Inhalt - Interview Tanja Janowsky Movis

Tanja Janowsky, Movis: "Mit der Ausbildung zur Sozialen Arbeit ist es wie mit dem Autofahren. Wer die Prüfung bestanden hat, kann zwar fahren, aber es ist immer noch anstrengend"

Interview, 5. April 2017/ Text und Fotos: Regine Strub

 

 

Tanja Janowsky, betriebliche Sozialarbeiterin / © sozialinfo.ch

 

Als betriebliche Sozialarbeiterin kann Tanja Janowsky (48) Empfehlungen geben, aber keine Veränderungen umsetzen. Ihre beraterischen Fähigkeiten betrachtet sie als wichtiges Werkzeug und sie hat sich im Laufe der Jahre stetig weitergebildet. Die Entwicklung der Sozialen Arbeit hin zu mehr Digitalisierung betrachtet sie mit Skepsis. Als Fortschritt betrachtet sie hingegen, dass Sozialarbeitende heute besser begründen können, welche Ziele mit einer Beratung erreicht werden sollen.


Regine Strub/sozialinfo.ch: Was sind Ihre Aufgaben bei Movis?

Tanja Janowsky: Wir sind vor allem für die Beratung der Mitarbeitenden von Unternehmen zuständig. Das geht die ganze Hierarchiestufe hinauf und hinunter. Vom einfachen "Büezer", über den Vorgesetzten, bis zum Direktor. Das ist meine hauptsächliche Arbeit. Daneben habe ich mich auf Schulungen spezialisiert, habe aber auch schon Case-Managements durchgeführt. Ein Jobcoaching habe ich noch nie übernommen. Das ist bei uns alles möglich.

  • Was gefällt Ihnen an der betrieblichen Sozialarbeit?
    Mir gefällt, dass die Themen so breit gefächert sind. Das kann sein: jemand kommt nicht klar mit seiner Steuererklärung; oder ein Mitarbeiter kommt zu mir, weil er mit seinem pubertierenden Kind Schwierigkeiten hat; oder es gibt Konflikte in einem Team. Bis zu: ein Chef fühlt sich gemobbt von seinem Mitarbeiter…Das finde ich sehr spannend.

    Können Sie sich an eine Situation erinnern, die Sie besonders gefreut hat?
    Kürzlich hat mir ein Lehrmeister seine Lehrtochter in die Beratung geschickt, mit dem Auftrag "mal zu schauen". Die Lehrtochter erlebte zuhause häusliche Gewalt… Ich konnte gut mit dem Mädchen sprechen und bekam den Eindruck, dass es von zuhause weg musste, wenn es die

  • Tanja Janowsky: Weiterbildungen sind zentral
    Tanja Janowsky ist diplomierte Sozialarbeiterin HFS, 48 Jahre alt und arbeitet seit 2003 in der betrieblichen Sozialberatung beim Beratungsunternehmen Movis. Sie hat Weiterbildungen in der Beratung absolviert, unter anderem den Master of Advanced Studies FHNW in systemisch-lösungsorientierter Kurzzeitberatung- und Therapie. Ein weiteres Spezialgebiet von ihr sind Schulungen zu den Themen Stress, Burnout, Mobbing, Finanzen bei Jugendlichen und Budget nach der Pensionierung. Bevor sie bei Movis arbeitete, war sie in der Bewährungshilfe tätig, wirkte beim Aufbau einer Sozialberatung für arbeitslose Menschen mit und beriet psychisch- und alkoholkranke Menschen.

Lehre bestehen wollte. Aber der Lehrlingslohn reichte nicht, um eine eigene Wohnung zu bezahlen. Ich habe darauf mit der Firma gesprochen. Das war eine grössere Firma. Ich habe versucht, aufzuzeigen, wie wichtig es ist, dass sie von zuhause weg kann. Es wäre zwar möglich, den Sozialdienst einzuschalten, aber es könnte einige Zeit dauern, bis alle Formalitäten erledigt wären. Es ging um eine Zeit bis zum Abschluss der Lehre, also um ein halbes Jahr. Im Gespräch haben wir uns schliesslich darauf geeinigt, dass die Firma dem Mädchen ein «Geschenk» macht und die Miete eines Studios bis zum Abschluss der Lehre übernimmt. Dies, weil sie im Betrieb geschätzt wurde und man so eine Unterstützung durch den Sozialdienst vermeiden konnte. Das hat mich doch sehr gefreut.

Können Sie sich an eine extrem herausfordernde Situation erinnern?
Ja, ich erinnere mich an eine Mobbing-Abklärung in einem Unternehmen. Das habe ich als sehr schwierig und herausfordernd empfunden. Ich hatte mit beiden Parteien ein Gespräch, also mit dem (vermeintlichen) "Täter" und mit dem "Opfer". Da habe ich gemerkt, wie schwierig das ist. Gewisse Punkte konnte ich bei beiden Personen gut verstehen. Ich fühlte mich ein wenig – unglücklich. Weil ich nicht genau sagen konnte: was ist richtig, was ist falsch? Ich habe realisiert, dass ich mich in diesem Bereich weiterbilden müsste, um mehr Bodenhaftung zu bekommen. Obwohl ich nun schon so lange hier tätig bin und schon so vieles erlebt habe.

"Wir sollten es nicht damit übertreiben, alles wissenschaftlich erklären zu wollen"

Tanja Janowsky hat ihren Arbeitsort mitten im Zentrum von Bern. © sozialinfo.ch

Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir konnten die Situation schliesslich klären. Ich habe ja Zugriff auf ein grosses Netz an Fachleuten hier bei Movis, die ich beiziehen oder fragen kann. Es ging mehr um mein persönliches Empfinden. Ich hatte Mühe mit dem urteilenden Aspekt in diesem Fall. Ich habe gemerkt: das ist wahrscheinlich ein Thema, das mir nicht so liegt und in dem ich noch nicht so viel Erfahrung habe.

Sie haben viele Weiterbildungen absolviert, vor allem in der Beratung.
Gerade in der betrieblichen Sozialberatung ist die Beratung ja wirklich unser "Tool". Ich finde Weiterbildungen wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern und um etwas aus verschiedenen Perspektiven anschauen zu können. Unsere Hauptaufgabe ist die Arbeit mit Menschen und Menschen entwickeln sich. Diesen Anspruch habe ich: ich möchte "Up-to-date" sein. Es muss nicht jedes Jahr sein. Ich hatte auch immer wieder eine Pause, in der ich fand: "Ich mache nie wieder eine Weiterbildung" (lacht). Weil die zum Teil sehr anspruchsvoll sind. Aber durch diese Weiterbildungen hat sich mein Arbeitsstil in den letzten 20 Jahren sehr verändert. Hätte ich zum Beispiel die lösungsorientierte Weiterbildung nicht absolviert, würde ich heute wahrscheinlich anders arbeiten.

Glauben Sie, dass die Ausbildung zur Sozialarbeit eigentlich nicht ausreicht?
Es ist sicher ein gutes Fundament. Ich würde es mit Autofahren vergleichen. Wer die Prüfung absolviert hat, kann zwar fahren. Aber es ist noch anstrengend und man muss üben üben… Auf jeden Fall reicht die Grundausbildung, um mit Arbeiten beginnen zu können. Aber ich bin der Meinung, dass man sich weiterbilden muss. Das ist jedoch sehr individuell. Welche Weiterbildung sinnvoll ist, hängt sehr davon ab, wo ich arbeite.

Hat es einmal eine Situation gegeben, in der Sie alles, was Sie in der Ausbildung gelernt haben, am liebsten über Bord geworfen und nur nach Ihrem Gefühl gehandelt hätten?
Ich glaube, solche Momente habe ich eher noch zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn gekannt. Aber heute, nach all diesen Jahren, verfliesst alles ein wenig. Das lösungsorientierte Denken ist bei mir sehr "drin". Das tönt vielleicht furchtbar – aber das ist ein Teil meiner Persönlichkeit geworden. Und ganz vieles, das ich gelernt habe, hilft mir, mich besser abzugrenzen. Das finde ich wichtig in unserem Job. Und jene Dinge, die ich in der Ausbildung nicht gut fand, habe ich nicht übernommen. Voilà. Es ist nicht immer alles gut in Aus- oder Weiterbildungen.


Wie sehen Sie grundsätzlich das Verhältnis zwischen methodischem Handeln und Intuition?
Ich finde Intuition sehr wichtig und etwas, das es ernst zu nehmen gilt. Aufgrund von meiner Intuition kann ich wählen, welche Methode ich brauche oder die Methode mit einem intuitiven Gefühl überprüfen. Intuition hat für mich auch mit Wissen zu tun. Nicht das Wissen da vorne (greift sich an den Kopf), sondern Wissen im Bauch. Das ist für mich etwas Elementares, wenn man mit Menschen arbeitet.
 

Als Ausgleich zum Beruf ist Tanja Janowsky Bewegung wichtig. © sozialinfo.ch

Was hilft Ihnen bei der Bewältigung von schwierigen Situationen?
Ich glaube, es gibt nicht einen entscheidenden Faktor. Es ist eine Kombination von vielen Dingen. Methoden sind für mich eher ein Mittel zum Zweck. Ganz wichtig ist die Unterstützung aus meinem Umfeld, sei das mein privates Umfeld, seien das meine Vorgesetzten oder meine Arbeitskolleginnen. Es ist wichtig, mit beiden Beinen im Leben zu stehen, auch wenn man vielleicht noch nicht viel Lebenserfahrung hat. Weiter ist ein Gespür für Menschen elementar: Was kann diese Person, was möchte sie? Meine Arbeit besteht aus sehr viel Kopfarbeit, und ich sitze sehr viel, da ist es für mich wichtig, daneben den Körper zu fordern. Wenn ich eine schwierige Situation habe und nachher ins Training gehe, tut mir das wirklich gut.

Wie gelingt es Ihnen, Privates und Berufliches zu trennen?
Grundsätzlich habe ich das mehr oder weniger im Griff. Mein Privatleben ist mir sehr wichtig. Das ist vielleicht auch ein Grund, weshalb ich mich nie für eine Karriere im Sozialbereich interessiert habe. Ich möchte meine achteinhalb Stunden arbeiten und danach nach Hause gehen. Klar, es gibt KlientInnen oder Geschichten, die mich berühren und mich auch nach der Arbeitszeit beschäftigen. Es ist mir wichtig, dass ich in meinem privaten Umfeld Leute habe, mit denen ich über meine Gefühle und Situationen sprechen kann, natürlich ohne Namen zu nennen. Wenn uns etwas sehr beschäftigt, können wir dies bei Movis auch in die Supervision einbringen oder Einzelsupervision beantragen.

Zum Stichwort Digitalisierung: Diese nimmt ein immer grösseres Ausmass an im Arbeitsalltag. Können Sie sich vorstellen, dass ein Computer einmal Ihre Arbeit übernimmt?
Also, dass der Computer meine Arbeit erledigt? Das will ich schon gar nicht! (lacht) Ja, ich bekomme das sehr gut mit, wenn ich überlege, wie es gewesen ist, als ich als Sozialarbeiterin angefangen habe, und wie das heute ist. Zu Beginn hat es gar keinen Computer gegeben und heute nimmt er einen Riesenplatz ein. Ich bin skeptisch und finde nicht einfach alles toll. Ein Beispiel: Ich war einmal an ein Gespräch in ein Unternehmen. Ein Vorgesetzter und eine Personalverantwortliche sassen vor ihren Laptops und tippten während des Gesprächs laufend in ihre Computer. Der Klient war nicht dabei, zum Glück. Da fehlt mir ein wenig die Wertschätzung für den Menschen. Aber das kommt immer mehr. Gerade wenn ein Unternehmen völlig auf papierlos umstellt. Ich weiss nicht, ob es gute Dinge gibt, die der Computer abnehmen könnte. Ja, wenn er eine Steuererklärung für einen Klienten ausfüllt, wäre ich froh. Aber alles andere, bei dem es um die persönliche Geschichte des Klienten geht, da finde ich: nein, das muss von uns Fachleuten erledigt werden.  

Abgesehen von diesen Entwicklungen, stellen Sie noch einen weiteren Wandel in Ihrem Beruf fest?
Früher war man noch sehr altruistisch unterwegs. Heute kommen die Unternehmen und ihr Leitungspersonal zum Teil schon sehr geschäftsmässig daher. Aber auch das Berufsverständnis hat sich geändert. Früher hat man gedacht: "Die plaudern einfach mal mit den Leuten. Das ist doch nett". Heute gilt es, klare Ziele zu erfüllen. Als ich angefangen habe, da gab es nach meinem Empfinden sozusagen keine Formulare. Computerprogramme sowieso nicht. Datenschutz? Gab es nicht. Das ist nach meinem Empfinden eine grosse Veränderung.

Ist das eine positive Entwicklung?
Ich finde es positiv, dass man erklären und nachweisen kann: Das wollten wir, das haben wir erreicht. Aber wir müssen aufpassen, dass das Pendel nicht in die andere Richtung ausschlägt und wir den Menschen dabei vergessen. Dies müssen wir im Auge behalten.

Wie gelingt Ihnen das?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, wir sollten es nicht damit übertreiben, alles wissenschaftlich erklären zu wollen. Das sollte auch in der Ausbildung oder in der Weiterbildung thematisiert werden: "Was haben wir für ein Menschenbild? Welche Rolle spielt Intuition?" Das kommt mir im Moment dazu in den Sinn.

"Ein wenig mehr Macht zu haben, wäre manchmal nicht schlecht"

Wenn Sie nicht Sozialarbeiterin geworden wären, welchen Beruf hätten Sie gewählt?
Bevor ich mich entschieden habe, die Ausbildung als Sozialarbeiterin zu machen, war ich in einem Unternehmen tätig, das mir anbot, die Ausbildung zur Personalfachfrau zu finanzieren. Ich war an einem Punkt, an dem ich mich zwischen Sozialarbeiterin oder Personalfachfrau entscheiden wollte und ich habe mich für Sozialarbeit entschieden. Im nächsten Leben würde ich wohl anders entscheiden. A, weil ich mehr verdienen würde, und B, weil ich mehr Macht hätte.

Mehr Macht?
Wenn ich als Sozialarbeiterin mit Firmen oder Unternehmen zusammen arbeite, kann ich nur Empfehlungen geben. Aber am Ende entscheidet die Personalfachfrau. Ein wenig mehr Macht zu haben, wäre manchmal gar nicht schlecht. Und sonst, wenn das nichts geworden wäre, hätte ich einen Beruf gewählt, der mit Bewegung zu tun hat.

Was zum Beispiel?
Ich tanze Afro. Meine Mutter hat eine Afrotanzschule geleitet und ich bin mit damit aufgewachsen. Oder Yoga, Velofahren, Wandern. Ich könnte mir vorstellen – was auch immer – etwas mit Bewegung – und mit Menschen. Menschen sind schon immer ein Thema.



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