Sozialhilfe - ein Arbeitsfeld mit hohen Qualifikationsanforderungen

November 2017 / Sarah Madörin, Jeremias Amstutz, Barbara Beringer, Peter Zängl

Publikation in ZESO 2/17 Schwerpunkt

Im Rahmen des Monitoring-Projekts des Vereins sozialinfo.ch und der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW werden Stellenangebote im Sozialwesen der Schweiz kontinuierlich ausgewertet. Die Stelleninserate im Arbeitsfeld Sozialhilfe zeigen, welche Anforderungen in diesem Bereich gestellt werden, welche Funktionen gesucht und welche Ausbildungen gefragt sind.

Im Jahr 2016 wurden auf der Stellenplattform des Vereins sozialinfo.ch insgesamt 5925 Stelleninserate publiziert. 731 Inserate betreffen Stellen, die von den ausschreibenden Organisationen dem Arbeitsfeld Sozialhilfe zugeordnet werden. Dies entspricht einem Anteil von 12,3 Prozent aller Stelleninserate. Dieser Anteil blieb zwischen 2011 und 2016 mehr oder weniger konstant: Er variierte in diesem Zeitraum lediglich zwischen 11,8 und 13,0 Prozent. Am Anteil der Stelleninserate gemessen, stellt die Sozialhilfe das viertgrösste Arbeitsfeld im Sozialwesen dar: Sie folgt nach dem Behindertenbereich, der Erziehung/Bildung und der Jugendarbeit.

Im Jahr 2016 wurden mit Abstand die meisten Stelleninserate des Arbeitsfeldes Sozialhilfe in den Kantonen Zürich (191 Inserate; 26 Prozent) und Bern (179 Inserate; 25 Prozent) ausgeschrieben. Es folgten die Kantone Aargau (57 Inserate; 8 Prozent), Solothurn (52 Inserate; 7 Prozent) und Luzern (46 Inserate; 6 Prozent).

Qualifizierte Fachmitarbeitende gesucht

Stelleninserate für qualifizierte Fachmitarbeit machten im Jahr 2016 in der Sozialhilfe mit Abstand den grössten Teil aus (78 Prozent). 11 Prozent der Inserate betreffen Kader- oder Leitungsstellen, 5 Prozent Gruppen- oder Teamleitungsstellen. Auffällig klein ist der Anteil an Praktikums- und Zivildienststellen (1 Prozent). Zum Vergleich: Betrachtet man alle Arbeitsfelder des Sozialwesens zusammen, haben Praktika und Zivildienststellen einen Anteil von 13 Prozent. Die Anteile der Kaderstellen und diejenigen der qualifizierten Fachmitarbeit sind hingegen in der Sozialhilfe, verglichen mit anderen Arbeitsfeldern des Sozialwesens, höher. Dementsprechend handelt es sich auch bei den meisten ausgeschriebenen Stellen um Festanstellungen (86 Prozent), lediglich 14 Prozent sind befristet.

Hochschulabschluss gefragt

Die Mindestanforderungen, die in den Stelleninseraten in Bezug auf die Ausbildung gestellt werden, sind im Bereich der Sozialhilfe, verglichen mit anderen Arbeitsfeldern des Sozialwesens, sehr hoch: So gibt es beispielsweise in der Sozialhilfe einen hohen Anteil an Stelleninseraten, die einen Hochschulabschluss verlangen (50 Prozent). Zum Vergleich: Im Arbeitsfeld Erziehung/Bildung wird lediglich in 12 Prozent der Inserate ein Hochschulabschluss gefordert, im Behindertenbereich sogar nur in 4 Prozent der Fälle. Ebenfalls wird in der Sozialhilfe oft die Anforderung gestellt, mindestens eine höhere Berufsbildung abgeschlossen zu haben (29 Prozent). Nur wenige der ausgeschriebenen Stellen richten sich an Personen mit einer beruflichen Grundbildung (9 Prozent). Hier zeigt der Vergleich mit anderen Arbeitsfeldern, dass dies einem kleinen Anteil entspricht: Im Arbeitsfeld Erziehung/ Bildung beträgt er beispielsweise 31 Prozent, im Behindertenbereich gar 47 Prozent.

Tendenziell hohe Arbeitspensen

Das Arbeitspensum im Arbeitsfeld Sozialhilfe ist im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern tendenziell hoch. Zwar ist der Anteil reiner Vollzeitstellen, also ohne die Option 90 Stellenprozente arbeiten zu können, mit 7 Prozent vergleichsweise klein. Jedoch stellen Teilzeitpensen von über 50 Stellenprozenten mit 85 Prozent die grosse Mehrheit dar, während kleine Teilzeitpensen von bis zu 50 Stellenprozenten nur in 8 Prozent der Fälle gesucht sind. Dieser Anteil ist deutlich kleiner als in anderen Arbeitsfeldern, beispielsweise der Erziehung/Bildung oder der Jugendarbeit.

Das Arbeitsfeld Sozialhilfe zeichnet sich im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern des Sozialwesens somit durch vergleichsweise hohe Arbeitspensen und besonders hohe Qualifikationsanforderungen aus. Dies spiegelt sich auch darin wieder, dass im Arbeitsfeld Sozialhilfe fast ausschliesslich Stellen ausgeschrieben werden, die qualifiziertes Personal verlangen, während Praktikums- oder Zivildienststellen rar sind.

Sarah Madörin, Jeremias Amstutz, Barbara Beringer, Peter Zängl

Interviews

Isabelle Bohrer ist Leiterin des Sozialdienstes Region Murten.

Sarah Madörin: Was denken Sie, weshalb sind die Anforderungen im Arbeitsfeld Sozialhilfe besonders hoch?

Isabelle Bohrer: Die Arbeit in der Sozialhilfe ist sehr anspruchsvoll. Die Personen, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, haben sehr unterschiedliche Problemlagen und die Fachpersonen der Sozialen Arbeit müssen auf all diese unterschiedlichen Problemlagen eingehen können. Hinzu kommt, dass auch im Bereich der Finanzen und Sozialversicherungen der Wissenstand hoch sein muss, um subsidiäre Leistungen geltend machen zu können. Fachpersonen müssen zudem sehr belastbar sein - einerseits in Bezug auf den hohen Arbeitsanfall, aber auch in Bezug auf die Situationen der betroffenen Personen, die gesundheitliche oder familiäre Probleme und schlechte berufliche Perspektiven haben. Es erfordert hohe professionelle Kompetenzen, um auf die unterschiedlichen Situationen dieser Menschen eingehen zu können und mit ihnen eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu erreichen.

Weshalb werden im Arbeitsfeld Sozialhilfe so wenige Praktikums- und Zivildienststellen ausgeschrieben?

Bohrer: Aufgrund der hohen Anforderungen an professionellem Wissen im Bereich der Sozialen Arbeit, aber auch im Bereich der Sozialversicherungen ist es nicht denkbar, dass „Laien“ wie Zivildienstleistende direkt in der Sozialhilfe eingesetzt werden. Sie könnten allenfalls als zusätzliche Fachkräfte engagiert werden, wenn entsprechende Projekte vorhanden sind, wie zum Beispiel Wohnbegleitungen oder Begleitungen von Personen zu Ämtern, ÄrztInnen oder ähnliches. Die meisten Sozialdienste haben jedoch keine solchen Einsatzmöglichkeiten. Praktikanten und Praktikantinnen werden in der Sozialhilfe nicht als permanentes Personal eingesetzt. Viele Sozialdienste bieten jedoch Ausbildungspraktika an. Die Ausschreibung erfolgt in der Regel direkt bei den entsprechenden Hochschulen.

Weshalb ist der Anteil kleiner Teilzeitpensen in Inseraten des Arbeitsfelds Sozialhilfe im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern so gering?

Bohrer: Personen, die Sozialhilfe beantragen, werden in der Regel einer Sozialarbeiterin oder einem Sozialarbeiter zugeteilt, die/der für die Beratung und Fallführung zuständig ist. Es ist daher ein Anliegen, dass die zuständigen Fachpersonen eine gewisse Erreichbarkeit sicherstellen und auch an Teamsitzungen und Fallbesprechungen teilnehmen können.

Auch der Anteil reiner Vollzeitstellen ist vergleichsweise klein: Woran könnte das liegen?

Bohrer: Aufgrund der hohen Belastung für Fachpersonen in der Sozialhilfe ist es sinnvoll, dass mehr Erholungszeit zur Verfügung steht, als dies bei einem Vollzeitpensum der Fall ist. Vollzeitstellen sind auch schwierig zu besetzen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Fachkräfte in ihrer Freizeit entweder familiäre oder politische Verpflichtungen haben, die ebenfalls wahrgenommen werden wollen. Pensen von 60-80% sind daher einfacher zu besetzen als Vollzeitstellen.

Was ist Ihnen am Bericht besonders aufgefallen?

Bohrer: Wenn ich die Stelleninserate auf Sozialinfo anschaue, habe ich den Eindruck, dass sehr viele Stellen im Bereich der Sozialhilfe ausgeschrieben sind. Es erstaunt mich, dass im Bereich Bildung und Jugendarbeit noch mehr Stellen ausgeschrieben sind und es sich beim Arbeitsfeld Sozialhilfe somit nur um das viertgrösste Arbeitsfeld handelt.

Regula Bärlocher arbeitet bei den Sozialen Diensten Zürich. Sie ist Sozialarbeitern MSc FHO und Berufsbeiständin.

Sarah Madörin: Was denken Sie, weshalb sind die Anforderungen im Arbeitsfeld Sozialhilfe besonders hoch?

Regula Bärlocher: Das Konfliktpotential (intrapersonell wie interpersonell) ist in diesem Arbeitsfeld besonders gross, weil die Menschen sich in Notlagen und prekären Lebenssituationen befinden und oftmals krank sind. Darauf angemessen und zielführend reagieren zu können, ist meines Erachtens deshalb so anspruchsvoll, weil erstens empathische Kompetenzen (Beratung/Begleitung) und zweitens umfangreiches Fachwissen aus verschiedenen Disziplinen (Sozialversicherungen, Recht, Arbeitsintegration, Gesundheit, Sucht, etc.) gefragt sind. Zum Dritten besteht für die in der Sozialhilfe Tätigen gegenüber Gesellschaft und Politik ein hoher Legitimationsdruck.

Sind diese hohen Anforderungen Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?

Auf jeden Fall - denndie ausgewiesenen Kompetenzen bedeuten für alleBeteiligten mehr Schutz und Sicherheit.

Weshalb werden im Arbeitsfeld Sozialhilfe so wenige Praktikums- und Zivildienststellen ausgeschrieben?

Ich denke, dass das Arbeitsfeld gesetzliche Sozialhilfe aufgrund der oben beschriebenen fachlichen Anforderungen sowie der hohen persönlichen Belastung für Zivildienststellen nicht immer geeignet ist. Im Falle der Praktikumsstellen fehlen oftmals die finanziellen Mittel.

Weshalb ist der Anteil kleiner Teilzeitpensen in Inseraten des Arbeitsfelds Sozialhilfe im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern so gering?

Persönliche Hilfe-Angebote nach Sozialhilfegesetz sollten in einer gewissen Konstanz zur Verfügung stehen, weil das spezifische Fallwissen die Grundlage einer guten Zusammenarbeit bildet. Für die Klientinnen/Klienten und ihre Bezugspersonen ist es einfacher, wenn die Zuständigkeiten im Hilfeprozess klar und vertraut sind, was mit einer höheren Präsenz eher gewährleistet ist. Ein anderer Faktor könnte in den hohen Fallzahlen pro Portfolio liegen, die mit einem kleinen Pensum schwerer zu bewältigen sind.

Auch der Anteil reiner Vollzeitstellen ist vergleichsweise klein: Woran könnte das liegen?

Zum einen ist dieses Arbeitsfeld sehr anspruchsvoll, weshalb die Fachleute hier, wie in vielen Gesundheits-und Betreuungsberufen auch, tendenziell vermehrt Teilzeit arbeiten wollen (Work-Life Balance). Ein anderer Grund könnte der traditionell hohe Frauenanteil sein, was heisst, dass Erwerbs- und Familienarbeit mit einem Teilzeitpensum besser miteinander vereinbar wären. Ein weiterer Grund könnte sein, dass die Gemeinden und NPO sparen (müssen) und dementsprechend erwartet wird, dass ein 100% Fallportfolio in 80% der Zeit bewältigt werden kann.


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