Inhalt - Interview Jonas Aebischer

Jonas Aebischer, Übergangszentrum Halle 9: „Manchmal vergesse ich die Verantwortung,
welche ich tagtäglich trage“

Interview, 5.12.2017/ Lena Ruth (Text), Regine Strub (Fotos)

 



Jonas Aebischer

Jonas Aebischer, Halle 9; © sozialinfo.ch

 

Jonas Aebischer (39) ist Leiter der Halle 9, einem Übergangszentrum für Asylsuchende in Zürich Oerlikon. Seine Hauptaufgabe sieht er klar in der personellen und fachlichen Führung der Mitarbeitenden. Auch wenn er grundsätzlich keine direkte Klientenbetreuung übernimmt, ist er stets nahe dran, da sein Büro direkt hinter dem Empfangsschalter liegt. In seiner Position trägt er eine grosse Verantwortung und muss vielen Ansprüchen gerecht werden, doch Jonas Aebischer ist mit Herzblut dabei und würde die Stelle jederzeit wieder antreten.

Lena Ruth/sozialinfo.ch: Herr Aebischer, was ist das erste, was Sie morgens bei der Arbeit tun?
Was ich als erstes tue, und das bereits zu Hause oder auf dem Arbeitsweg, ist das Lesen der Emails. Ich arbeite nicht 24 Stunden auf Abruf, aber ich habe doch die Gesamtverantwortung und falls etwas geschieht, muss ich den Kopf hinhalten. Entsprechend ist es mir ein Anliegen, auf dem Laufenden zu sein und beispielsweise über einen Vorfall in der Nacht frühzeitig informiert zu sein.
Nach dem Eintreffen in der Halle 9 lese ich dann das Teamjournal und spreche kurz mit den Mitarbeitenden, denn es ist mir wichtig zu wissen, wie es ihnen und den Asylsuchenden geht. Danach ziehe ich mich zurück, starte den Computer und beginne, eins ums andere abzuarbeiten. 

  • Die Halle 9 ähnelt von aussen einer Fabrikhalle und innen wurde mit den Holzhäuschen quasi ein Indoor-Hüttendorf erstellt. Wie ist es für die Menschen hier zu leben?
    Den Begriff „Dorf“ finde ich eigentlich sehr angenehm und er zeigt ziemlich genau auf, was es ist und wie es gelebt wird. Durch die Durchmischung von verschiedenen Altersgruppen wie Teenagern, schwangeren Frauen oder älteren Paaren, entsteht eine natürliche Selbstregulation in diesem Hallen-Dorf. Die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) etwa nehmen Rücksicht auf schlafende Kinder und verhalten sich dadurch ruhig und respektvoll. Oder eine Frau mit einem Neugeborenen erhält hilfreiche Tipps von einer Asylsuchenden, die selber schon drei Kinder hat und einen grossen Erfahrungsschatz mitbringt.
    Wie es für die Asylsuchenden ist, hier zu leben, ist für mich jedoch sehr schwierig zu sagen. Soweit ich das aus Rückmeldungen beurteilen kann, ist das Spektrum sehr gross. Es gibt Klientinnen und Klienten, welche die Umstände hier als kaum aushaltbar empfinden, bis hin zu denjenigen, die wirklich gerne hier sind und sogar Transfermöglichkeiten in andere Unterkünfte ausschlagen.

    Zurzeit ist es auffallend ruhig. Ich nehme an, es ist nicht immer so?

    Morgens ist es oft ruhig, da die meisten Asylsuchenden eine Tagesstruktur haben. Sie besuchen Deutschkurse, verrichten gemeinnützige Arbeit oder sind anderweitig

  • Jonas Aebischer (39) ist gelernter Sozialpädagoge (FH) und arbeitet zu 80% als Leiter der Halle 9 in Zürich Oerlikon. Als gelernter Innendekorateur absolvierte er nach der Berufsmatura das Studium zum Sozialpädagogen an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel. Anschliessend war er mehrere Jahre im stationären Suchtbereich tätig und erlangte das CAS Zertifikat Praxisausbildung. Als Leiter der Halle 9, einem Übergangszentrum für Asylsuchende der Zürcher Fachorganisation AOZ, ist Jonas Aebischer seit der Eröffnung im Januar 2016 tätig. Um seine Führungsposition fachlich zu festigen, besucht er seit kurzem den CAS-Lehrgang Führung und Zusammenarbeit in Non-Profit-Organisationen.


    Die Halle 9 ist ein Übergangszentrum für Asylsuchende in Zürich Oerlikon. Sie wird durch die Zürcher Fachorganisation AOZ geführt und ist seit Januar 2016 in Betrieb. Die Halle 9 bietet Platz für bis zu 250 Personen, darunter Männer, Frauen, Familien und unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen an Deutschförderangeboten und Beschäftigungsprogrammen teil und die schulpflichtigen Kinder besuchen die öffentlichen Schulen im Quartier. Die vorgesehene Betriebsdauer der Halle 9 beträgt rund drei Jahre. Ziel ist, die im Übergangszentrum wohnhaften Personen innerhalb einiger Monate in anderen Unterkünften in der Stadt Zürich unterzubringen. 

beschäftigt und die Kinder gehen in die Schule. Gegen Abend kehren die Bewohner dann zurück und es wird langsam lebendig. Dann wird geschwatzt, gekocht und Musik gehört. Einige sehen hier vorne fern, spielen Pingpong oder legen sich einfach mal aufs Bett.

An einem Anschlagbrett werden verschiedenste Aktivitäten angeboten und wir sitzen vor einem Spielwagen für die Kinder. Wer bietet diese Angebote an?
Das sind rund 20 Privatpersonen, welche sich hier freiwillig engagieren. Sie kommen regelmässig in die Halle und bieten unter anderem Spielangebote für die Kinder an. Nicht nur zur Entlastung der Eltern, sondern um mit den Kindern pädagogisch und lehrreich zu spielen. Sie unterstützen zudem die Bewohner beim Deutsch lernen und machen individuelle Begleitungen. Auch Vereine und gemeinnützige Organisationen bieten Aktivitäten an, wie Joggen, Fussball spielen oder Schwimmen gehen. Es gibt viele solche Angebote, welche von den Asylsuchenden gerne genutzt werden.

Die Halle 9; ein "Indoor-Hüttendorf"

Die Halle 9; ein "Indoor-Hüttendorf". © sozialinfo.ch

Auf der einen Seite der Halle 9 befindet sich das Messegelände, auf der anderen grenzt sie an ein Wohngebiet. Welche Berührungspunkte existieren im Quartier?
Viele Berührungspunkte finden mit Vertreterinnen und Vertretern von Institutionen, wie beispielsweise der Jugendarbeit, verschiedenen Glaubensgemeinschaften oder Quartiervereinen statt.
Zudem haben Studierende der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK verschiedene Projekte realisiert. Gemeinsam mit Asylsuchenden der Halle und Quartieranwohnern riefen sie etwa ein Gartenprojekt ins Leben. Als die Studierenden in der Nachbarschaft Interessierte für das Projekt suchten, stellte sich heraus, dass der Grossteil der Anwohnenden überhaupt nicht wusste, dass hier eine Asylunterkunft ist. Das kann natürlich positiv sein im Sinne von „wow,

wir machen das super und die Asylsuchenden verhalten sich anständig“ oder es kann bedeuten, dass die Asylsuchenden zu isoliert sind und gar nicht wahrgenommen werden.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den Anwohnerinnen und Anwohnern?
Viele gute Erfahrungen, egal was für Rückmeldungen kommen. Es rufen beispielsweise Anwohner an, weil es ihnen zu laut ist. Wir suchen dann das Gespräch mit ihnen, ohne die Lage zu beschönigen und tun, was wir können, um die Situation zu verbessern und für Ruhe zu sorgen.
Oder es kommt eine kritische Bürgerin rein und sagt, sie wolle jetzt mal sehen, wo die Steuergelder hinfliessen. Ich zeige ihr dann kurz die Halle und erkläre, was wir hier machen. Sie erhält einen Eindruck von der Halle 9, es ergibt sich ein spannendes Gespräch und am Ende sind beide Seiten für den Moment zufrieden.

„Es muss transparent sein, wie viel Geld die Asylsuchenden erhalten, wie zufrieden sie sind oder woher sie ihre teuren Turnschuhe haben.“

Das macht den Eindruck, als bemühen Sie sich sehr um einen offenen Dialog?
Ich finde es wichtig, dass diese Diskussionen stattfinden und dass die Informationen fliessen und zugänglich sind. Es muss transparent sein, wie viel Geld die Asylsuchenden erhalten, wie zufrieden sie sind oder woher sie ihre teuren Turnschuhe haben. Dabei dürfen die Menschen selbst aber nicht vergessen werden. Warum also fragt man die Flüchtlinge nicht selbst?

Aus wie vielen Mitarbeitenden besteht Ihr Team und welche Ausbildungen haben sie?
Das Team besteht aus ungefähr 15 Mitarbeitenden und 5 Aushilfen. Die Zusammensetzung ist sehr gemischt, jeder bringt etwas anderes mit. Nebst mir arbeiten hier zwei Sozialpädagogen, welche spezifisch für die Begleitung und Betreuung der minderjährigen unbegleiteten Asylsuchenden (UMA) und der Familien angestellt wurden. Damit wird die fachliche Begleitung der besonders verletzlichen Gruppen sichergestellt. Das heisst natürlich nicht, dass ein allein reisender Mann nicht auch das Anrecht auf eine gute Betreuung hat, aber es ist auch eine Frage des Geldes.
Nebst den Sozialpädagogen arbeiten hier unterschiedliche Berufsleute wie Schreiner, Flight Attendant oder Ethnologinnen. Uns ist aber wichtig, dass die Mitarbeitenden eine abgeschlossene Ausbildung und eine Eignung für die Betreuungsarbeit mitbringen.

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich aus den unterschiedlichen beruflichen Hintergründen der Mitarbeitenden?
Es ist bestimmt etwas anders, als mit einem reinen Sozialpädagogenteam zu arbeiten. An Teamsitzungen kann ich natürlich nicht nur mit Fachbegriffen und Methoden der Sozialen Arbeit um mich werfen. Aber ich habe einige Mitarbeitende mit Migrationshintergrund im Team und die Vorteile liegen da klar auf der Hand: die unterschiedlichen Sprachen. Bei uns arbeiten Eritreer, Irakerinnen, Afghanen, Kurdinnen, Menschen aus verschiedenen Ländern des Balkanraums und aus unterschiedlichen arabisch sprechenden Ländern. Zudem sprechen alle Mitarbeitenden Deutsch, meist noch Englisch, Französisch oder weitere Sprachen. Damit decken wir wirklich fast alle hier gesprochenen Sprachen ab. Wenn ich beispielsweise ein schwieriges Gespräch mit einer Klientin oder einem Klienten habe, ziehe ich oftmals einen Mitarbeiter mit den entsprechenden Sprachkenntnissen hinzu und muss keinen teuren professionellen Dolmetscher engagieren.

Entstehen daraus auch Nachteile?
Wenn beispielsweise ein eritreischer Mitarbeiter einem Landsmann die Regeln aufzeigen oder auch mal unangenehm sein und jemanden ein Hausverbot aufbrummen muss, dann gilt er für manche Landsleute als Verräter und bekommt so einiges zu hören. Dies ist für den betreffenden Mitarbeiter unglaublich schwierig auszuhalten. Dann ist es wichtig, beiden Seiten mit Fachlichkeit zu begegnen und Gesprächsoffenheit zu signalisieren.

Gab es während Ihrer Arbeit in der Halle 9 Situationen, wo Sie an Ihre Grenzen gestossen sind?
Ganz zu Beginn war die Geschwindigkeit, mit welcher die Halle 9 aufgebaut und bereitgestellt werden musste, eine grosse Herausforderung. Ende 2015 stieg die Zahl Asylsuchender in der Schweiz rasant an und die AOZ musste unglaublich schnell Lösungen suchen und umsetzen. Es blieb nicht lange Zeit, um eine geeignete Unterkunft zu suchen und dann zeigte sich, dass die geplanten Better Shelter-Zelte die Brandschutzbestimmungen nicht erfüllten. Somit musste zwischen Weihnachten und Neujahr kurzerhand eine neue Lösung gefunden werden. 

„Wir konnten ja nicht sagen, „sorry wir sind noch nicht fertig, wir müssen noch das Konzept schreiben oder den Teppich verlegen“.“

Wie ging es weiter?
Das erste halbe Jahr lief dann etwa gleich turbulent weiter. Die Asylsuchenden waren da und wir noch nicht richtig parat. Wir konnten ja nicht sagen, „sorry wir sind noch nicht fertig, wir müssen noch das Konzept schreiben oder den Teppich verlegen.“ Das war eine riesige Herausforderung und ein taffer Einstieg für alle. Aber nach einem halben Jahr pendelte es sich langsam ein, das Team hat sich eingespielt und jetzt kann man wirklich sagen, dass der Normalbetrieb eingekehrt ist.

Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen jetzt im Normalbetrieb?

Jetzt stossen wir hauptsächlich bei den Asylgesuchen und den darauffolgenden Entscheidungen an unsere Grenzen. Denn in Verfahrensfragen haben wir überhaupt keinen Einfluss. Wir können den Asylsuchenden lediglich ihre Rechte aufzeigen und ihnen darlegen, wie sie vorgehen können. Dort komme ich mir oftmals schon ausgeliefert vor, weil ich gar nichts beeinflussen kann. Auch müssen wir den Klienten immer wieder erklären, warum wir, die so nahe an ihnen dran sind, in dieser Sache nichts zu sagen haben. Angestellte des Staatssekretariats für Migration führen mit ihnen ein Interview und fällen anschliessend die Entscheidung. Die eine Person darf bleiben und die andere aus demselben Land muss die Schweiz wieder verlassen. Das ist für die Asylsuchenden oftmals überhaupt nicht nachvollziehbar und erscheint total willkürlich. Da ist sehr viel Erklärungsbedarf vorhanden und das ist eine ziemliche Herausforderung. Gerade bei diesen Diskussionen und Entscheiden ist es wichtig, genügend Distanz zu den Klientinnen und Klienten zu wahren.

Studierende der ZHdK haben diesen Stadtplan mit dazugehöriger App entworfen. © sozialinfo.ch

Gelingt Ihnen das?
Mir persönlich sehr gut. Da bringe ich genügend Erfahrung mit, um diese Grenze zu wahren. Bei den Mitarbeitenden gelingt es den einen besser und anderen weniger gut, das ist sehr unterschiedlich. Es fliesst schon mal eine Träne, wenn eine Familie mit Kindern gehen muss. Aber das ist ja auch menschlich.

Wann sind Sie zuletzt vor Freude in die Luft gesprungen?
Es gibt jeden Tag Momente, welche mir grosse Freude bereiten. Wenn mich Klienten im Vorbeigehen auf Deutsch grüssen und ein paar Sätze austauschen können, dann denke ich, „wow, nicht nur wir leisten gute Arbeit, sondern auch die Asylsuchenden leisten enorm viel und sprechen in so kurzer Zeit schon gut Deutsch“. Oder wenn ich die Kinder hier herumtollen sehe, völlig glücklich und im Moment vergessend, was alles geschehen ist. Oder wenn jemand herzhaft lacht, dann lache ich im Stillen mit. Das sind so die kleinen Momente im Alltag, in denen ich zwar nicht gerade in die Luft springe, aber grosse Freude empfinde. 

Wann haben oder hätten Sie das letzte Mal am liebsten auf institutionelle Vorgaben oder methodische Grundsätze gepfiffen?
Ich denke niemand schafft es, stets ein hohes Level an perfektionistischer Fachlichkeit aufrecht zu erhalten. Aber ich kann es mir fast nicht erlauben, da ich schon eine Vorbildrolle einnehme.
Manchmal jedoch duze ich die Asylsuchenden, obwohl wir die Vorgabe haben, alle zu siezen. Ich finde das Siezen fachlich gesehen absolut sinnvoll, kenne es von früheren Stellen nicht anders und setze es auch fast immer um. Es gibt aber Situationen, in denen ich finde, dass es gerade nicht so wichtig oder hilfreich ist. Wenn ich mit bestimmten Klienten versuche, eine fachliche Beziehung aufzubauen, ist es manchmal einfach hilfreich, sich mal zu duzen. Gerade in schwierigen Situationen oder Gesprächen fällt das Gesagte auf einen anderen Boden, wenn ich „du“ sagen kann, ohne dass ich dabei an Fachlichkeit verliere. 

„Wir sind diejenigen an der Front, welche ihnen erklären, was das Volk entschieden hat.“

Sie arbeiten in einem politisch vieldebattierten Bereich. Wie wirkt sich das aktuelle Klima in der Flüchtlingspolitik auf Ihre Arbeit aus?
Hier in der Halle bekommen wir relativ wenig davon mit. Aber klar, wenn die soeben stattgefundene Abstimmung in Kraft tritt und den Asylsuchenden mit F Ausweis das Sozialgeld gekürzt wird, dann spüren das alle hier in der Halle ganz direkt. In erster Linie natürlich die Asylsuchenden selbst, aber auch wir werden dann mit Fragen konfrontiert, denn wir sind diejenigen an der Front, welche ihnen erklären, was das Volk entschieden hat.

Inwiefern hat Sie Ihre Ausbildung auf diese Arbeit vorbereitet?
Das ist noch schwierig zu sagen. Die Ausbildung zum Sozialpädagogen hat mich nicht spezifisch auf eine Leitungsposition vorbereitet. Jedoch sind es Haltungen, die man sich dort aneignet und an die eigenen Mitarbeitenden weitergeben kann. Die Ausbildung gibt bestimmt einen guten fachlichen Boden. Für die effektiven Führungsaufgaben war die Weiterbildung zum Praxisanleiter sehr hilfreich. Dort lernte ich viel in Bezug auf das Anleiten von Personen oder zu inhaltlichen Themen wie dem Arbeitsrecht. Auch die CAS Weiterbildung Führung und Zusammenarbeit in Non-Profit-Organisationen, welche ich soeben gestartet habe, bringt mir in Bezug auf meine Führungsposition sehr viel. Ich finde es auch nicht dramatisch, dass ich zuerst in die Leitungsposition eingestiegen bin und mir erst jetzt das Fachwissen dazu aneigne. Es zeigt mir vielmehr auf, was ich bereits sehr gut und was noch weniger gut gemacht habe, was ich also noch verändern und anpassen muss. Das bringt mir sehr viel.

Was ist das Besondere an Ihrer jetzigen Position?
Die Perspektive ist jetzt schon eine andere. Ich habe das Gefühl, ich bin ein bisschen weiter oben, nicht nur hierarchisch gesehen, sondern ich muss wirklich mehr den Überblick haben. Ich habe auch jetzt noch eine Vorgesetzte, jedoch hatte ich ausser Auszubildenden noch nie Mitarbeitende unter mir. Das ist eine spezielle Erfahrung für mich und an diese Rolle musste ich mich zuerst gewöhnen und sie auch einnehmen.

"Ich bin beruflich angekommen und fühle mich sehr wohl." © sozialinfo.ch

Welchen Ansprüchen müssen Sie in dieser Rolle gerecht werden?
In meiner jetzigen Position erhalte ich übergeordnete Ziele von der Geschäftsleitung, welche ich umsetzen muss und es kommen Bedürfnisse und Kritik von den Asylsuchenden, den Mitarbeitenden und aus der Gesellschaft, welche ich wiederum verarbeiten muss. Es ist anspruchsvoll, allen gerecht zu werden und stets eine gewisse Fachlichkeit und einen gewissen Standard aufrecht zu erhalten, den Überblick zu haben und alles zu managen. Das ist für mich schon völlig neu. 

Das hört sich nach viel Druck und Verantwortung an.
Es ist schon relativ viel Druck, welcher auf mich zukommt. Ganz zu Beginn, ich glaube es war im März 2016, da gab es eine grosse Auseinandersetzung hier in der Halle, welche einen grossen Polizeieinsatz mit sich brachte. Auch TeleZüri war sofort zur Stelle und dann wurde ich mit Fragen bombardiert. Das war schon so ein Moment, in dem ich am liebsten den Kopf in den Sand gesteckt hätte und dachte, muss das jetzt wirklich sein?! Manchmal vergesse ich die Verantwortung, welche ich tagtäglich trage. Solange es gut läuft, spüre ich diese nicht so stark, wenn aber mal etwas vorfällt denke ich dann schon, „uff, das muss ich jetzt gut anpacken“.

Wie gehen Sie damit um?
Ich kann gut abschalten. Ich kann mich in der Freizeit gut erholen und bin viel draussen. Sobald ich hier das Haus verlasse bin ich einfach der private Jonas, der Familienvater, Partner, Liebhaber und Kollege. Ich habe einen kleinen Sohn, den ich über alles liebe. Aber meine Partnerin ist auch zu 80 Prozent berufstätig und nach der Arbeit geht’s gleich weiter mit einkaufen, kochen, gemeinsamem Abendessen und das Kind ins Bett bringen. Das sind schon lange Tage von der ersten Sitzung morgens bis abends, wenn der Kleine im Bett ist. Aber es hilft natürlich auch. Dadurch lenke ich mich von der Arbeit ab und das funktioniert super bis jetzt.

„Sobald ich hier das Haus verlasse bin ich einfach der private Jonas, der Familienvater, Partner, Liebhaber und Kollege.“

Würden Sie diese Stelle nochmals antreten?
Ich würde es jederzeit wieder tun! Klar, bevor ich diese Stelle angetreten habe, hatte ich grossen Respekt davor. 250 Asylsuchende, ein neues Arbeitsfeld, eine neue Rolle. Aber ich schätzte das Vertrauen, welches mir entgegengebracht wurde und die Zuversicht, dass ich das kann.

Was müsste geschehen, damit Sie und Ihre Arbeit überflüssig würden?
(Lacht) Ja das ist so der Klassiker… Klar wäre es besser, wenn es uns nicht brauchen würde und niemand flüchten müsste. Aber das ist ja nicht realistisch.
Heruntergebrochen auf Zürich und auf die Halle 9 als temporäre Unterkunft ist es das Ziel, alle Asylsuchenden aus der Halle künftig möglichst in gewöhnlichen Wohnungen in der Stadt Zürich unterzubringen. Das wäre super. Dann braucht es uns nicht mehr, für uns ist das zwar blöd, wir sind traurig und haben den Job verloren, aber das ist das Ziel. Es ist und bleibt ein Übergangszentrum und jeden Moment kann es heissen, in einem halben Jahr wird die Halle geschlossen. Dennoch sind alle motiviert im Team und machen ihre Arbeit wirklich gerne.

Wie lange werden Sie diese Arbeit noch ausüben?
Solange es mich braucht. Solange die Halle als temporäre Unterkunft noch benötigt wird, solange möchte ich hier die Leitung haben. Ich bin auch nicht abgeneigt, nach der Schliessung die Leitung in einer anderen Unterkunft zu übernehmen. Ich könnte mir auch vorstellen, vermehrt Workshops zu leiten oder gemeinsam mit Freiwilligen, Schulen oder Studierenden Projekte zu realisieren. Ich bin beruflich angekommen und fühle mich sehr wohl. 

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