Inhalt - Gewalt an Frauen (10/2018)

Gewalt an Frauen - keine Zunahme, aber mehr Beachtung

03.10.2018/stl

 



Derzeit wird das Thema Gewalt an Frauen medial breit diskutiert. Wer die Debatte verfolgt, bekommt den Eindruck, die Schweiz habe ein Problem mit Gewalt gegen Frauen. Dem sei nicht so, sagen Fachleute. Aber das Thema werde nun viel breiter diskutiert. Was gut sei, denn jedes Opfer sei eines zu viel.

Die IG Pallas bietet Frauen Weiterbildungen zu Selbstverteidigung an; © IG Pallas

Manchmal wollen Zahlen und die subjektive Wahrnehmung einfach nicht zusammenpassen. So zum Beispiel jetzt, wo in den Medien fast täglich über Gewalt an Frauen im öffentlichen Raum berichtet wird. Auslöser dafür war die brutale Attacke auf fünf Frauen in Genf. Diese wurden Anfang August im Ausgang von einer Gruppe junger Männer zusammengeschlagen. Zwei der Frauen wurden dabei schwer verletzt, eine lag während mehr als einer Woche im Koma. Die Empörung hierzulande war – und ist es immer noch – gross. Es wurden Leserbriefe geschrieben, Demonstrationen organisiert und Gesetzesverschärfungen gefordert. Es folgten weitere Berichte über eine zweifache Mutter, die in Zürich nach der Street Parade von drei Männern spitalreif geschlagen wurde, erst Mitte September wurden im Zürcher Niederdorf drei Frauen von einer Gruppe Männer angegriffen und verletzt. Und in den Sozialen Medien teilen Betroffene ihre teils verstörenden Erlebnisse.

  • Wer die Debatte verfolgt, erhält den Eindruck, dass es hierzulande für Frauen immer gefährlicher wird, abends und nachts unterwegs zu sein. Kein Wunder also, sind junge Frauen verunsichert, fragen sich, was sie noch unternehmen können, ohne Gefahr zu laufen, selber Opfer von Gewalt zu werden. Dem gegenüber stehen die Zahlen der schweizerischen Kriminalstatistik: Diese zeigen, dass Gewaltstraftaten gegenüber Frauen im öffentlichen Raum in den letzten zehn Jahren nicht zugenommen haben. Gemäss Statistik machen Frauen den kleineren Teil der Opfer von Gewalttaten aus, gut 70 Prozent der Opfer sind noch immer männliche. Eine Zahl, die in den letzten Jahren konstant geblieben ist.

    Was ist nun richtig? Die Statistik? Das Bild, das von den Medien vermittelt wird? Oder das eigene Bauchgefühl? Wir haben Fachleute, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit dem Thema Gewalt befassen, nach ihrer Einschätzung gefragt.

  • IG Pallas weiter im Hoch

    Seit nunmehr 25 Jahren bietet die IG Pallas in der ganzen Schweiz Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Frauen an. Für ihr Engagement erhielt die IG Pallas diesen Juni den mit 5000 Franken dotierten Prix sozialinfo.ch, der erstmals vergeben wurde. Pallas-Präsidentin Silvia Bren bezeichnete den Preis damals als „regelrechten Segen“. Mit dem Geld werden Ausbildungsmodule für angehende Trainerinnen und Trainer aktualisiert, damit noch mehr Mädchen und Frauen in der Schweiz in den Genuss einer Selbstverteidigungsausbildung kommen. Der Preis habe der IG zusätzliche Aufmerksamkeit beschert, sagt Silvia Bren auf Anfrage. So sei nicht zuletzt der „Blick am Sonntag“ auf die Kurse aufmerksam geworden und habe ausführlich darüber berichtet.

    Unseren Bericht über die Gewinnerinnen des PRIX sozialinfo.ch finden Sie hier

Jedes Opfer ist eines zu viel

Bei der Kantonspolizei Zürich heisst es knapp und deutlich: In ihrer der täglichen Arbeit spiegelt sich die Statistik wider, eine Zunahme an Gewalt an Frauen im öffentlichen Raum sei nicht zu verzeichnen. Fälle wie jene in Genf und Zürich seien demnach nicht an der Tagesordnung. Rein Statistisch gesehen könne auch im Kanton Bern bezüglich Gewaltstraftaten gegen Frauen im öffentlichen Raum keine Zunahme festgestellt werden, schreibt die Kantonspolizei auf Anfrage. Die Zahl der Frauen, die im öffentlichen Raum von Gewalt betroffen waren, habe – wie im übrigen auch die Gesamtzahl der Gewaltstraftaten – im Jahr 2016 zwar etwas zugenommen, sei 2017 jedoch wieder auf den Durchschnitt der letzten gut zehn Jahre gesunken. Zahlen alleine zeichnen indes kein gesamtheitliches Bild. Darum hält die Kantonspolizei Bern eines ganz klar fest: „Gewalt zu erfahren, sie zu sehen oder auch nur davon zu hören, hat grosse Auswirkungen auf das individuelle Sicherheitsgefühl, weshalb jedes solche Delikt, unabhängig vom Geschlecht des Opfers, für uns eines zu viel ist.“ Aus diesem Grund hat die Kantonspolizei Bern im Frühling dieses Jahres „Gewalt im öffentlichen Raum“ auch als Schwerpunktthema definiert. Sie ist an neuralgischen Punkten vermehrt präsent, spricht Personen im Ausgang proaktiv an, sucht den Dialog, führt bei entsprechenden Verdachtsmomenten Personenkontrollen durch und ahndet Vorstösse konsequent. Gleichzeitig wird mit einer entsprechenden Kampagne für das Thema sensibilisiert

Ähnlich tönt es bei der Beratungsstelle Opferhilfe Bern. In den Opferhilfestellen in Bern und Biel habe bisher keine Zunahme von Gewalt an Frauen im öffentlichen Raum festgestellt werden können, schreibt Pia Altorfer von der Opferhilfe Bern auf Anfrage. Es könne jedoch davon ausgegangen werden, dass sich nicht alle Frauen, welche Gewalttaten erlebten, bei der Polizei oder der Opferhilfe meldeten. Angesichts dessen müsse davon ausgegangen werden, dass es eine Dunkelziffer von Fällen gibt, die nirgends erfasst seien. Gemäss Pia Altorfer von der Opferhilfe gibt es viele verschiedene Gründe, weshalb Betroffene nicht über das Geschehene sprechen oder gar Anzeige erstatten wollen. Da sei beispielsweise die Angst vor der Täterschaft, Schuldgefühle selber falsch reagiert zu haben oder auch Scham. Die Beratungsstelle zeige den Betroffenen jeweils die Vor- und Nachteile einer Anzeige auf. Und: „Wir versuchen zu zeigen, dass Gewalt gegen eine andere Person in keinem Fall akzeptierbar ist und ein Opfer niemals Schuld- und Schamgefühle haben muss.“

Eine neue Schwere der Delikte

Die Übergriffe in Genf und Zürich haben Silvia Bren, Präsidentin der Interessengemeinschaft Pallas, die seit 25 Jahren Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Frauen durchführt, erschüttert. „Hier haben wir ein ganz neues Mass an Gewalt erreicht“, sagt sie. Eines, das man in der Schweiz bisher nicht so stark gekannt habe. Es sei nicht so, dass Gewalt gegen Frauen ein neues Phänomen sei. Übergriffe von Männergruppen auf Frauen im öffentlichen Raum habe es hierzulande schon immer gegeben, aber eben nicht in dieser Schwere. Es sei also gut möglich, dass die Zahl der Gewalttaten an Frauen im öffentlichen Raum seit Jahren gleich bleibe, als positiven Zeichen kann dies Bren aber nicht werten. Sie geht davon aus, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. Von vielen Übergriffen erfahre die Öffentlichkeit gar nie etwas, weil sich die Opfer keine Hilfe suchten – nicht zuletzt aus Scham. Oder aber, weil der Übergriff als „zu wenig schlimm“ bewertet würde. Dabei sei das Empfinden jeder einzelnen Frau ganz unterschiedlich. Während die auf Betatschen durch Männer lediglich genervt reagierten, könne das bei anderen traumatische Folgen haben. Es sei daher wichtig, dass sich betroffene Frauen Hilfe holten. „Darüber reden hilft, um aus dieser Ohnmacht herauszukommen, das zeigt sich in unseren Kursen ganz deutlich.“ 

Gefahr in den eigenen vier Wänden ist viel grösser

Mike Mottl, Geschäftsleiter vom Mannebüro Züri, verurteilt die Vorfälle aus Genf und Zürich. „Was passiert ist, ist schlimm und darf nicht bagatellisiert werden.“ Es sei daher begrüssenswert, dass das Thema Gewalt nun so breit diskutiert werde. Und trotzdem steht er der Berichterstattung der letzten Wochen skeptisch gegenüber: „Man erhält den Eindruck, dass die Gewalt an Frauen von einem Tag auf den anderen stark zugenommen hat und sich Frauen nun nirgends mehr sicher fühlen können.“ Dem sei nicht so. Gewalt habe es immer schon gegeben, auch in dieser Form. Das Mannebüro Züri betreue bereits seit seiner Gründung 1989 Männer, die gewalttätig wurden, darunter auch solche, die „auf der Gasse“ zugeschlagen haben – ohne, dass gross davon in den Medien berichtet worden wäre. Mottl betont denn auch, dass Frauen nach wie vor in den eigenen vier Wänden am gefährdetsten seien. Denn obwohl häusliche Gewalt längst kein Tabu mehr ist, findet sie noch immer statt. Und hier ist die Statistik deutlich: Allein im Jahr 2016 registrierte die Polizei schweizweit 17‘685 Fälle von häuslicher Gewalt – in 88 Prozent der Fällen war die Frau das Opfer, nur gerade in 12 Prozent der Mann. Und auch hier muss davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffern viel höher ist. 



Warum werden Männer gewalttätig?

Nachdem in Genf und Zürich Frauen von Männergruppen angegriffen und teils schwer verletzt wurden, stellte sich die Frage nach den Tätern. In Genf seien es Franzosen „nordafrikanischen Aussehens“ gewesen, in Zürich drei Tamilen. Für viele Politikerinnen und Politiker war denn auch schnell klar, dass die Gewalt an Frauen mit der Einwanderung zusammenhängt. Für Mike Mottl greift die Theorie, wonach Täter aus patriarchalen Gesellschaften stammen, zu kurz. Bei seiner Arbeit als Männerberater zeige sich deutlich, dass verschiedene Faktoren dazu führen, dass Männer gewalttätig würden. Eine grosse Rolle spiele das junge Alter. Gerade in Gruppen möchten junge Männer wahrgenommen werden, sich vor den anderen behaupten. Stress, Unsicherheit und Überforderung seien weitere Faktoren, warum manche Männer gewalttätig werden. Der kulturelle Hintergrund könne eine Rolle spielen, aber keine entscheidende. Wenn Männer mit einem Migrationshintergrund gewalttätig würden, dann eher, weil sie aufgrund ihrer Situation unter grossem Stress stünden und nicht wegen ihrer Herkunft. „Das ist ein grosser Unterschied.“
Silvia Bren, Präsidentin der IG Pallas, glaubt auch, dass viele junge Männer gewalttätig werden, weil sie sich in der Gruppe beweisen müssten. „Sie stehen vielfach selbst unter enormem Druck.“ Aber auch kulturelle Faktoren spielen ihrer Meinung nach eine Rolle. Wer aus einer Kultur komme, in der der Grundwert der Frau tiefer sei als hier bei uns, habe möglicherweise weniger Hemmungen, zuzuschlagen. Bren betont aber auch, dass sich bei der Diskussion weniger um die Täter als um die Opfer drehen sollte. Es sei zwar ein Bedürfnis, mehr über die Täter zu erfahren, „damit wir sie und ihr Handeln verurteilen können“. Zielführender sei es aber, das Problem anzuerkennen und zu zeigen, dass man ein solches Handeln nicht duldet. Da seien Schulen, Eltern und Vereine gefragt, die „den Jungen ein gutes Vorbild sein sollen“.  

Der lange Kampf gegen häusliche Gewalt

Lange galt häusliche Gewalt als Tabu, das nach der Einführung des Frauenstimmrechts erstmals auf Parkett kam. Heute arbeiten Fachleute aus verschiedenen Bereichen eng zusammen, um Opfer zu schätzen und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Ein kurzer Rückblick.   

Wer häusliche Gewalt erlebt, hat heute viele Möglichkeiten, sich helfen zu lassen. So arbeiten die Gleichstellung, die Justiz, die Polizei, die Opferhilfe, die Kesb, Ärztinnen und Ärzte und andere Fachpersonen eng zusammen, um Opfer zu schützen und Täterinnen und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Was heute selbstverständlich ist, musste lange und hart erkämpft werden. Ein Kampf, der mit der Annehme des Frauenstimmrechtes im Februar 1971 begann. Im Zuge der neuen Frauenbewegung kamen Themen aufs Parkett, die zuvor als Tabu galten – zum Beispiel häusliche Gewalt. 1977 wurde in Genf schliesslich das erste Frauenhaus der Schweiz eröffnet, es folgten Frauenhäuser in Zürich (1979) und Bern (1980). Und doch blieb das Thema häusliche Gewalt bis weit in die 1990er-Jahre hinein eines, über das nicht gerne gesprochen wurde.

Mit dem Inkrafttreten des Opferhilfegesetzes, das Beratung, Entschädigung und Genugtuung für Opfer regelte, wurde 1993 ein erster wichtiger Meilenstein erreicht. Der grosse Durchbruch gelang schliesslich 1996, als eine gross angelegte Studie zum Thema häusliche Gewalt durchgeführt wurde. Dazu wurden in der ganzen Schweiz 1500 Frauen befragt. Das Ergebnis war erschreckend: 20,7 Prozent oder jede fünfte Frau in der Schweiz hat in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Partner erfahren, 40,3 Prozent der Frauen psychische Gewalt. Die Studie zeigte Wirkung, kurz darauf wurde eine nationale Kampagne zum Thema lanciert. In der Folge wurden Politik und Behörden aktiv, verschiedene Stellen begannen, enger zusammenzuarbeiten. Mit Erfolg: In verschiedenen Kantonen wurden Gesetze angepasst, die den Behörden mehr Handhabe im Kampf gegen häusliche Gewalt gewährten. Und seit 1. April gelten in der ganzen Schweiz einfache Körperverletzung, wiederholte Tätlichkeiten, Drohung sowie sexuelle Nötigung und Vergewaltigung in der Ehe und Partnerschaft als Offizialdelikte. In verschiedenen Kantonen wurden zudem kantonale Stellen geschaffen, dich sich des Themas annahmen.

Um den Kampf gegen häusliche Gewalt unter den Kantonen besser zu koordinieren, wurde 2013 schliesslich die Schweizerische Konferenz gegen Häusliche Gewalt SKHG gegründet. Im Juli 2017 genehmigte die Bundesversammlung schliesslich die Istanbul-Konvention. Diese verlangt, dass Frauen vor jeder Form der Gewalt geschützt sein sollen. Die Konvention trat hierzulande per 1. August 2018 in Kraft.

  • Obwohl häusliche Gewalt heute nicht mehr toleriert wird, wird sie Politik, Behörden und Fachstellen weiterhin beschäftigen. Denn trotz guter Vernetzung, umfangreicher Beratungsangebote und gesetzlicher Verbesserungen, ist häusliche Gewalt nicht ganz zu verhindern. So rückt beispielsweise die Kantonspolizei Bern jährlich rund 1000 Mal wegen häuslicher Gewalt aus. 

  • Häusliche Gewalt im Kanton Bern

    Die Informationen zu diesem Artikel stammen aus der Festschrift zum 10-jährigen Bestehen der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt des Kantons Bern. Diese hat im Hinblick auf das Jubiläum vom 28. November 2017 die Geschichte der Bekämpfung häuslicher Gewalt aufgearbeitet. 



Teilen


Kommentare

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld