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Sans-Papiers: Auch im Gesundheitssystem weitgehend unsichtbar

Dossier, 03.01.2018/str

 



© Tim Reckmann, pixelio.de

Im November 2017 feierte das Schweizerische Rote Kreuz das zehnjährige Bestehen ihrer Anlaufstelle zur Gesundheitsversorgung von Sans-Papiers in Bern mit einem Medienanlass. In diesem Rahmen stellte Marianne Jossen ihre Masterarbeit zu den Erfahrungen von Sans-Papiers mit dem Gesundheitssystem in der Schweiz vor. Im Interview erklärt sie, weshalb Sans-Papiers den Gang zur Ärztin oder zum Arzt wenn irgend möglich vermeiden.

 

sozialinfo.ch/Regine Strub: In der Schweiz gibt es ein Krankenkassen-Obligatorium, das auch für Sans-Papiers gilt. Das ist aber ein grosses Problem für Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Weshalb?

Marianne Jossen: Es wäre sicher wünschenswert, wenn alle Sans-Papiers eine Krankenversicherung abschliessen würden. Aber dies ist ein ganz grosses finanzielles Problem. Sans-Papiers verdienen zwischen 800 und 1500 Franken pro Monat. Es kommt ein bisschen auf die Region und die Umstände an. Dieses Einkommen beinhaltet keine Arbeitslosenversicherung, Unfallschutzversicherung oder andere Sozialversicherungen. Das heisst, wenn man einmal nicht arbeiten gehen kann, bekommt man auch kein Geld. Und das sind nicht Jobs, bei denen man sagen kann, am Ende des Monats werde ich so und soviel Geld verdient haben. Sondern man verdient mal mehr, mal weniger oder

sogar gar nichts. Man kann von heute auf morgen entlassen werden. Zum Beispiel in der Landwirtschaft hat man im Sommer viel Arbeit und im Winter gar keine mehr. Stellen Sie sich vor, selbst wenn Sie die höchste Prämien-verbilligung bekommen würden – ich habe das einmal für Zürich ausgerechnet – müssen Sie 17 bis 32 Prozent Ihres Einkommens für die Prämie ausgeben. Bei meiner Berechnung bin ich von der tiefsten Franchise ausgegangen, denn wenn man eine höhere Franchise wählt, müsste man ja bis zu zwei Monatslöhne auf der Seite haben. Das geht bei diesen Einkommen kaum. Mit diesem Einkommen müssen sich die Leute ihr Leben finanzieren, sie sind nicht abgesichert durch Sozialversicherungen und schicken vielleicht noch Geld in die Heimat. Deshalb schliessen viele Sans-Papiers aus rein finanziellen Gründen keine Versicherung ab. Oder zumindest so lange nicht, bis wirklich etwas Gravierendes passiert.

Welche weiteren Hürden gibt es?
Das andere ist, dass es auch administrativ nicht einfach ist, eine Krankenversicherung abzuschliessen. Wenn man nicht mindestens ein bisschen eine Ahnung hat, wie man vorgehen muss, riskiert man, irgendwann als Sans-Papier entdeckt zu werden. Ich mache ein Beispiel: Ein Sans-Papier ist neu in der Schweiz und möchte sich versichern lassen. Üblicherweise legt man dem Gesuch eine Wohnsitzbestätigung bei. Damit stellt die Versicherung sicher, dass er nicht Gesundheitstourismus machen will und er tatsächlich in der Schweiz Wohnsitz hat. Ein Sans-Papier kann natürlich keine solche Bestätigung beilegen. Wenn man nun ein Gesuch einreicht und die Mitarbeiterin weiss nicht, dass man Sans-Papier ist, dann nimmt sie vielleicht an, dass man das vergessen habe und ruft bei der Gemeinde an. Wohnt bei Ihnen ein Herr Sowieso? Dann ist es zu spät… Bei diesen administrativen Abläufen braucht man ein Spezialwissen, man braucht informelle Abmachungen, damit man sicher gehen kann, dass es klappt. Man muss als Sans-Papier wissen, da gibt es eine Stelle, die hilft mir. Diese Schwierigkeiten haben zur Folge, dass trotz Versicherungsobligatorium 80 bis 90 Prozent der Sans-Papiers nicht versichert sind.

Was tun die Leute, die sich ärztlich behandeln lassen müssen, aber über keine Versicherung verfügen?
Das ist ganz unterschiedlich. Es kommt sehr darauf an, ob man als Sans-Papier Zugang zu einer Anlaufstelle gefunden hat. Diese Stellen haben meist ein Netzwerk aufgebaut aus Ärzten, Ärztinnen, Zahnärzten, Labors, Psychologinnen und so weiter. Die sagen aus Goodwill: ich behandle für die Hälfte des Geldes oder ich mache es gratis. Wenn man als Sans-Papier aber keinen Zugang zu so einer Stelle hat, wird es sehr schwierig. Natürlich kann man selber bezahlen, aber wenn es um mehr geht als nur um eine Bagatelle, wird das schon sehr teuer. Theoretisch gäbe es auch die Möglichkeit, auf den Notfall zu gehen. Das tun die Leute auch, aber nur, wenn es wirklich, wirklich nicht anders geht. Und selbst dann gehen die Leute oft nur, wenn sie von einer Beratungsstelle dazu ermutigt worden sind. Oder sie lassen sich von einem Menschen mit legalem Aufenthaltsstatus begleiten, weil sie solche Angst haben. Wiederum andere wenden Strategien an, die schliesslich dazu führen, dass sie ihrer eigenen Gesundheit schaden. Ein Beispiel: Ein Diabetes-Patient, der keine Versicherung hatte, erzählte, dass er jeweils gelaufen ist, um den Zucker hinunter zu bringen. Vom vielen Laufen bekam er aber eine Wunde am Fuss – und man weiss ja, bei Diabetikern heilen Wunden sehr schlecht und es kommt häufig zu Infektionen. Oder sie nehmen irgendwelche Medikamente, die ihnen gerade in die Finger kommen. Sie sehen: diese Menschen versuchen sich irgendwie zu helfen und schaden sich schliesslich mehr. Irgendwann haben sie keine Wahl mehr.

Und wenn nun jemand ins Spital muss, muss das Spital behandeln?
Die öffentlichen Spitäler in der Schweiz haben die Pflicht, im Notfall zu behandeln, auch wenn jemand keine Versicherung hat. Man wird untersucht und danach wird entschieden, was muss man sofort behandeln und was lässt sich unter Umständen aufschieben. Was nicht aufgeschoben werden kann, wird gemacht. Es kann einfach sein, dass man nachher eine Rechnung nach Hause geschickt bekommt. Und da sind wir wieder bei der Schwierigkeit von Sans-Papiers angelangt. Die Rechnung können sie nicht bezahlen und dann werden sie betrieben. Wenn sie betrieben werden, ist wiederum die Wahrscheinlichkeit hoch, dass jemand realisiert, dass sie keinen legalen Aufenthaltsstatus haben. Aber prinzipiell müssen die Spitäler behandeln und das tun sie auch. Es wird niemand, der im Sterben liegt, von einem Spital weggeschickt.

SRK Bern: 10 Jahre Gesundheitsversorgung für Sans-Papiers

Im November 2017 feierte das SRK in Bern das zehnjährige Jubiläum der Gesundheitsversorgungsstelle für Sans-Papiers. Die Anlaufstelle, die im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer angesiedelt ist, wurde 2007 eröffnet, nachdem ein Rechtsgutachten festgestellt hatte, dass sich das Hilfswerk SRK mit einem solchen Angebot nicht strafbar mache. Ursprünglich war die Anlaufstelle als allgemein medizinische Hausarztpraxis gedacht. In den vergangenen Jahren hat sie sich zusätzlich zu einer Triagestelle für den Eintritt in die Regelversorgung entwickelt. Auslöser dafür ist das seit 2002 geltende Versicherungsobligatorium für alle in der Schweiz lebenden Personen, also auch für Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung. Die festangestellten Mitarbeitenden werden durch freiwillige Fachpersonen unterstützt, unter anderem durch Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin und für Gynäkologie, Pflegefachpersonen sowie Psychotherapeutinnen und –therapeuten. Ein Netz an Institutionen im Gesundheitsbereich wird kontinuierlich ausgebaut. Patienten und Patientinnen werden zu bestimmten Öffnungszeiten ohne Voranmeldung empfangen.
Wie Sie weiter unten in den Links sehen können, gibt es in mehreren Kantonen Anlaufstellen für Sans-Papiers, die von unterschiedlichen Hilfswerken oder Gruppen geführt werden.



Marianne Jossen: Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin

Marianne Jossen ist 32 Jahre alt und hat einen Master in Soziologie und in Public Health. Sie arbeitet als stellvertretende Geschäftsführerin für die Equam-Stiftung. Die Masterarbeit mit dem Titel „not/being addressed. Experiences of patients and professionals with healthcare for undocumented migrants in Switzerland“ entstand im Rahmen ihres Public Health Studiums zwischen 2015 und 2017 im Kontext einer Anlaufstelle für Gesundheitsfragen für Sans-Papiers. Welche Stelle dies war, soll anonym bleiben, um die involvierten Personen zu schützen. Interessierte an der Masterarbeit können die Arbeit per E-Mail bei Marianne Jossen anfordern, marianne.jossen@icloud.com



Links zu Gesundheitsversorgung von Sans-Papiers


12. Dezember, 2017 - sans-papiers.ch
sans-papiers.ch: Website für Sans-Papiers

Die Website enthält sowohl Informationen für Sans-Papiers, wie auch für Fachleute, die mit ihnen zu tun haben. Hier sind auch politische Entwicklungen, Vorstösse und laufende Kampagnen aufgeführt. Hier sind sämtliche Beratungsstellen für Sans-Papiers in den verschiedenen Kantonen aufgelistet. Die Seite wird vom Verein sans-papiers.ch gepflegt, der seinen Sitz bei der Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers hat.


12. Dezember, 2017 - SRK
SRK: Migesplus - Webplattform Gesundheit und Migration

Die Website enthält eine Sammlung an Informationen für alle unterschiedlichste Themen zu Gesundheit und Migration. 


12. Dezember, 2017 - SRK
SRK: Informationen zur Gesundheitsversorgung von Sans-Papiers

Auf der Seite des SRK finden Sie Informationen für Sans-Papiers als Betroffene aber auch für Fachleute, die mit Sans-Papiers zu tun haben.

früheres FOKUS-Dossier zu Sans-Papiers


12. Dezember, 2017 - sozialinfo.ch
Sans-Papiers: FOKUS-Dossier vom Juli 2014

Politische Vorstösse in den eidgenössischen Räten, die sich für eine Verbesserung der Lebenssituation von Sans-Papiers einsetzen, haben oft wenig Chancen, angenommen zu werden. Verantwortlich dafür ist eine politische Haltung, die illegale Einwanderung so unattraktiv wie möglich machen möchte. Dabei wäre es durchaus möglich, pragmatische Lösungen zu finden, um menschliche Härten zu vermeiden.



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