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Sozialhilfe: Winterthur gegen den Abbau-Trend

04.07.2018/hem

 



© sozialinfo.ch

Mitten in den Diskussionen um Sozialabbau wählt Winterthur den entgegengesetzten Weg: Im Anschluss an eine Studie zur Fallbelastung, die sie bei der ZHAW in Auftrag gegeben hatte, hat die Stadt beschlossen, den Sozialdienst personell auszubauen. Die Studie zeigt nämlich auf, dass Sozialarbeitende mit einer geringeren Fallbelastung in der Arbeit mit den KlientInnen mehr erreichen, wodurch im Endeffekt die Kosten sogar gesenkt werden können.

In der gegenwärtigen politischen Debatte um die Sozialhilfe werden, vor allem von bürgerlicher Seite, regelmässig Beitragskürzungen vorgeschlagen. Mit der Begründung, Anreize zur Integration zu schaffen, wird am Grundbedarf geschraubt. So will der Kanton Bern den Grundbedarf um acht Prozent kürzen und im Aargau hat der Grosse Rat gar eine Kürzung um 30 Prozent gutgeheissen. Und im Kanton Baselland ist ein Vorstoss hängig, der die Beiträge davon abhängig machen will, wieviel Steuern jemand bisher bezahlt hat. Die SKOS-Richtlinien, deren Bemessung schon heute auf politischen Kompromissen zu Ungunsten der betroffenen KlientInnen und deren Teilhabe beruht, werden dadurch weiter unterschritten.

Die Stadt Winterthur geht den entgegengesetzten Weg. Auf eine Vollstelle als Sozialarbeiterin oder Sozialarbeiter sollen künftig nur noch 75 statt der bisherigen 145 zu betreuenden Fälle kommen. Winterthur will für die nächsten vier Jahre das Personal entsprechend aufstocken. Mit dieser Massnahme reagierte die Stadt auf die Ergebnisse einer Studie, die sie bei der ZHAW in Auftrag gegeben hatte. Darin konnte nachgewiesen werden, dass mit einer Reduktion der Fälle pro Sozialarbeitende die Kosten pro Fall und Jahr im Schnitt um 1452.- Fr. sinken.
Bemerkenswert ist dies vor allem, weil damit wissenschaftlich belegt ist, was seitens der Sozialen Arbeit längst als Erfahrungswissen gilt: mehr Zeit und als Resultat davon bessere Beratung, mehr Verbindlichkeit, bessere Kooperation und weniger Sanktionen – alles Desiderate einer professionellen Sozialen Arbeit – sind nicht nur für die Klientinnen und Klienten besser, sondern kosten unter dem Strich erst noch weniger. Auch auf die Arbeitszufriedenheit wirkt sich eine Fallreduktion positiv aus. Das wiederum dürfte die Personalfluktuation in den Sozialdiensten reduzieren, was mithilft, die Kosten weiter zu senken.

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Sozialabbau-Debatte


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«Es ist ein Glück, dass es politisch möglich war, in Winterthur dieses Experiment durchzuführen» - Interview mit Miryam Eser Davolio

Im Auftrag der Stadt Winterthur hat eine Gruppe Forschender der ZHAW eine Studie durchgeführt, um zu überprüfen, wie sich eine Fallreduktion in der Sozialberatung auf die Fallkosten und Ablösequote auswirkt. Auslöser war die Erkenntnis, dass die Falllast im Verlauf der Jahre stetig gestiegen ist, was vor allem aus einer tiefen Ablösequote resultierte. Bis im Jahr 2017 stieg die Fallbelastung auf über 140 Fälle pro Vollzeitstelle an. Im Zeitraum vom September 2015 bis im Februar 2017 wurden deshalb drei zusätzliche Vollzeitstellen bewilligt, die während dieser 18 Monate dauernden Versuchsphase mit einer maximalen Falllast von 75 Fällen arbeiteten.

 

 

  • Geschäftsstelle sozialinfo.ch: Frau Eser, mit Ihrer Studie konnten Sie aufzeigen, dass die Kosten pro Fall insgesamt sinken, wenn Sozialarbeitende mehr Zeit pro Fall haben, da sie professioneller arbeiten können. Hat Sie dieser Befund überrascht?

    Miryam Eser Davolio: Nicht grundsätzlich, überrascht hat uns aber die Deutlichkeit, mit der das belegt werden konnte. Wir nahmen an, dass die eineinhalb Jahre eher kurz wären. Tatsächlich haben sich aber schon in den ersten sechs Monaten positive Effekt gezeigt. Dies auch aufgrund von Ablösungen, welche schneller vollzogen werden konnten sowie weitere Fälle ohne Beratungsbedarf, die zeitnaher in die kaufmännische Fallführung abgegeben werden konnten, als dies aufgrund des hohen Arbeitsdrucks üblicherweise geschieht. Auch wenn dies nur kurze Verzögerungen sind, summiert sich das bei der grossen Zahl der Fälle schnell.

  • Miryam Eser Davolio

    © ZHAW

    Dr. Miryam Eser Davolio ist als Dozentin an der ZHAW, Abteilung Soziale Arbeit, tätig. Sie leitete die Forschungsgruppe der ZHAW, die im Auftrag der Stadt Winterthur die Studie "Falllast in der Sozialhilfe und deren Auswirkung auf die Ablösequote und Fallkosten" erarbeitet hat.

In den Folgemonaten kamen dann weitere Effekte zum Tragen, beispielsweise eine bessere Integration in den ersten Arbeitsmarkt, oder dass vermehrt Unterhaltsbeiträge und subsidiäre Leistungen geltend gemacht werden konnten.

Ihre Studie hat auch aufgezeigt, dass Kreativität und Erfahrung der Sozialarbeitenden wichtig sind, um gute Arbeit zu leisten. Insgesamt stärken Sie damit also das Anliegen einer hohen Professionalität, wie es Sozialarbeitenden oft fordern.

Das stimmt, auch wenn wir das Thema Professionalität in unserer Studie nicht so explizit thematisiert haben. Kürzlich hat mir Peter Sommerfeld, der sich mit diesem Thema schon lange auseinandersetzt, gesagt, dass die Studie gut aufzeige, was Professionalität bedeute und wie wichtig sie sei. Die Studie belegt zudem auch, wie wichtig Berufserfahrung für professionelles Schaffen und die Steigerung der Einnahmen ist. Die Sozialhilfe ist ein anspruchsvolles Berufsfeld. Bis jemand alle Register ziehen kann, muss sehr viel investiert werden. Um Kosten sparen zu können, ist es deshalb enorm wichtig, dass qualifizierte Personen bleiben. Der Befund, dass die Sozialarbeitenden mit einer weniger hohen Fallbelastung nicht nur erfolgreicher, sondern auch zufriedener sind, ist deshalb sehr bedeutsam. Und diese Befriedigung ziehen sie vor allem aus den Erfolgserlebnissen in der Arbeit mit den KlientInnen.

Sind Sie zufrieden mit den Konsequenzen, die in Winterthur gezogen worden sind?

Ja sehr! Dass die Stadt nun entschieden hat, mehr Personal einzustellen, ist ein konsequenter Schritt und wir sind gespannt, wie es weiterläuft. Natürlich gäbe es weitere qualitative Fragestellungen, die noch untersucht werden könnten, beispielsweise zum Wissenstransfer, wenn neue Leute eingestellt werden. Oder auch die Frage der Ablösung, ein Effekt, den wir nicht beziffern konnten. Das zu berechnen ist sehr anspruchsvoll. Langfristig könnte man das zu einem späteren Zeitpunkt erheben.

Von bürgerlicher Seite werden immer wieder Kürzungen der Sozialhilfeleistungen gefordert, um die Kosten zu senken. Entsprechende Debatten laufen zurzeit Debatten in den Kantonen Bern, Baselland und Aargau. Man geht davon aus, dass dadurch Anreize für die KlientInnen entstünden, Arbeit zu suchen und sich zu integrieren. Wie finden Ihre Erkenntnisse Eingang in diese Debatte?

Es gibt durch die Studie einige Argumente, die auch den Anliegen dieser Kreise entsprechen und die helfen könnten, auf gemeindepolitischer Ebene Mehrheiten zu gewinnen, um ähnliche Prozesse einzuleiten, wie in Winterthur. So konnten wir Möglichkeiten aufzeigen, wie man KlientInnen der Sozialdienste besser in den ersten Arbeitsmarkt integrieren kann. Das ist ja das Hauptziel auch der bürgerlichen Kräfte. Dass es weniger Sanktionen braucht, weil man näher an den Klienten ist und dies Missverständnissen und Missbrauch vorbeugt, ist ein weiteres Argument. Das ist so das Potenzial, das in dieser Studie steckt. Letztlich geht es aber immer um politische Prozesse, die mehrheitsfähig werden müssen, und das ist nicht so einfach. Die Chance ist, dass man mit unseren Ergebnissen auch Leute erreichen kann, die marktwirtschaftlich denken. Es ist daher ein Glück, dass es politisch möglich war, in Winterthur dieses Experiment durchzuführen.

Was hat das Experiment für die KlientInnen bedeutet?

Wir haben zwar die KlientInnen nicht befragt, aber indirekt kommt im qualitativen Teil heraus, dass weniger sanktioniert werden musste, die Kontaktaufnahme unkomplizierter und zeitnaher passierte. Das deutet darauf hin, dass sich die KlientInnen auch besser aufgehoben und beraten fühlen. Das hätten wir gerne auch noch näher untersucht, aber das wäre Gegenstand einer weiteren Studie.

Damit haben wir in Winterthur einen Modellfall, bei dem alle Seiten gewinnen, die KlientInnen, die Finanzgeber, und auch die Soziale Arbeit. Gibt es auch anderen Orten Bemühungen, das umzusetzen?

Ich habe von anderen Gemeinden gehört, die ihren Stellenbestand ebenfalls aufstocken, um die Fallbelastung zu senken, so zum Beispiel Frauenfeld oder Emmen. Die Stadt Biel baut ebenfalls ihren Sozialdienst aus, wenn auch nicht aufgrund unserer Studie. Obwohl die Ausgangslagen jeweils unterschiedlich sind, hilft es den Verwaltungen trotzdem, diesen Schritt mit unserer Studie begründen zu können.

Wie geht es weiter?

Im September sind wir an einer Tagung präsent, die die SKOS zum Thema Fallbelastung durchführt, da wird das wahrscheinlich schon noch weitere Kreise ziehen. Jetzt ist interessanterweise mehr im Gang als damals im November 2017, als die Studie herausgekommen ist. Wir hoffen natürlich auch, dass dadurch die Attraktivität dieses Berufsfeldes gesteigert werden kann.

 

 

Studie der ZHAW


05. Juli, 2018 - ZHAW Soziale Arbeit, Eser Davolio, Miryam; Strohmeier, Rahel; Zwicky, Heinrich; Gehrig, Milena; Steiner, Isabelle
Falllast in der Sozialhilfe und deren Auswirkung auf die Ablösequote und Fallkosten

Wissenschaftliche Begleitung eines Pilotprojekts in der Langzeitunterstützung der Sozialen Dienste der Stadt Winterthur (1.9.2015 – 28.2.2017)



05. Juli, 2018 - ZHAW Departement Angewandte Psychologie
Fallbelastung in der Sozialhilfe: Mehr Sozialarbeitende, weniger Kosten

Beitrag in: sozial, Nr. 9

Werden in der Sozialhilfe mehr Sozialarbeitende eingestellt, so sinken die Kosten. Was auf den ersten Blick paradox klingt, wurde in einer Studie der ZHAW erforscht und begründet.


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