Inhalt - Gefährliche Straftäter

Gefährliche Straftäter:

Tötung von "Adeline" zeigt Probleme auf



«Vereinheitlicht den Strafvollzug!» (Die WOZ)

 

Der Fall Adeline hat Empörung, Entsetzen und Wut ausgelöst. Er zeigt jedoch auch das Dilemma unseres Strafrechtssystems.

Der Fall in den Medien

Der tragische Tod der Sozialtherapeutin "Adeline" löste ein beachtliches mediales Echo aus. Die Wogen der Empörung gingen - verständlicherweise - hoch. So wurde kritisiert, dass die drei Strafkonkorkordate in der Schweiz unterschiedliche Standards im Umgang mit gefährlichen Straftätern hätten. Das als vorbildlich gelobte "Zürcher Modell" wurde der Praxis im Westschweizer Strafkonkordat gegenüber gestellt. Doch auch das schweizerische Strafsystem als solches wurde in Frage gestellt. Politiker verschiedener Parteien reichten im National- und Ständerat sogleich Vorstösse ein, hauptsächlich mit dem Ziel, eine strengere und härtere Gangart gegenüber Gewaltstraftätern durchzusetzen. Gerichte, Richter, aber auch psychiatrische Gutachter und Therapeuten wurden zum Teil für ihre angeblich zu starke Fokussierung auf die Resozialisierung der Straftäter gerügt. Der angeblich zu starke Einfluss von forensischen Gutachtern auf die Urteile und das Strafmass wurde problematisiert. Einzelne Politiker äusserten sogar die Forderung, gefährliche Gewaltstraftäter in Zukunft generell zu verwahren, von automatischer Verwahrung von Wiederholungstätern, gar von Kastration und Todesstrafe war die Rede. Auch die schwierige Situation der Opfer von Gewaltstraftaten kam zur Sprache. Trotz OHG werden ihre Anliegen im Strafsystem immer noch ungenügend berücksichtigt. Immerhin wurden auch einige Vorstösse zur Verbesserung der Situation der Opfer eingereicht.

Die Folgen für den Strafvollzug

Nach einer ersten Untersuchung wissen wir: die Genfer Behörden haben schwerwiegende Fehler begangen. Neben personellen Konsequenzen wird das tragische Ereignis vermutlich Spuren im schweizerischen Strafvollzugssystem hinterlassen. So hat der Bundesrat eine Überprüfung des Strafvollzugs in den Kantonen angeordnet. Die Forderung nach einer gewissen Vereinheitlichung im Strafvollzugswesen wird immer lauter. So haben die Kantone bereits beschlossen, ein nationales Kompetenzzentrum zu gründen.

Auch im Kanton Zürich wurden die Urlaubs- und Entlassungsrichtlinien damals aufgrund eines tragischen Ereignisses verschärft. Das massgeblich von Psychiater Frank Urbaniok mitgeprägte "Zürcher Modell" wurde nach dem Tötungsdelikt am Zollikerberg im Jahr 1993 entwickelt. Es zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es nicht nur von der Schuld des Täters in der Vergangenheit ausgeht. Es fragt vielmehr danach, wie gross das Risiko ist, dass er in Zukunft wieder gewalttätig wird. Das vorrangige Ziel der Therapie ist nicht die Veränderung der Persönlichkeit des Täters, sondern die Risikominderung. Auch der Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Behörden und Stellen wurde intensiviert. Als Folge dieser Massnahmen gab es seit 2001 im Zürcher Strafvollzug keine Rückfälle mehr.

Eine weitere Folge des Tötungsdeliktes am Zollikerberg war die Verwahrungsinitiative, die später vom Volk angenommen wurde.

Sicherheit vs. Resozialisierung – ein Dilemma

Wenn man die Beiträge der verschiedenen Medien zu diesem Fall betrachtet, zeichnet sich ab, dass im Strafvollzug ein Paradigma-Wechsel im Gange ist. Es kann gut sein, dass in Zukunft stärker vom Prinzip der Resozialisierung abgerückt wird zugunsten eines präventiven Wegsperrens von potentiell gefährlichen Straftätern. Mit dem Art. 59 StGB kann das Gericht bereits heute einen als "psychisch schwer gestört" eingestuften Täter in eine stationäre Massnahme in einer geschlossenen Anstalt schicken. Die Massnahme kann um weitere fünf Jahre verlängert oder in eine Verwahrung umgewandelt werden. Aufgrund einer forensisch-psychiatrischen Einschätzung kann ein Täter unter Umständen für mehrere Jahre weggesperrt werden. Damit verringert sich zwar das Risiko für die Gesellschaft. Es birgt aber auch Gefahren. Forensische Psychiater warnen davor, dass psychiatrische Prognosen nicht so zuverlässig sind, wie wir uns das gerne wünschen würden. Das Risiko besteht, dass Täter weggesperrt werden, bei denen die Chance einer Resozialisierung durchaus vorhanden wäre. Der SRF DOK Film "Im Zweifel für die Sicherheit - präventiv weggesperrt" lässt zumindest Zweifel aufkommen.

 

 

Medienspiegel zum "Fall Adeline"


08. November, 2013 - NZZ Online
Westschweizer Kantone wollen Regeln bei Freigängen vereinheitlichen

Die Westschweizer Kantone wollen einheitliche Regeln für Freigänge von Gefängnisinsassen. Bei als gefährlich eingestuften Häftlingen sollen Hafterleichterungen nur noch nach umfassender Prüfung möglich sein.


10. Oktober, 2013 - SWI
Strafsystem nach Mordfall in Genf erneut im Brennpunkt

Inhaftierter Vergewaltiger tötet auf Freigang die ihn alleine begleitende Therapeutin: Der Fall, der sich letzten Donnerstag in Genf ereignete, hat in der Schweiz Entsetzen und Fragen zum Strafsystem ausgelöst. "Wie ist das möglich?", fragte etwa Le Matin.


10. Oktober, 2013 - Der Bund
«Die Westschweiz hat ein Problem mit dem Strafvollzug»

Ein verurteilter Vergewaltiger darf alleine mit einer Frau ausgehen und ein Messer kaufen. Pierre Ruetschi, Chefredaktor der «Tribune de Genève», sieht im Fall Adeline ein welsches Systemproblem. 

Zum Thema:

- «Hier geht es um Menschenleben» (Der Bund)



10. Oktober, 2013 - Tages-Anzeiger
86 Straftäter erhielten 2012 therapeutischen Urlaub

Das Zürcher Modell für die Therapie von Straftätern gilt als Vorbild. Es läuft seit 2001 ohne Zwischenfall. Auch wenn es sein kann, dass ein Täter nur von einer einzelnen Betreuerin begleitet wird.


10. Oktober, 2013 - Der Bund
Politiker fordern strengeren Strafvollzug

Sexual- und Gewaltverbrecher sollen im Wiederholungsfall automatisch verwahrt werden müssen. Dies fordert Natalie Rickli nach dem Tod von Adeline M. Von anderer Seite wird der Ruf nach einem Täterregister laut.


10. Oktober, 2013 - Tages-Anzeiger
«Eine zwangsweise Kastration ist ethisch und rechtlich abwegig»

Nach dem Genfer Tötungsdelikt wurden Rufe laut, Sexualstraftäter wie Anthamatten zu kastrieren. Marc Graf, leitender forensischer Psychiater, erklärt, was die Methode kann – und was nicht.


10. Oktober, 2013 - Der Bund
Die SP will die politische Anwältin von Gewaltopfern sein

In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Sozialdemokraten für einen falsch verstandenen «Täterschutz» mitverantwortlich. Das möchte die Partei nun ändern. 


10. Oktober, 2013 - Der Schweizerische Beobachter
«Opfer haben ein Recht auf Information»

Der forensische Psychiater Frank Urbaniok fordert: Der Traumatisierung der Opfer muss mehr Beachtung geschenkt werden als den Persönlichkeitsrechten des Täters. 


10. Oktober, 2013 - NZZ Online
Psychiater als heimliche Strafrichter

Die «Sicherheitsgesellschaft» verlangt von der Strafjustiz und vom Strafvollzug nicht mehr nur die Aufarbeitung vergangener, sondern zunehmend auch die sichere Verhinderung künftiger Taten. Diese Erwartung ist schon deshalb nicht erfüllbar, weil sie hellseherische Fähigkeiten voraussetzt. Wohl gerade aus diesem Grund zieht die Justiz in Strafverfahren und im Strafvollzug zur Legitimation ihrer Prognosen zunehmend psychiatrische Gutachten bei; in aller Regel wird dabei nur ein Gutachten in Auftrag gegeben. Von gutachterlichen Empfehlungen wird nach der bisher konstanten bundesgerichtlichen Rechtsprechung grundsätzlich nicht ohne Not abgewichen.

Eine Antwort auf diesen Kommentar:

- Die Psychiatrie und das Strafrecht (NZZ)



10. Oktober, 2013 - NZZ Online
Ehemaliger Thorberg-Direktor im Interview

Hans Zoss setzt sich seit Jahren für ein nationales Strafvollzugsgesetz ein. Er ist überzeugt, dass mit einer Vereinheitlichung in Einzelfällen weniger Fehler begangen würden.


Folgen für den Strafvollzug


23. Mai, 2014 - Der Bund
Fall Adeline: Direktorin erhält Verweis

Im vergangenen September tötete ein Häftling eine Sozialtherapeutin des Genfer Resozialisierungszentrums «La Pâquerette». Die Direktorin erhält einen nun einen Verweis. 


12. Dezember, 2013 - BAZ
«Behandelte Straftäter werden häufiger rückfällig»

Der deutsche Psychologe und Soziologe Rolf Degen hält Psychotherapie für nutzlos. Bei Jugendlichen könnten sich nach einer Gruppentherapie unerwünschte Verhaltensweisen sogar verstärken.


15. Oktober, 2013 - SRF
Kurswechsel im Strafvollzug



10. Oktober, 2013 - Tages-Anzeiger
Fall Adeline: Genfer Behörden haben Gesetz missachtet

In Genf wurden Ergebnisse der Untersuchung zum Tod von Adeline M. präsentiert. Sie werfen ein Schlaglicht auf den Genfer Strafvollzug, der sich zahlreiche Versäumnisse zuschulden kommen liess. 

Zum Thema:

- «Staatsversagen im Fall Adeline» (NZZ)

- Die Ignoranz wird nun bestraft (Bund)



10. Oktober, 2013 - NZZ Online
Bundesrat zeigt sich bestürzt

Justizministerin Simonetta Sommaruga hat am Montag im Nationalrat zu Fragen nach dem Mordfall von Genf Stellung genommen. Der Bundesrat setzt nun auf die Gesamtschau zum Strafvollzug.


10. Oktober, 2013 - Der Schweizerische Beobachter
Das Opfer erhält Lebenslänglich

Opfer schwerer Gewalttaten werden alleingelassen – ob im Kampf um eine Entschädigung oder um Informationen über den Täter. Das macht die Verarbeitung des Grauens umso schwieriger. 


10. Oktober, 2013 - Tages-Anzeiger
Herausforderung Gutachten

Der Mord an der 19-jährigen Marie wirft Fragen zu den psychiatrischen Gutachten auf. Warum braucht es sie? Wie werden sie erstellt? Und wo passieren Fehler? Fragen und Antworten von Frank Urbaniok.

Sicherheit vs. Resozialisierung


05. Juni, 2014 - SKMR
Öffentliche Sicherheit vs. Rechte des Einzelnen: Zum Umgang mit gefährlichen Straftätern

Empfehlung des Ministerkomitees des Europarates zu gefährlichen Tätern

Hintergrund: Am 19. Februar 2014 verabschiedete das Ministerkomitee des Europarates nach längeren politischen Auseinandersetzungen die Empfehlung CM/Rec(2014)3 zusammen mit einem erklärenden Kommentar. Darin werden Standards zum Umgang mit gefährlichen Tätern festgesetzt, welche den Mitgliedstaaten einen Mittelweg zwischen dem legitimen Interesse der öffentlichen Sicherheit und den Rechten der betroffenen Täter aufzeigen sollen. 


30. Dezember, 2013 - Vimentis
Strafvollzug in der Schweiz

In den letzten Monaten haben einige bekannt Fälle zu Kritik am Strafvollzug geführt. Sei dies der Fall „Carlos“ im Raum Zürich, oder auch der Fall „Adeline“, welcher für nationales Aufsehen gesorgt hatte. Bei beiden Fällen wurden den Behörden Unverhältnismässigkeit, Fahrlässigkeit oder einfach eine „Verhätschelung“ der Täter vorgeworfen. Für die unterschiedlichen Parteien ergeben sich nun aber auch unterschiedliche Problemfelder. Dieser Text erklärt den Aufbau und die Funktion des schweizerischen Strafvollzuges. Insbesondere sollen die Ziele wie auch die eingesetzten Mittel unseres Strafvollzugssystems erläutert werden. Danach sollen verschiedene Sichtweisen der Probleme erläutert und die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten dazu genannt werden.


10. Oktober, 2013 - SRF
Im Zweifel für die Sicherheit - Präventiv weggesperrt

Vor 20 Jahren tötete der elffache Vergewaltiger und zweifache Sexualmörder Erich Hauert in einem Hafturlaub die Pfadi-Führerin Pasquale Brumann. Dieser Mord erschütterte den Schweizer Strafvollzug bis ins Mark. 


10. Oktober, 2013 - WOZ
Vereinheitlicht den Strafvollzug!

Wut, zuweilen gar Vergeltungsfantasien bestimmen die aktuelle Debatte über den Strafvollzug nach dem Mord an einer Genfer Sozialtherapeutin. Und dieser Furor geht weit über den Stammtisch und den Boulevard hinaus, längst hat er die Politik und die Mehrheit der Medien erreicht. Alle schreien nach einer Verschärfung der Strafgesetzgebung, nach lebenslanger Verwahrung, nach maximaler Sicherheit.


10. Oktober, 2013 - NZZ Online
Verbrecher nach Punkten

Der Gerichtspsychiater Frank Urbaniok will die Gefährlichkeit von Straftätern per Computer berechnen. Kritiker halten das für unmöglich.

Kommentare

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld