grundsatz „Eingliederung vor Rente“. Darum sind verstärkte Bemühungen im Bereich der Aktivierung und arbeitsmarktlichen Reintegration vorgesehen. Der Bericht hält fest, dass gerade Personen über 55 Jahren hier nicht berücksichtig werden.

Der Ausschluss von Arbeitnehmenden aus dem Arbeitsmarkt vollzieht sich oft schrittweise. Da rund die Hälfte der Neurentnerinnen und –rentner Personen über 50 Jahre sind, ist es wichtig, bei präventiven Massnahmen und frühen Interventionen auch ältere Arbeitnehmende zu berücksichtigen.

Arbeitslosenversicherung: Der OECD-Bericht beurteilt die schweizerische ALV im Vergleich mit anderen OECD-Nationen zwar als grosszügig bei den Leistungen , aber als streng, was die Voraussetzungen zum Bezug angeht. Für erwerbslose Personen ab 55 Jahren ist es im Schweizerischen Arbeitsmarkt sehr schwierig, wieder eine Stelle zu finden. Die ALV sieht deshalb für diese Personengruppe eine längere Bezugsdauer von Versicherungsleistungen vor. Dies beurteilt der Bericht jedoch nicht als negativen Anreiz, auf dem Arbeitsmarkt zurückzukehren. Die Verknüpfung der Versicherungsleistung mit Bemühungen zur Reintegration hingegen wird erst wirksam, wenn die Betroffenen konkrete Unterstützung erhalten. Darin besteht laut Bericht ein wichtiger Ansatzpunkt.

Sozialhilfe: Bei der Sozialhilfe kritisiert der Bericht, dass die Bemühungen um Aktivierung und Reintegration in den Arbeitsmarkt bei älteren Personen deutlich abnehmen. Hier empfiehlt der Bericht einen „Kulturwandel bezüglich der Aktivierung über 50-jähriger Sozialhilfebeziehender“. Auch hier ist ein Ausbau der interinstitutionellen Zusammenarbeit angezeigt, sowie der „Partnerschaft mit verantwortungsbewussten Unternehmen“.

Rekrutierung älterer Arbeitnehmender

Die Einstellungsrate für Arbeitnehmende ab 55 Jahren ist in der Schweiz vergleichsweise tief. Eine zentrale Empfehlung der OECD ist es, seitens der Arbeitgebenden die Altersdiskriminierung wie auch geschlechtliche Diskriminierung zu vermindern. Es gibt hierzu zwar Informationskampagnen, wie der Bericht festhält, jedoch fehlen in der Schweiz gesetzliche Grundlagen dazu. Ebenfalls ist der Arbeitsplatzschutz vergleichsweise schwach ausgeprägt.

Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von älteren Arbeitskräften

Da bei den älteren Arbeitnehmenden vor allem niedrigqualifizierte im Arbeitsmarkt benachteiligt sind, macht der Bericht bei der Weiterbildung einen wichtiger Ansatzpunkt aus. Da niedriger Qualifizierte im Laufe ihres Arbeitslebens weniger Weiterbildungen absolvieren, gibt es hier eine negative Verstärkung. Der Bericht schlägt vor, für Betriebe Anreize zu schaffen, wenn sie betroffene Personen besser fördern. Das kann über die Beteiligung des Bundes an der Finanzierung von Weiterbildungen erfolgen, aber auch mit der einfacheren Validierung von Bildungsleistungen. Gerade für die Verbesserung der Position von Frauen kann die Anerkennung von ausserberuflichen Erfahrungen sehr wertvoll sein.

Relevanz des Themas für die Soziale Arbeit

Aus Sicht der Sozialen Arbeit gibt es im Hinblick auf die (Re-)Integration älterer Arbeitnehmender verschiedene beachtenswerte Punkte. Einerseits bedeutet Arbeit, ein Erwerbseinkommen zu haben. Dies ist im Interesse jedes Individuums, aber auch der Gesellschaft. Da auch die Rentenleistungen an das Einkommen des Arbeitslebens gebunden sind, kann ein zu frühes Ausscheiden zu Altersarmut führen. Bedenkt man jedoch, dass ältere Frauen wichtige "Caregiver" sind, das heisst einen grossen Teil der frewilligen und unbezahlten Arbeit im Bereich der Pflege Angehöriger und der Kinderbetreuung leisten, so sind hier jedoch auch Bedenken angebracht. (Re-)Integriert man diese Personen in den Arbeitsmarkt, fehlen sie im Care-Bereich.

Im Hinblick auf eine als gelungen empfundene Lebensführung ist das Credo einer „besseren Arbeit im Alter“ zu begrüssen. Arbeit hat eine starke Verbindung zum individuellen Lebenssinn, und Sinnhaftigkeit ist eine wichtige Quelle von Zufriedenheit und Gesundheit.

Die Bemühungen, Diskriminierung von älteren Personen, und von Frauen zu vermindern, sind ganz im Sinne einer auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit ausgerichteten Sozialen Arbeit. Auch die Strategie, die Weiterbildung niedriger qualifizierter Arbeitnehmender zu fördern, hat diese Stossrichtung.

Ein Knackpunkt aller Bemühungen, die Arbeitsbiographien zu verlängern, ist natürlich die Frage, ob der Arbeitsmarkt diese Personen überhaupt aufzunehmen vermag, oder ob sich dadurch lediglich Verschiebungen ergeben und stattdessen andere Menschen herausgedrängt werden. Die Wirtschaft muss hier mitziehen, im Sinne der Verbesserung der gesamtgesellschaftlichen Situation. Berücksichtigt werden muss aber auch, dass sich das Spektrum der individuellen Leistungsfähigkeit mit dem zunehmenden Alter vergrössert. Manche sind noch mit 65 Jahren oder älter auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit, während sie bei anderen, oft auch berufsbedingt, in diesem Alter schon reduziert ist. Die Einteilung der Menschen in Altersgruppen, die auch der Diskussion um das Rentenalter zugrunde liegt, greift hier oft zu kurz.

Kritisch zu bedenken ist zudem, dass die genannten Bemühungen, ältere Menschen arbeitsmarktlich zu integrieren und damit auch ihre Produktivität zu erhöhen, immer auch auf die Verwertung von Humankapital abzielen. Wie überall in der Wirtschaft, sollte auch hier im Auge behalten werden, dass das Individuum nicht zum Mittel gemacht wird, sondern dass es seinen Zweck in sich wahren kann. Dies gilt in besonderem Masse in der Debatte um die Alterung, bei der oft vergessen geht, dass sie eine "grosse Errungenschaft" darstellt, wie sich der Soziologe Peter Gross ausdrückt. So sei es beispielsweise ersmals möglich, sein Leben zu bilanzieren; damit sei es vollständig geworden. Die Werthaltigkeiten des Alt-Werdens gilt es offenbar erst noch zu entdecken.

Bericht der OECD


05. Dezember, 2014 - OECD
Alterung und Beschäftigungspolitik in der Schweiz

Bessere Arbeit im Alter

Die Lebenserwartung war noch nie so hoch wie heute und die Fruchtbarkeitsrate ist in den meisten OECD Ländern weiter rückläufig. Um den Auswirkungen dieser demografischen Tendenzen entgegenzuwirken, müssen die öffentlichen Ausgaben für soziale Sicherung angepasst und deren langfristige Tragfähigkeit gewährleistet werden. Dazu muss insbesondere der Verbleib älterer Menschen im Erwerbsleben gefördert werden.



05. Dezember, 2014 - SECO
OECD-Bericht zur Situation der älteren Arbeitnehmenden in der Schweiz

Medienmitteilung

Die Schweiz weist im Vergleich zu anderen OECD-Staaten eine der höchsten Erwerbsquoten bei den über 55-Jährigen auf. Gleichwohl kommt die OECD in ihrem aktuellen Bericht zur Situation der älteren Arbeitnehmenden zum Schluss, dass eine Gesamtstrategie erforderlich ist, um das Altersmanagement in den Betrieben zu verbessern. Die Behörden sollen die Sozialpartner ermutigen, älteren Arbeitnehmenden bessere Angebote und Anreize zur Weiterarbeit bis ins Pensionsalter und darüber hinaus zu bieten.


05. Dezember, 2014 - Der Arbeitsmarkt
OECD-Bericht rät: Ältere Arbeitnehmer besser fördern

Die Schweiz weist im Vergleich zu anderen OECD-Staaten eine der höchsten Erwerbsquoten bei den über 55-Jährigen auf. Gleichwohl kommt die OECD in einem am Donnerstag in Bern vorgestellten Bericht zum Schluss, dass eine Gesamtstrategie erforderlich ist, um das Altersmanagement in den Betrieben zu verbessern.

Integration älterer Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt


08. Januar, 2015 - SGB
Mehr Sozialhilfefälle bei 56 bis 64jährigen spiegeln die zunehmende Härte bei den "älteren" Arbeitnehmenden

Die aggressive Kritik an den Leistungen der Sozialhilfe vor allem aus den nationalkonservativen Kreisen ist beelendend. Einmal mehr wird auf den Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen herumgehackt, während die Grossverdiener nicht nur in Ruhe gelassen, sondern sogar noch mit Steuererleichterungen bedient werden. 


10. Dezember, 2014 - NZZ Online
Selbstvertrauen statt Selbstmitleid

«Generation 50+»

Arbeitslosigkeit nagt am Selbstwertgefühl der Betroffenen und verursacht Existenzängste. Besonders schmerzhaft sind diese Erfahrungen für Ältere. Sie fürchten, gänzlich den Anschluss zu verlieren. 


05. Dezember, 2014 - Avenir50Plus
50plus outIn work

Der Verein 50plus outIn work versteht sich als Ansprechpartner von Politik, Sozial- und Arbeitsmarktbehörden, Unternehmen und Sozialpartner zu den Themen 50plus.


05. Dezember, 2014 - Travail.Suisse
Bildungspolitik für ältere Arbeitnehmende gefordert!

Durch den drohenden Fachkräftemangel sind ältere Arbeitnehmende in den Fokus der gesellschaftlichen und politischen Diskussion gerückt. Ein wichtiges Thema wird aber chronisch vernachlässigt: Die Bildungspolitik für ältere Arbeitnehmende. Travail.Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, präsentiert heute das neue Positionspapier zum Thema. Es zeigt, wo welches Engagement nötig ist, um gut qualifizierte Personen ab 50 Jahren im Arbeitsprozess zu halten und welche Massnahmen für die Gruppe „40+“ wichtig sind.

Positionspapier



05. Dezember, 2014 - BZ
Ü-40 zum Karriereplaner

Die zweite Hälfte des Arbeitslebens soll nicht aufs Abstellgleis führen. Gefordert sind 800 Millionen Franken und gute Pläne für ältere Arbeitnehmer, so Travailsuisse.


05. Dezember, 2014 - Der Bund
«Es braucht kein festes Rentenalter mehr»

Das Arbeitskräftepotenzial von über 55-Jährigen wird in der Schweiz nicht genügend genutzt. Stellenvermittler José M. San José sagt, was Firmen und Bewerber tun können, um das Problem zu entschärfen.

Literatur


05. Dezember, 2014 - , Gross, Peter; Fagetti, Karin
Herder Verlag
Glücksfall Alter

Alte Menschen sind gefährlich, weil sie keine Angst vor der Zukunft haben

Wir alle werden immer älter - ein Glücksfall für unsere Gesellschaft, denn Alter hat Zukunft! Peter Gross, Mitte 60, und Karin Fagetti, Anfang 40, setzen den gängigen Katastrophenszenarien neue Denkmöglichkeiten entgegen: Stil statt Fummel. Lustvoll älter sein statt Jugendwahn. Konzentration statt Verzettelung. Erotik statt Viagra. Ein radikaler Blickwechsel also, und eine positive, zugespitzte Antwort auf die »demografische Frage«. Wer redet uns eigentlich ein, dass weniger junge Menschen ein Problem sind? Wer will wissen, was Menschen bei Alzheimer wirklich empfinden? Wer sagt, dass der Horizont der Endlichkeit nur Schrecken birgt? Wichtig ist nur: Nicht abwarten, was das Alter mit uns macht, sondern es selber leben und neu erfinden - das Manifest für einen radikalen Blickwechsel.


05. Dezember, 2014 - Silberfuchs-Netz
Silberfuchs Manifest

Die Bevölkerung wird älter, bleibt aber länger jung. Heute laufen Sechzigjährige Marathon, Achtzigjährige dirigieren die besten Orchester; die alten Bilder im Kopf sind revisionsbedürftig.

Nicht das Alter, sondern Langjährigkeit im gleichen Job wird oft zum Problem. Jeder Berufsweg braucht regelmässig frische Impulse und neue Wendungen.



05. Dezember, 2014 - Kaudelka, Karin; Isenbort, Gregor
Altern ist Zukunft!

Leben und Arbeiten in einer alternden Gesellschaft

Die »Zukunft der Arbeit« und ihre Gestaltung stellt eine der derzeit spannendsten gesellschaftlichen Herausforderungen dar. Im Wissenschaftsjahr 2013 »Die demografische Chance« setzte sich auch die DASA Arbeitswelt Ausstellung mit diesem aktuellen Thema auseinander.

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