Inhalt - Siebter Monitor des Stellenmarktes im Sozialwesen der Schweiz

Siebter Monitor Stellenmarkt Sozialwesen Schweiz



Die Stellen in der Behindertenarbeit


Text: Sarah Madörin, Jeremias Amstutz, Barbara Beringer und Peter Zängl 

Jede fünfte Stelle, die im Jahr 2017 auf der Webseite von sozialinfo.ch ausgeschrieben wurde, betrifft das Arbeitsfeld Behindertenarbeit. Die Analyse zeigt: Geringere Anfor­derungen beim Bildungsabschluss und tendenziell höhere Arbeitspensen kennzeichnen die Stellenangebote in diesem Bereich.

Der Anteil der Stellen, die im Arbeitsfeld Behindertenarbeit ausgeschrieben werden, hat seit dem Jahr 2011, als sie erst knapp 12 Prozent aller Stelleninserate ausmach­ten, kontinuierlich zugenommen. Dies zeigt die Analyse des Stellenmarktes auf sozial­info.ch. Vergangenes Jahr war bereits jede fünfte der 6083 ausgeschriebenen Stellen dem Arbeitsfeld Behindertenarbeit zuzuordnen.

Grafik 1: Anteil des Arbeitsfeldes Behindertenarbeit an allen Inseraten (2011–2017)


Vergleichsweise tiefe Qualifikationsanforderungen 

Verglichen mit anderen Arbeitsfeldern in der Sozialen Arbeit ist das Arbeitsfeld Behindertenarbeit dasjenige mit den tiefsten Qualifikationsanforderungen. Mehr als die Hälfte der ausgeschriebenen Stellen in der Behindertenarbeit erfordert lediglich eine berufliche Grundbildung. Dahingegen ist der Anteil Stelleninserate, die einen Hoch­schulabschluss verlangen, mit 5 Prozent sehr tief. Zum Vergleich: In den Arbeitsfeldern Sozialhilfe, Kindes-­ und Erwachsenenschutzbehörde und Opferhilfe verlangen je rund 50 Prozent der Inserate einen Hochschulabschluss, in der Jugendarbeit und in der Sozialpsychiatrie je 15 Prozent und in der Suchthilfe 30 Prozent.
Die Auswertung der Daten von sozial­info.ch zeigt zudem, dass die Qualifikationsanforderungen im Arbeitsfeld Behin­dertenarbeit seit 2011 gesunken sind. So ist der Anteil der Inserate, in denen ein Hochschulabschluss verlangt wird, von 11 Prozent im Jahr 2011 auf 5 Prozent im 2017 gesunken, während die Nachfrage nach Personen mit beruflicher Grundbildung im gleichen Zeitraum anteilsmässig zugenommen hat (von 41 auf 53 Prozent). Auch der Anteil ausgeschriebener Stellen, die eine höhere Berufsbildung erfordern, ist gesunken: von 29 Prozent im 2011 auf 24 Prozent im 2017.

Grafik 2: Geforderte Qualifikation im Arbeitsfeld Behindertenarbeit (ohne «andere Aus­bildung»)


Tendenziell hohe Arbeitspensen
 

Der Durchschnitt der ausgeschriebenen Arbeitspensen liegt im Arbeitsfeld Behindertenarbeit mit rund 77 Stellenprozenten leicht über dem Durchschnitt aller Arbeits­felder zusammen (73 Stellenprozente). Eine detailliertere Analyse zeigt, dass sich das Arbeitsfeld Behindertenarbeit vor allem bei den mittleren und hohen Arbeitspen­sen von der Gesamtheit der Arbeitsfelder unterscheidet: So hat die Behindertenar­beit einen kleineren Anteil Stelleninserate mit einem Arbeitspensum von 41 bis 60 Stellenprozenten, dafür einen grösseren Anteil mit Teilzeitpensen über 80 Prozent und Vollzeit­-Stellen.Der Anteil Inserate mit 61 bis 80 Stellenprozenten unterscheidet sich kaum von demjenigen anderer Ar­beitsfelder.


Viele Praktikums-­ und Zivildienststellen

Im Arbeitsfeld Behindertenarbeit werden mit 60 Prozent die meisten Stellen für die qualifizierte Fachmitarbeit ausgeschrieben. Jede zehnte der ausgeschriebenen Stellen ist eine Teamleitungsstelle und 6 Prozent sind Kaderstellen. Der Anteil an Praktikums- und Zivildienststellen ist mit 20 Prozent ziemlich hoch – vor allem im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern wie der Sozialhilfe (1 Prozent), der Sozialpsych­ iatrie (9 Prozent), dem Kindes-­ und Erwachsenenschutz (4 Prozent), oder der Fa­milienberatung (3 Prozent).

Grafik 3: Ausgeschriebene Funk­tionen im Arbeitsfeld Behindertenarbeit

 

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  • Fussnote
    Hier handelt es sich jeweils um durchschnittliche Stellenprozente. Wenn z. B. ein Pensum von 40 – 60 Stellenprozenten ausgeschrieben wird, rechnen wir mit 50 Stellenprozenten.

  • Im Rahmen des Monitoring-Projekts des Vereins sozialinfo.ch und der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW werden Stellenangebote im Sozialwesen der Schweiz systematisch und kontinuierlich ausgewertet.


Datenquelle und Grafiken: sozialinfo.ch/FHNW

 

 

Interviews

Interview mit Antonio Gallego

Antonio Gallego hat ein Diplom in Sozialpädagogik (HF) und im Management von Non-Profit-Organisationen (FH). Seit 2011 ist er in verschiedenen Führungsrollen tätig und seit 2013 Vorsitzender der Geschäftsleitung der Institution zuwebe («Arbeit und Wohnen für Menschen mit Behinderung»).

 


Die Stelleninserate, die auf der Webseite von sozialinfo.ch im Arbeitsfeld Behindertenarbeit ausgeschrieben wurden, haben seit 2011 stark zugenommen. Wie erklären Sie sich das?
Gallego: Die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen ist in den vergangenen Jahren immer differenzierter geworden und die Anforderungen in der Begleitarbeit sind hoch. Viele soziale Organisationen verfolgen zudem einen dualen Auftrag. Das heisst, dass nebst der Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung auch wirtschaftliche Ziele erreicht werden müssen. Dies erfordert mehr fachlich differenzierte personelle Ressourcen.
Zudem hat die durchschnittliche Lebenserwartung nicht nur in der allgemeinen Bevölkerung zugenommen, sondern auch bei Menschen mit einer Behinderung. Aufgrund dieser demographischen Entwicklung steigt auch in der Behindertenarbeit der Bedarf nach Betreuungs- und agogischem Fachpersonal. 


Was denken Sie, weshalb werden bei Stelleninseraten im Arbeitsfeld Behindertenarbeit weniger hohe Ausbildungsabschlüsse verlangt als in anderen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit? Und weshalb sind diese Qualifikationsanforderungen seit 2011 gesunken? 
Gallego: Ich bin nicht der Meinung, dass die Qualifikationsanforderungen in der Behindertenarbeit tief sind. Wir legen grossen Wert auf eine gute Ausbildung unseres Fachpersonals. Der Grossteil unserer Mitarbeitenden im Arbeits- und Wohnbereich sind ausgebildete SozialpädagogInnen und ArbeitsagogInnen.
Die Sozialdirektorenkonferenz hat in der IVSE (Interkantonale Vereinbarung für soziale Einrichtungen) die Mindeststandards für die Ausbildungsquoten festgelegt. In den Einrichtungen für Erwachsene muss eine durchschnittliche Fachquote von 50 Prozent erreicht werden. Die verschiedenen Sparbemühungen der Kantonsparlamente und Regierungen haben aber einen direkten Einfluss auf die Personalressourcen der Einrichtungen. Meine Hypothese ist, dass in der Branche die Ausbildungsquote reduziert wird. Eine solche Reduktion des agogischen Fachpersonals verkleinert automatisch die Lohnsumme in den Budgets der Einrichtungen. Dies ist nicht wünschenswert, aber eine Konsequenz des finanziellen Drucks in der Branche.

Weshalb haben die Stellen, die im Arbeitsfeld Behindertenarbeit ausgeschrieben werden, tendenziell ein höheres Arbeitspensum als in anderen Arbeitsfeldern?
Gallego: Die Bezugspersonen- und Facharbeit ist eine anspruchsvolle Beziehungsarbeit. Ein hohes Arbeitspensum hat den Vorteil, dass sich die Team-Mitglieder regelmässig sehen und die Begleit-, Pflege- und Betreuungsarbeit besser planen und umsetzen können. Ein Team mit vielen kleinen Arbeitspensen verkompliziert diese notwendige Koordinationsarbeit.
Aufgrund des Fachkräftemangels und des Spardruckes ist die Branche aber auf Wiedereinsteigende und Mitarbeitende, die neben der Familie einer Teilzeitarbeit nachgehen, angewiesen. Aus diesem Grund werden in der Behindertenarbeit oft mehrere Teams von einer Leitungsperson geführt, die nicht mehr in die Betreuungsarbeit involviert ist und hauptsächlich übergeordnete Führung-, Koordinations- und Administrationsthemen betreut. Mitarbeitende in der Begleitarbeit können so von gewissen Themen entlastet werden und sich intensiver auf die Betreuungsaufgaben konzentrieren.

Im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern werden im Arbeitsfeld Behindertenarbeit mehr Praktikums- und Zivildienststellen ausgeschrieben. Woran könnte das liegen?
Gallego: Wir erleben immer wieder, dass wir über ein Praktikum oder einen absolvierten Zivildienst gutes künftiges Fachpersonal gewinnen können. Wir haben einige Zivildienstmitarbeitende, die nach dem Abschluss ihres Einsatzes bei uns eine zweite Berufsausbildung oder ein Sozialpädagogikstudium absolvieren. Dies ist für alle Beteiligten und auch für die Branche ein Gewinn. Die PraktikantInnen können sich beruflich weiterentwickeln, die Einrichtung gewinnt langjährige Mitarbeitende und gleichzeitig wird etwas gegen den Fachkräftemangel getan, was wiederum der Branche bzw. der Gesellschaft zugutekommt.


Wie schätzen Sie den Stellenmarkt im Arbeitsfeld Behindertenarbeit ein? Gibt es aktuelle Entwicklungen, die Sie in Bezug auf den Stellenmarkt im Arbeitsfeld Behindertenarbeit feststellen?
Gallego: Ein Thema, welches wir immer wieder zu spüren bekommen, ist sicherlich der Fachkräftemangel. Die Arbeitsbedingungen mit Abend-, Wochenend- und Nachtdiensten sind anspruchsvoll. Die Anforderungen an das Personal steigen. Die Erwartungen an eine gute Qualität der zu erbringenden Dienstleistungen in Bezug auf Pflege, Sozialkontakte, Integration, Partizipation, Dokumentation und agogische Fachlichkeit sind hoch.
Auch die demographische Entwicklung, die einen erhöhten Pflegebedarf mit sich bringt, wird die Behindertenarbeit genauso beschäftigen wie die Alters- und Pflegeheime.


Auf was achten Sie persönlich bei der Personalsuche? Welche Qualifikationen sind Ihnen bei den Bewerbenden wichtig?
Gallego: Die besten Fach- und Methodenkompetenzen nützen wenig, wenn die Sozial- und Selbstkompetenzen suboptimal entwickelt sind. Aus diesem Grund sind uns die Sozial- und Selbstkompetenzen, wie beispielsweise eine hohe Eigenverantwortung und Belastbarkeit, angenehme Umgangsformen gekoppelt mit einer lösungsorientierten Grundhaltung sehr wichtig. Auch auf die Lern-, Team-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit der Mitarbeitenden legen wir grossen Wert.

 

 

Interview mit Tom Schott

Tom Schott arbeitet im HR (Human Resources) und QMS (Qualitätsmanagementsystem) der Stiftung Bernaville in Schwarzenburg.

 

Was denken Sie, weshalb werden bei Stelleninseraten im Arbeitsfeld Behindertenarbeit weniger hohe Ausbildungsabschlüsse verlangt als in anderen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit?
Schott: Das ist Ihre Interpretation, man kann dies durchaus auch anders sehen. Die Ausbildung Fachperson Betreuung mit Fachausrichtung Behindertenbetreuung (FaBe B) wird erst seit ca. 10 Jahren als Grundausbildung angeboten. Wenn wir in der Stiftung Bernaville eine Fachkraft suchen, suchen wir zu ca. 75% einen/eine FaBe B. Entsprechend „reicht“ uns also eine Grundausbildung, denn diese hat durchaus eine hohe Qualität. Vergleichen könnte man dies eventuell mit der KV-Ausbildung: Diese Grundbildung bietet ebenfalls eine hohe Qualität und Personen mit einem KV-Abschluss können in ganz vielen Branchen und Betrieben eingesetzt werden. Höhere Ausbildungen verlangen wir „nur“ bei Leitungsstellen.

 

Unsere Auswertungen zeigen, dass im Arbeitsfeld Behindertenarbeit vergleichsweise sehr viele Praktikums- und Zivildienststellen ausgeschrieben werden. Wie sieht es in Ihrer Organisation diesbezüglich aus?
Schott: Auf Bernaville bezogen ist das effektiv so: Wir bieten pro Jahr zwei Praktikumsplätze im Bereich Wohnen und zwei Praktikumsplätze im Bereich Arbeiten (Werkstätten). Die PraktikantInnen können sich so während sechs Monaten einen Einblick in den sozialen Bereich (Arbeitsfelder FaBe/Sozialpädagogik/Arbeitsagogik) verschaffen. In einem KV-/Büro-Kontext ist dies z.B. fast gar nicht üblich.

 

Gibt es aktuelle Entwicklungen, die Sie in Bezug auf den Stellenmarkt im Arbeitsfeld Behindertenarbeit feststellen?
Schott: Subjektiv nehme ich wahr, dass sich immer weniger BewerberInnen auf Inserate melden und dass die Qualität der Bewerbungen abgenommen hat. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass sich viele QuereinsteigerInnen bewerben oder die Bewerbungsunterlagen unvollständig sind. Diese Entwicklung beunruhigt mich.

 

Auf was achten Sie bei der Personalsuche? Welche Qualifikationen sind Ihnen bei den Bewerbenden wichtig?
Schott: Das kommt ganz auf die ausgeschriebene Stelle an. Auf jeden Fall achten wir jeweils sehr auf die Teamzusammensetzung. So war z.B. für eine Stelle wichtig, dass aus Gründen der Teamkonstellation ein Mann eingestellt wird. In diesem Fall war die Ausbildung dann zweitrangig. Bei einer anderen Stelle suchten wir konkret nach einer Sozialpädagogin mit Erfahrung im Behindertenbereich. Wieder für eine andere Stelle schränkten wir die Suche auf ausgewiesene Fachpersonen mit Psychiatrieerfahrung ein. In einem weiteren Fall bestand das bisherige Team komplett aus Mitarbeitenden mit Tertiär-Abschluss, weshalb wir bei der Suche weniger Wert auf eine spezifische Ausbildung legten als vielmehr darauf, jemanden zu finden, der/die Arbeitserfahrung mit sich brachte.

 

 

Interview mit Angie Steger


Angie Steger arbeitet als Sozialpädagogin in Ausbildung bei sebit aargau (selbstbestimmte Bildung und Teilhabe). Ihr Bachelorstudium absolviert sie an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW.


Frau Steger, was für Erfahrungen haben Sie bisher bei der Stellensuche im Arbeitsfeld Behindertenarbeit gemacht?
Steger: Ich bin nach einer ca. zwanzigjährigen Pause vor zwei Jahren wieder neu in das Berufsfeld eingestiegen und arbeite seit 2015 als Sozialpädagogin in Ausbildung in der Behindertenarbeit. Sowohl bei meiner Stellensuche im Jahr 2015 als auch im 2017 habe ich positive Erfahrungen gemacht. Ich habe nur wenige Bewerbungen geschrieben und die Vorstellungsgespräche sind jeweils sehr positiv, anregend und wertschätzend verlaufen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen im Arbeitsfeld Behindertenarbeit?

Steger: Ich erlebe zurzeit, dass der Druck, Geld zu sparen, zunimmt. Ich finde es wichtig, dass “wirtschaftlich“ gearbeitet wird, dies darf jedoch nicht auf Kosten der Qualität geschehen. Ziel sollte sein, dass die Qualität in der täglichen Arbeit ständig verbessert und den gesellschaftlichen Fortschritten angepasst wird.
Ich empfinde es als Herausforderung, wenn in einem Team viele Mitarbeitende über eine berufliche Grundbildung verfügen, aber keinen höheren Abschluss oder im schlimmsten Fall keine entsprechende Ausbildung haben. Dies kann zu verschiedenen Schwierigkeiten führen: Zum Beispiel kann es schwierig werden, eine gemeinsame professionelle Haltung zu finden und gewisse Fragestellungen und Prozesse gut zu bewältigen.
An meinem jetzigen Arbeitsort haben alle im Team einen Abschluss der höheren Fachschule (HF) oder Fachhochschule (FH). Dadurch können Diskussionen auf einem hohen professionellen Niveau geführt werden. Auch die Team- und Arbeitskultur ist sehr zufriedenstellend.

Sie sind der Meinung, dass aus Spargründen auf Personen zurückgegriffen wird, die nicht genügend ausgebildet sind?

Steger: Ja, ich vertrete eine etwas provokative Meinung: Für mich ist die Berufslehre zum/zur Fachangestellten Betreuung (FaBe) ein potenzieller Angriff auf die Professionalität in der Behindertenarbeit. Es kann auf diese Weise Geld gespart werden – dann nämlich, wenn Teams und Leitung vorwiegend aus Personen mit diesem beruflichen Abschluss bestehen.
Natürlich ist es besser, Personen mit einer Berufslehre anzustellen, als ungelerntes Personal. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Professionalität in einem Team mit FaBes nicht gleich hoch ist, wie wenn SozialpädagogInnen die Mehrheit bilden. Es kommt also entscheidend auf den Mix in einem Team an, wobei auch die Haltung der Leitungspersonen eine wichtige Rolle spielt, da diese sich meist im Team widerspiegelt.

Was interessiert Sie besonders an der Arbeit in diesem Arbeitsfeld?
Steger: Ich arbeite gerne mit Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen; einerseits da ich mit ihnen sehr personzentriert arbeiten kann und andererseits, weil ich es wichtig finde, mir der gesellschaftlichen Barrieren, die es für Menschen mit Beeinträchtigungen gibt, bewusst zu sein. Zudem reizt mich die kritische und reflektierte Arbeitsweise, die in diesem Arbeitsfeld eine enorm wichtige Rolle spielt. Diese Arbeitsweise liegt mir, ich finde sie sehr bereichernd und gleichzeitig herausfordernd.
Ich habe auch eine gesellschaftspolitische Motivation in diesem Arbeitsfeld zu arbeiten. Es besteht die Hoffnung, dass infolge der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in der Gesellschaft, Politik und in den Organisationen der Behindertenarbeit eine Haltungsänderung geschehen wird. Bis die Ziele der Konvention umgesetzt sind, ist es jedoch noch ein weiter Weg. Mit meiner jetzigen beruflichen Tätigkeit kann ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, was eine grosse Befriedigung ist.
Schlussendlich sind es aber vor allem die Menschen, die mich interessieren – ihre Wünsche, Ängste und Ziele. Es gefällt mir, dass dieses Arbeitsfeld äusserst lebendig ist.

Was sind Ihre Wünsche, Hoffnungen oder Erwartungen an die Zukunft des Arbeitsfeldes Behindertenarbeit?
Steger: Der Schattenbericht von Inclusion Handicap 2017 bemängelt, dass in den Organisationen in der Schweiz immer noch oft ein karitatives Bild vorherrscht und dass Menschen mit Behinderungen kaum bis gar nicht in die Planung miteinbezogen werden. Laut einer Studie weichen auch drei von vier Wohnangebotstypen in der Alltagsgestaltung bzw. den entsprechenden Teilhabemöglichkeiten von den Standards der UN-Behindertenrechtskonvention sowie der Funktionalen Gesundheit nach WHO ab. 
Will die Schweiz hier Verbesserungen erreichen, ist dies meines Erachtens nur mit einer Professionalisierung in der Behindertenarbeit möglich. Und zwar mit einer Profession, die sich als anwaltschaftliche Assistenz versteht und die über organisationale Grenzen hinausdenkt. 

 

 

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